Tobias Moretti und Bub

CONSTANTIN FILM

"Deutschstunde" nach Siegfried Lenz

"Ich habe nur meine Pflicht getan" - mit diesem Satz haben vor allem Mitläufer im Zweiten Weltkrieg ihre Mitwirkung an Kriegsverbrechen gerechtfertigt. Der Schriftsteller Siegfried Lenz hat die Thematik von Pflicht und Schuld in seinem 1968 erschienenen Roman "Deutschstunde" zu einem zentralen Werk deutscher Nachkriegsliteratur verdichtet. Nun wurde der Roman vom deutschen Regisseur Christian Schwochow verfilmt.

Mittagsjournal | 30 09 2019

Arnold Schnötzinger

Die Freuden der Pflicht! Einen Aufsatz soll der junge Siggi (Levi Eisenblätter) darüber schreiben, doch er gibt ein leeres Heft ab. Nicht zu wenig, sondern zu viel würde ihm dazu einfallen. Kurz danach in der Einzelverwahrung - die Rahmenhandlung - bahnen sich die Erinnerungen unaufhörlich ihren Weg.

Loyalitätskonflikt

Der Maler Max Nansen (Tobias Moretti) erhält Malverbot. Im Dritten Reich gelten seine Bilder als sogenannte "entartete Kunst". Ein Freund Nansens, der Dorfpolizist Jens Jepsen (Ulrich Noethen) - zugleich Siggis Vater - soll das Verbot überwachen. Der Bub gerät in einen Loyalitätskonflikt: einerseits ist er dem Maler persönlich nahe, andererseits steht der Gehorsam gegenüber dem Vater, der Siggi als Spitzel missbraucht.

Pflicht und Verantwortung

Was ist Pflicht? Wie weit kann und darf sie gehen und wo muss der Ungehorsam im Dienste der Verantwortung beginnen? Der Film "Deutschstunde" lehnt sich in den Grundzügen eng an die literarische Vorlage an, auch im Konzept einer Rahmenhandlung mit Rückblenden. Die Kriegsereignisse selbst sind nur Randerscheinungen, Regisseur Christian Schwochow verlagert die Auseinandersetzung auf die persönliche Ebene: "Siegfried Lenz erzählt den Krieg eigentlich stellvertretend mit nur wenigen Figuren."

Rolle von Emil Nolde?

Schwochow inszeniert ein Duell der Weltbilder: einerseits Offenheit und künstlerische Weitsicht, nicht zuletzt unterstrichen durch die Weite einer norddeutschen Wattmeerlandschaft, andererseits die Engstirnigkeit kleinbürgerlicher Pflichtversessenheit, oft in den düsteren engen Räumen des Polizistenhauses

Die Malerfigur in Siegfried Lenz Roman wurde oft in die Nähe des Malers Maler Emil Nolde gerückt, der etwa mit seinem richtigen Namen Hansen hieß. Doch Regisseur Schwochow winkt diesbezüglich ab: "Der Bezug zu Emil Nolde ist für das, was ich erzählen möchte uninteressant und eigentlich falsch, denn es geht hier vor allem um die Modellhaftigkeit."

NS-Sympathisant Nolde

Eine für Absicht und Aussage des Films, - die Hinterfragung von Pflichtbewusstsein - verständliche Distanzierung, die den Kontext zu Nolde seit Lenz´ Roman nicht vergessen machen kann. Der Film stilisiert den Maler hauptsächlich zum Opfer. In Wirklichkeit, und erst kürzlich ist die Diskussion darüber wieder aufgeflammt, war der Emil Nolde zwar auch Opfer nationalsozialistischer Ächtung, zugleich sind seine Sympathien für die NS-Ideologie hinlänglich bekannt.

Gestaltung

  • Arnold Schnötzinger

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