Antonia Haslinger

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Antonia Haslinger, Gitarre

Die 1998 in Salzburg geborene Gitarristin Antonia Haslinger hat bereits bei zahlreichen Wettbewerben reüssieren können. In ihrer Funktion als Stipendiatin der "Live Music Now"-Stiftung tritt sie öfter in Schulen, Altenheimen und Spitälern auf. Derzeit verfolgt die Gitarristin ein Konzertfach- und Instrumentalpädagogik-Studium an der Universität Mozarteum Salzburg bei Eliot Fisk, zusätzlich hat sie auch ein Studium der Politikwissenschaft absolviert.

Meiner Meinung nach ist es unmöglich, Kunst exakt zu definieren - und gerade diese „Undefinierbarkeit“ macht Kunst auch aus. Zudem umfasst Kunst so viele Bereiche unseres Lebens, dass eine einzige Definition von Kunst nie allen Teilbereichen entsprechen oder gar gerecht werden könnte. Für jeden Menschen hat Kunst eine ganz eigene Bedeutung. Was Kunst ist und was nicht, kann gar nicht klar bestimmt werden. Das merkt man besonders an Diskussionen rund um moderne Kunst: Ein gutes Beispiel dafür ist der berühmte Ausspruch einer Reinigungskraft, die sich bei einem Kunstwerk von Josef Beuys nicht sicher war, ob es sich dabei um Abfall oder ein Werk des Künstlers handelte und fragte: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“

Nachdem es also keine allgemein gültige Definition von Kunst geben kann, versuche ich zu formulieren, was Kunst für mich ist: Eine lebensnotwendige Form des Ausdrucks. Ein Leben ohne Kunst - im Speziellen ohne Musik - wäre für mich unvollständig, denn ohne sie könnte ich viele meiner Emotionen und Gedanken überhaupt nicht zum Ausdruck bringen. Wie auch Victor Hugo schon sagte: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“

Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Ich glaube, dass nicht ich zur Kunst gekommen bin, sondern die Kunst zu mir.

Kommt Kunst von können, müssen oder wollen?

Kunst kommt - zumindest in meinem Fall - vom Wollen zu können. Das Besondere am Erlernen eines Instruments ist, dass man genau so viel bekommt, wie man gewollt ist, zu investieren. Abgesehen von besonderes „talentierten“ oder „begabten“ Menschen (was auch immer diese Begriffe genau umfassen sollten), ist es tatsächlich so, dass wenn man viel Zeit am Instrument verbringt und in den Ausbau des eigenen Könnens investiert, auch belohnt wird. Man wird immer besser, kann immer beeindruckendere Werke erlernen und hat zunehmend mehr Spaß daran, Musik zu machen. Kunst kann aber in manchen Fällen auch vom Müssen kommen.

Manche Menschen haben in bestimmten Situation gar keine andere Wahl, als künstlerisch tätig zu sein, um nicht die Hoffnung zu verlieren und weiter leben zu können. Dabei denke ich besonders an Kunst, die den Widerstand der Bevölkerung gegen bestimmte Regime widerspiegelt. Solche Bewegungen lassen sich in verschiedenen Ländern zu verschiedenen Zeiten der Geschichte festmachen. Kunst hatte in vielen Situationen der Weltgeschichte eine stark politische Komponente. Speziell Opern des 19. Jahrhunderts weisen oft politische Konnotierungen auf. Beispielhaft sind Werke des Komponisten Giuseppe Verdi: Dieser galt und gilt nach wie vor als „Barde der italienischen Nationalbewegung“.

Wo würden Sie am liebsten auftreten?

Natürlich gibt es wunderschöne Orte, an denen sich fast alle Musiker/innen wünschen, einmal aufzutreten: Beispiele dafür sind die Carnegie Hall in New York, Royal Albert Hall in London oder den Musikverein in Wien. Allerdings muss ich sagen, trete ich vor allem gern dort auf, wo die Menschen im Publikum wirklich die Musik schätzen. Da ich Stipendiatin von "Live Music Now" bin, trete ich regelmäßig in Altenheimen, Schulen oder Krankenhäusern auf und denke mir jedes Mal wieder - es spielt eigentlich vor allem das Publikum eine Rolle, weniger der Ort, an dem man spielt. Menschen, die Musik wirklich schätzen und nicht die Künstler/innen und deren Interpretation verurteilen, sondern einfach genießen und nach dem Besuch eines Konzerts wirklich glücklicher sind, als davor. Genau das ist auch das Ziel aller Musiker/innen - Menschen sollten nach dem Besuch eines Konzerts in jedem Fall anders gestimmt hinausgehen, als sie hineingegangen sind.

Mit wem würden Sie gerne zusammenarbeiten?

Generell mit jedem Musiker bzw. jeder Musikerin, der bzw. die gewollt ist, wirklich 100 Prozent zu geben. Da ich sehr viel Kammermusik mache und schon in den verschiedensten Kombinationen Konzerte gespielt habe, weiß ich, wie wichtig es ist, dass alle Musiker/innen, die in ein solches Projekt involviert sind, auch wirklich den Willen aufbringen, zu arbeiten. Damit meine ich nicht nur, dass man vorbereitet in eine Probe kommt, sondern auch Offenheit für Extraproben vor dem Konzert. Genau so wichtig ist Professionalität, wenn es darum geht, an Auftritte zu kommen. Das bedeutet zeitgerechte Organisation des eigenen Terminkalenders und auch zeitgerechtes Antworten auf Anfragen per Mail oder WhatsApp. Wenn es darum geht, ein Engagement sicher zu bekommen, sollte man „Kunden“ nicht zu lang auf eine Zu- bzw. Absage warten lassen - und auch nicht Teile des Ensembles, die ja versuchen, organisiert und planend zu arbeiten.

