Verena Mermer

ALEKSANDRA PAWLOFF

Haltestelle Hoffnung

"Tonspuren" über die österreichische Autorin Verena Mermer.

Montagabend, 20 Uhr: Vienna International Bus Terminal - ein klingender Name für einen schäbigen Ort. Direkt unter der Wiener Stadtautobahn Südosttangente befindet sich Österreichs größter Busbahnhof. "Ein verstecktes Areal hinter Plakatflächen und Maschendrahtzaun", schreibt die österreichische Schriftstellerin Verena Mermer in ihrem Roman "Autobus Ultima Speranza". Darin beschreibt sie das Leben von Arbeitsmigrant/innen, die zwischen Österreich und Rumänien mit dem Fernbus pendeln.

Die Busfahrer bleiben stur

An diesem Montagabend fährt der Nachtbus nach Rumänien von Standplatz Nummer acht weg. Drei Ungarinnen verhandeln mit den zwei rumänischen Fahrern. Sie wollen nach Budapest fahren, wo der Bus einen Zwischenstopp macht. Sie haben ein Ticket von der Buslinie, aber ihr Bus geht vom Wiener Hauptbahnhof weg. Sie haben sich im Abfahrtsort geirrt. Sie lassen nicht locker. Die Busfahrer bleiben stur. Ein Kauderwelsch aus Englisch, Rumänisch und Deutsch folgt. Der Sicherheitsdienst wird geholt. Eine Mitarbeiterin des Busbahnhofbetreibers kommt hinzu und sagt: "Abfahren! " Die Türen gehen zu. Die Ungarinnen bleiben draußen.

Die Arbeitsmigrant/innen kämen in der Literatur nicht oft genug vor, sagt Mermer, obwohl das Phänomen als solches einen großen Teil der Bevölkerung betreffe. "Ich verstehe mich als diejenige, der die Aufgabe zugefallen ist, ihre Erzählungen zusammenzutragen, die einzelnen Fragmente in verfremdeter und neu zusammengesetzter Form zu überliefern." Drei Jahre lang ist Mermer selbst zwischen Wien und der rumänischen Stadt Cluj-Napoca gependelt. Nach dem Studium der Germanistik fand sie keine Arbeit in Wien und bewarb sich daher für eine universitäre Lektoratsstelle in Rumänien.

Wien, Neu-Delhi, Baku, Cluj-Napoca

Bereits früh zog es sie hinaus in die Welt. Mit 14 Jahren aus dem Dorf ihrer Kindheit im südlichen Niederösterreich nach Wien. Sie studierte neben Germanistik auch Romanistik und Indologie. Später arbeitete sie in der indischen Hauptstadt, Neu-Delhi, in der Hauptstadt Aserbaidschans, Baku, und schließlich in Cluj-Napoca. Im kommenden Jahr wird sie in die USA gehen. Ihr Lebensmittelpunkt ist Wien.

Das private Ich interessiert sie beim Schreiben nicht. Wo ist dabei der Gewinn für andere, fragt sie sich. "Auch wenn ich dabei oft genug an meine Grenzen stoße und es anstrengend ist, will ich Politik und Gesellschaft in die Literatur hineinbringen." Die Gruppe der Arbeitsmigrant/innen haben nicht nur das Rohmaterial für ihren Roman "Autobus Ultima Speranza" geliefert, sondern auch zahlreiche Formulierungen, Denk- und Betrachtungsweisen. So erwähnt sie in ihren Danksagungen am Ende des Romans stellvertretend einen Menschen, der von Irland Richtung Rumänien fuhr. Auf der Titanic seien damals Menschen aus Irland in die USA gelangt, heute migrierten Rumän/innen mit Bussen nach Irland, schilderte er in einer Rauchpause.

Nebenjob Beobachten

Für ihre schriftstellerische Arbeit hat die 35-jährige Autorin zahlreiche Preise und Stipendien erhalten. Wenn sie vom Schreiben gerade nicht leben kann, sucht sie sich einen Nebenjob und beobachtet, wie sich die Menschen in ihrer Umgebung verhalten. Derzeit arbeitet sie als Protokollantin im Nationalrat und in Untersuchungsausschüssen.

Für die "Tonspuren" hat sich Verena Mermer wieder in den Bus nach Rumänien gesetzt. Das Gespräch fand in Bewegung statt - in einer Nische des Busbahnhofs, im Beisl mit stärkendem Abendessen vor der Abfahrt, in der Dunkelheit des fahrenden Busses und schließlich um 4.40 Uhr, vor dem Morgengrauen, auf dem Hauptplatz der Grenzstadt Oradea.

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