Ein Trabant-Fahrer benutzt das DDR - Nationalitaetskennzeichen neben dem Berliner Nummernschild

AP/HERBERT KNOSOWSKI

Von wegen grau!

Von der Vielfalt eines Einheitsstaates und dem Versuch, sich ihr zu nähern - der Ö1 Programmschwerpunkt "30 Jahre Fall der Berliner Mauer" vom 3. bis 17. November.

Seit sechs Jahren lebe ich in Berlin. Nicht nur, aber auch. Und das mit großem Interesse. Schon am Anfang meiner Berliner Bürgerinnenschaft stellte ich fest, dass mir Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind und sie noch bewusst erlebt haben, oft näher waren als Westdeutsche. Ein Wort wie "Gesellschaftsordnung" war und ist mir aus Österreich völlig vertraut. Auch der Gedanke, dass das Gemeinwohl vor dem Eigennutzen steht, stößt bei mir nicht auf wilden Widerspruch. Ich begann, mich mit der Geschichte der DDR auseinanderzusetzen.

Opa Manfred war Agentenführer

Im Laufe der Zeit lernte ich immer mehr "DDRler/innen" kennen. Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten und ideologischen Richtungen. So zum Beispiel Opa Manfred, Großvater einer 31-jährigen Freundin. Opa Manfred war Agentenführer im Sektor Wissenschafts-, Technik und Wirtschaftsaufklärung in der HVA, der Hauptverwaltung Aufklärung, also dem Auslandsnachrichtendienst der DDR. "Unsere Aufgabe war es, militärische und wirtschaftspolitische Überraschungen zu verhindern und dabei unsere eigene Volkswirtschaft zu stärken."

In der DDR bekam ich alle Chancen der Welt

Manfred Fröbel wurde 1947 in Saalfeld geboren, 1973 kam er für ein Forschungsstudium nach Berlin und promovierte in Ingenieurökonomie. "In der DDR bekam ich alle Chancen der Welt!" 1975 wurde er von der HVA angeworben. "Ich war Bürger der DDR, ich bin da aufgewachsen und fühlte mich dem Staat verbunden. Aber je älter ich wurde, desto mehr Widerstände entdeckte ich. Ich sah aber keine Chance, etwas zu ändern. Ich war kein Revolutionär. Ich war Opportunist, wie jeder, der mehr wusste."

Verloren mit der Wiedervereinigung

Mit der deutschen Wiedervereinigung verlor er nicht nur seinen Arbeitsplatz, sondern auch einen Großteil seiner Pensionsrechte. Nicht aber seine politische Überzeugung: "Ich bereue mein Leben dort nicht!" Zwei Dinge weiß er: Der Kapitalismus produziert unmoralischen Reichtum und brutale Armut. Und: Man kann Menschen nicht zum Sozialismus zwingen.

In Pankow besuchte ich Annette Simon, die ältere Tochter der Schriftstellerin Christa Wolf. Sie ist Psychoanalytikerin, übt also einen Beruf aus, den es in der DDR nicht gab. "In der DDR herrschte eine paranoide Minderheit über eine sehr unterschiedlich denkende Bevölkerung. Man könnte sagen, diese paranoide Minderheit hat die anderen eingesperrt, um ihre eigenen Ängste zu bewältigen, ihr System zu halten und zu stabilisieren."

Arbeiten für den Staat und den Frieden

Es gab Funktionäre, die aus Überzeugung handelten, solche, die zweifelten, und solche, die Karrieristen waren, sagt Simon. Wie überall auf der Welt, möchte man ergänzen. Was Simon besonders hervorhebt: In der DDR habe man nur für "den Staat und den Frieden" gearbeitet. Die persönliche Entwicklung des Einzelnen sei auf der Strecke geblieben.

Das sehen nicht alle so. Die Publizistin Daniela Dahn, die fast ein Dutzend Bücher über die oftmals sehr unangenehmen Folgen der deutschen Wiedervereinigung verfasst hat, findet den Vorwurf, es habe keine Vielfalt und keine Möglichkeit der persönlichen Entfaltung gegeben, falsch. Sowohl politisch als auch kulturell habe es unterschiedliche Kreise gegeben, in denen man die von der SED gesteckten Grenzen umgehen und auch ausweiten konnte.

Für das "Radiokolleg - Es gab nicht nur eine DDR" habe ich 23 Menschen interviewt. Das Bild, das sie von dem Land zeichnen, das im Herbst 1989 zu Ende ging, könnte nicht vielschichtiger und bunter sein.

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