nachdenklich schauende Christine Lavant

ERNST PETER PROKOP

Christine Lavant, eine Gefährdete

"Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" von Christine Lavant als "Ö1 Hörspiel". Mit Gerti Drassl. Musik: Franz Hautzinger, Matthias Loibner, Peter Rosmanith. Ton: Jupp Prenn. Bearbeitung und Regie: Peter Rosmanith (Autorenproduktion 2019)

Sechs Wochen verbrachte Christine Lavant im Herbst 1935 als Zwanzigjährige freiwillig in der "Landes-Irrenanstalt" Klagenfurt, nachdem sie mit dem Schlafpulver ihrer Mutter einen Suizidversuch unternommen hatte. Neben ihren psychischen Belastungen durch Krankheiten und körperliche Einschränkungen von Kindheit an spielte dabei vermutlich die unglückliche Verliebtheit in ihren Augenarzt und Förderer Adolf Purtscher eine Rolle.

Im Herbst 1946 schrieb Lavant ihre Erlebnisse in der Klagenfurter Psychiatrie nieder. Was die 20-Jährige im "Irrenhaus" beobachtet, erlebt und empfunden hatte, verdichtete die Erzählerin elf Jahre später zu einem grotesk-realistischen Spiegelbild, in dem die Verhaltensweisen, die Hierarchien, die Machtverhältnisse und Unterdrückungsmuster einer rigiden Klassengesellschaft sichtbar werden, die sich "draußen" und "drinnen" nach den gleichen Methoden organisiert. Ein Kreislauf aus Einschüchterung und Unterwerfung, Angst und Strafe. Man fühlt sich an Dostojewski oder Kafka erinnert.

Schmerzhafte Genauigkeit

Die fiktive Tagebuchschreiberin der Erzählung hält die Einzelheiten des Kampfs um die vorteilhaftesten Positionen auf allen Ebenen des "Betriebs" mit schmerzhafter, sich selbst nicht schonender Genauigkeit und einer unerbittlichen, vor innerer Rebellion bebenden Härte fest. Die Gradmesser ihrer Wahrnehmungen sind Gerechtigkeitsempfinden und Mitgefühl. Auch der unbeachtete, einsame Tod im Vorraum der Klosetts ist Teil des Systems. Erschrocken stellt sie an sich selbst fest, wie sie darüber spekuliert, aus dem Sterben der Mitpatientin einen Vorteil zu ziehen.

Yasmina Haddad

Gerti Drassl leiht der Ich-Erzählerin die Stimme.

Das Durchschauen der internen Strukturen und Abläufe erlaubt es ihr schließlich, den "Grund" ihres Suizidversuchs, ihre unmögliche, "furchtbare Liebe", noch einmal zu treffen und den heimlich Geliebten, den um Jahrzehnte älteren Primarius einer anderen Abteilung des Krankenhauses, der von ihrer Obsession nichts weiß, um die Wiederholung seines einzigen Kusses auf ihre Stirn zu bitten - was in einer grandios burlesken Szene mit einer "Schnupfenkappe" dann auch geschieht.

Wer sich im System "Irrenhaus" so geschickt und erfolgreich zu behaupten versteht wie sie, wird draußen auch zurechtkommen. Sie wird als geheilt entlassen, könnte sich aber vorstellen zu bleiben, verrückt zu werden und es in diesem "Fach" zu einer "Frau Primarius" zu bringen - eine Position, die man nach österreichischem Brauch günstigstenfalls auch durch Heirat erlangen kann. Lavants Selbstironie und ihr subtiler Humor sind nicht zu unterschätzen.

Ein grässliche Tötungsanstalt

Es gibt keinen Prosatext, in dem Christine Lavant sich stärker aussetzte und preisgab als in den Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus. Auslöser für die Niederschrift der Erzählung dürften die zwei großen Prozesse gewesen sein, die im Frühjahr und Herbst 1946 im Zusammenhang mit den sogenannten Euthanasiemorden in Klagenfurt stattfanden. Nur fünf Jahre nach Lavants Aufenthalt in der "Landes-Irrenanstalt" hatte sich dieser Ort in einen der grässlichsten Mordschauplätze des Landes verwandelt. Einschließlich der aus Klagenfurt in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim (OÖ) deportierten Patient/innen sind hier in den Jahren 1940 bis 1945 mehr als 1.500 Menschen der Vernichtung "unwerten Lebens" zum Opfer gefallen.

Christine Lavant, die aufgrund ihrer diversen Beeinträchtigungen keinen Beruf ausüben konnte und die nicht erst seit ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie im Dorf als Außenseiterin, als Asoziale und Verrückte galt - "die spinnt", hieß es -, war zweifellos eine Gefährdete. Sie hatte jedoch Glück und vermutlich auch Schutz. Es ist anzunehmen, dass sie 1935 bei ihrem Aufenthalt im "Irrenhaus" einigen Leidensgenossinnen begegnet war, die die "Herrenmenschen" wenig später wie Ungeziefer vernichteten. Die Erzählung ist so auch ein Gedenken an die, die kein Glück hatten.

Text: Klaus Amann, Literaturwissenschafter

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