Esszimmer, um 1925

OLE HAUPT

Pierre-Bonnard-Schau im Kunstforum

Als Busenfreund von Matisse und Hassobjekt von Picasso nahm der 1947 verstorbene Pierre Bonnard eine ganz eigene Position in der klassischen Moderne ein. Das Bank Austria Kunstforum Wien widmet dem französischen Post-Impressionisten eine umfassende Ausstellung, der Titel: "Die Farbe der Erinnerung".

Morgenjournal | 10 10 2019

Wolfgang Popp

Die bewaldeten Abhänge oberhalb von Cannes an der Cote d’Azur, das Blattwerk der Bäume wahre Farbexplosionen vom tiefen Blau bis zum grellen Gelb, dazwischen hundert Töne grün. Doch warum sind diese wilden Farben "Farben der Erinnerung" wie der Ausstellungstitel nahelegt?

"Bonnard malt nie vor dem Motiv, sondern immer aus der Erinnerung. Vor allem, weil ihn das Motiv, wie er sagt, stört und ablenkt", erzählt die Kuratorin Evelyn Benesch.

Der Farbenzauberer

Bonnard scheint eine hochsensible Farbwahrnehmung gehabt zu haben. Zeitzeugen berichten, dass er sah, wie sich die Farben mit der Temperatur veränderten. Für ihn folgte das Spiel der Farben deshalb auch derselben strengen Logik wie das Spiel der Formen.

"Fenster und Türen sind transitorische Orte und symbolisieren damit einen Zustand, der ihm unglaublich entsprochen hat", so Evelyn Benesch. "Das sieht man auch an seinen Selbstbildnissen, auf denen sein Blick stets verschattet ist. Bonnard ist auf seinen Bildern immer gleichzeitig da und weg."

Die rätselhafte Frau

Das mag auch mit seiner Frau Marthe zusammenhängen, die nicht gerne unter Leute ging. Genaueres ist nicht bekannt, doch die Vermutungen der Historiker reichen von einer Sozialphobie bis zu Verfolgungswahn. Rätselhaft war diese Marthe auf jeden Fall - auch für Bonnard. "Pierre Bonnard lernte Marthe 1893 am Montmartre kennen", erzählt Evelyn Benesch. "Als Bonnard sie 25 Jahre später heiratet, erfährt er, dass sie gar nicht Marthe de Méligny, sondern Marie Boursin heißt. Wahrscheinlich litt sie unter einer Art Waschzwang und hielt sich deshalb gerne in der Badewanne auf."

Das sorgte für einige der berühmtesten Gemälde Bonnards, auf denen Marthe in der Wanne liegt oder sich gerade abtrocknet. 49 Jahre lang bis zu ihrem Tod war Bonnard mit Marthe liiert, 384 Mal hat er seine Frau in dieser Zeit gemalt, 147 dieser Bilder sind Akte.

Die Wanne (Das Bad), 1925

Die Wanne (Das Bad), 1925

TATE, 2019

Freund und Feind

Pierre Bonnard war schon während seines Lebens beliebt und erfolgreich: Der Dichter Guillaume Apollinaire nannte seine Bilder einfach, sinnlich und geistreich, und die enge Freundschaft Bonnards zu Henri Matisse war von einer gegenseitigen künstlerischen Hochachtung geprägt.

Ganz anders hingegen das Verhältnis Bonnards zu Picasso. Der schimpfte, was Bonnard mache sei keine Malerei, sondern ein Potpourri der Unentschlossenheit. "Picasso und Bonnard - das kann nicht gehen", so Kuratorin Evelyn Benesch. "Denn die Unentschlossenheit und Offenheit, die an Bonnard fasziniert, ist das genau Gegenteil von Picassos Strich, der ohne Zweifel gesetzt ist und sitzt."

Picassos Eigentor

Das Vorantasten und die Mehrdeutigkeit sind definitiv Stärken Pierre Bonnards, die einen ins Bild ziehen und staunen lassen. Beim Gang durch die Schau im Bank Austria Kunstforum wächst deshalb auch mit jedem Bild die Überzeugung, dass Picasso im Match gegen Bonnard ein Eigentor passiert sein könnte.

Service

Die Ausstellung "Pierre Bonnard - Die Farbe der Erinnerung" ist im Kunstforum Wien bis zum 12. Jänner 2020 zu sehen.

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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