Harry Kupfer

APA/HERBERT PFARRHOFER

Regiealtmeister Harry Kupfer gestorben

Der Regisseur Harry Kupfer ist mit 84 Jahren verstorben. Der Berliner war über sechs Jahrzehnte eine zentrale Figur des Musiktheaters. Mit seinem "Ring" in Bayreuth schrieb er Geschichte, die Komische Oper Berlin führte er von der DDR in die Wiedervereinigung und das Wiener Musical prägte er mit Arbeiten wie "Elisabeth" maßgeblich.

Der am 12. August 1935 geborene Berliner verdankte seinen Beruf eigentlich einer großen Musikalität - und einer schwachen Stimme. Weil er nicht singen konnte, sei ihm nur das Regiefach geblieben, um seine Leidenschaft für die Oper zu stillen, erklärte er einst. Mit 23 Jahren gab er sein Regiedebüt mit Antonin Dvoraks "Rusalka" in Halle. Nach Stralsund, Chemnitz, Weimar und zuletzt als Staatsoperndirektor in Dresden, zog es Kupfer 1981 als Chef an die Komische Oper Berlin.

Legendäre Inszenierungen

Der Moderne und den verfemten Komponisten fühlte sich der Schüler von Regiemeister Walter Felsenstein im Laufe seiner langen Karriere stets verpflichtet. 1994 hatte Kupfer Berthold Goldschmidts musikalische Tragikomödie "Der gewaltige Hahnrei" auf die Bühne gebracht. Nach dem Verbot durch die Nazis war das Werk 60 Jahre nicht mehr gespielt worden. Zu Kupfers Sternstunden gehörten fesselnde Deutungen von Aribert Reimanns "Lear", Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten" oder 1986 bei den Salzburger Festspielen die Uraufführung von Pendereckis "Die schwarze Maske". Auch mit der Uraufführung von DDR-Komponisten - von Siegfried Matthus bis Udo Zimmermann - machte sich der Theatermacher einen Namen.

Pendler zwischen den Welten

Zugleich pendelte Kupfer auch schon zu DDR-Zeiten beständig zwischen Ost und West. So war Kupfer sowohl Träger des Nationalpreises der DDR I. Klasse (1983) als auch des Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern (2002). Bereits 1978 brachte es Kupfer bis nach Bayreuth, wo er mit einem "Fliegenden Holländer" in psychoanalytischer Deutung bei Wagnerianern eher gemischte Reaktionen auslöste. Zehn Jahre später legte er am Grünen Hügel mit Daniel Barenboim den "Ring des Nibelungen" vor - die Fallstudie aus dem Irrenhaus wurde als Jahrhundertereignis gefeiert. Die Figuren hausten in Betonbunkern, abgewrackten Kläranlagen und zertrümmerten Glaspalästen.

Pendler zwischen den Genres

Bei den Salzburger Festspielen wurde 2014 sein "Rosenkavalier" umjubelt, und ein Meilenstein wurde auch die Aufführung der zehn wichtigsten Wagner-Werke an der Berliner Staatsoper - wieder mit Barenboim am Pult. Lange galt Kupfer als "Opernkönig von Berlin", wie die "Zeit" einst schrieb. Zugleich war Kupfer nie auf das Opernfach beschränkt, sondern wandte sich durchaus auch der breitenwirksameren Bühnenkunst zu - vor allem in Wien. Hier zeichnete er etwa 1992 für die Uraufführungsinszenierung des Erfolgsmusicals "Elisabeth" und 1999 für "Mozart!" verantwortlich.

Prägend für eine Epoche

Als er 2002 nach 21 Jahren als Chefregisseur der Komischen Oper abtrat, hatte das Haus 37 Kupfer-Inszenierungen im Repertoire. Mit seinem realistischen Musiktheater und seiner präzisen Personenführung hatte er eine Epoche geprägt. Nach einer Phase der Unstimmigkeiten, kehrte Kupfer als Regisseur auch wieder an "sein" Haus zurück. So kam die letzte seiner über 200 Operninszenierungen - Händels "Poro" in diesem Frühjahr - an der Komischen Oper heraus und wurde gefeiert. Ein würdiger Abschied für den großen Musiktheatermeister.

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