Wie viel Markt verträgt die Kunst?

Mir stellt sich eher immer die Frage, ob die Kunst per se den Markt überhaupt braucht. Ohne Zweifel aber müssen Künstler/innen sich nach den Regeln des Marktes richten, wenn sie auch von ihrer Kunst leben wollen. Wenn man das als Künstler/in nicht will, wäre es vielleicht gut, Kunst unabhängig vom eigenen Einkommen zu betreiben - heißt, man hat einen „normalen“ Job, der nur dazu dient, Geld zu verdienen, um marktunabhängig Kunst machen zu können. Da für die meisten Künstler/innen aber kein Beruf, der nicht im Bereich der Kunst zu verorten ist, in Frage kommt, hat der Markt auch einen großen Einfluss auf die Arbeit von KünstlerInnen - wie viel Markt diese verträgt, ist wahrscheinlich von Person zu Person unterschiedlich.

Und wie viel Kunst verträgt der Markt?

Auch hier ist es schwierig zu sagen, inwiefern der Markt per se die Kunst braucht. Natürlich gibt es beispielsweise einen riesigen Markt für bildende Kunst, allerdings hat die Art und Weise, wie dieser Markt funktioniert, nicht allzu viel mit Kunst an sich zu tun. Es wird mit Gemälden gehandelt, die einen hohen Wert erzielen, da zum Beispiel die Nachfrage nach bestimmten Künstlerinnen gerade sehr hoch ist. Das hat aber nichts mit dem Gemälde und der Kunst zu tun. Die Regeln und Logik des Marktes entsprechen selten, wenn sogar überhaupt nicht, den Regeln der Kunst. Da Kunst für mich etwas sehr Undefinierbares ist, gibt es auch weniger Regeln und keine allgemeine Logik, die man auf den Markt und dessen Funktionsweise ummünzen könnte.

Wofür würden Sie Ihr letztes Geld ausgeben?

Das hängt komplett davon ab, wie viel Geld das wäre und in welcher Situation ich mich befinden würde.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich bin kein Fan davon, mir konkret vorzustellen, wo ich in zehn Jahren sein werde. Was ich im Laufe meiner Karriere immer wieder bemerkt habe, ist, dass sich ständig neue
Möglichkeiten ergeben. Wenn ich jetzt aber eine fixe Vorstellung davon haben würde, wo ich in zehn Jahren sein werde, verliere ich all die Chancen und Möglichkeiten, an die ich bis jetzt nicht einmal gedacht habe, da mich diese ja vielleicht in eine ganz andere Richtung drängen würden, als ich mir vorgestellt habe. Das Wichtigste ist also Offenheit dafür, auch Neues auszuprobieren, um sehen zu können, wo ich überall in zehn Jahren sein könnte.

Haben Sie einen Plan B?

Kann man wirklich gut in dem werden, was man machen möchte, wenn man im Hinterkopf immer die Möglichkeit eines „Plan B“ hat? Sind nicht gerade diese unglaubliche Willenskraft und das Ablegen jeglicher Zweifel absolut notwendig dafür, um erfolgreich zu sein? Natürlich ist es gut, sich zu fragen, ob das, was man macht, auch dabei behilflich sein kann, finanziell zu überleben - allerdings leben wir glücklicherweise in einer Zeit, wo es (fast in allen Fällen) möglich ist, von dem zu leben, was man gerne tut. Wir haben so viele Chancen wie kaum eine Generation zuvor unser Leben nach unseren Wünschen zu gestalten, dass es nicht vonnöten ist, sofort einen „Plan B“ oder vielleicht sogar einen „Plan C“ und „Plan D“ zu haben. Was man in meinem Fall vielleicht als „Plan B“ bezeichnen könnte, ist mein abgeschlossenes Studium der Politikwissenschaften. Allerdings hatte ich nie diesen Hintergedanken, das als „Plan B“ zu haben: Ich habe Politik studiert, weil ich immer schon politisch interessiert war und auch Musik immer politische Funktionen in der Geschichte hatte und es mir daher auch passend zu meinen Studien der Musik vorkam.

Wann und wo sind Sie das letzte Mal unangenehm aufgefallen?

Bei meinem letzten Flug, wo ich wieder einmal die Gitarre mit an Board nehmen wollte, ohne einen extra Sitzplatz zu bezahlen.

Wollen Sie die Welt verändern?

Auch hier möchte ich mich auf ein Zitat beziehen. Leonard Bernstein sagte: „The point is, art never stopped a war and never got anybody a job. That was never its function. Art cannot change events. But it can change people. It can affect people so that they are changed...because people are changed by art - enriched, ennobled, encouraged - they then act in a way that may affect the course of events...by the way they vote, they behave, the way they think.“ Außer meiner eigenen, möchte ich keine Welt verändern. Doch Kunst an sich kann natürlich über verschiedene Ecken durchaus einen bedeutsamen Einfluss auf das Weltgeschehen haben. Genau deshalb ist Kunst lebenswichtig.