Marlene Streeruwitz

APA/GEORG HOCHMUTH

So ist die Welt geworden

Marlene Streeruwitz' Corona-Roman

Wenn das Verschwinden einzelner Socken nach dem Waschen oder der schmutzige Küchenboden zur Katastrophe werden und ein falscher Klick im Onlineformular zu Tränenströmen führt: Der Covid-19-Roman "So ist die Welt geworden" erzählt von der aus den Fugen geratenen Innen- und Außenwelt.

Fortsetzung jeden Donnerstag

Einer der zahlreichen kulturellen Nebeneffekte der Corona-Krise: Man kann praktisch täglich Schriftstellerinnen und Schriftstellern online bei Ihrer Arbeit zuschauen: Auf zahlreichen Kanälen lesen sie aus Neuerscheinungen oder noch unveröffentlichten Texten, oder dokumentieren - allein oder gemeinsam - in Onlinetagebüchern ihre literarische Sicht auf die Welt im Stillstand.

Und seit Ende März kann man im Internet auch dem ersten Corona-Roman beim Wachsen zusehen. "So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman." heißt das Prosawerk von Marlene Streeruwitz, das auf ihrer Webseite jeden Donnerstagabend (eine Reminiszenz an die Donnerstagsdemos) um drei Kapitel erweitert wird.

Literarischer Befreiungsschlag

Eigentlich war es nicht ihre Idee, sondern ein Auftrag, der den Anstoß zum befreienden Drauflosschreiben gab, erzählt Marlene Streeruwitz: "Ich war schon zwei Wochen in Quarantäne, weil ich aus dem Ausland gekommen war, saß schon tief in der Depression, da kam die Anfrage vom 'Standard', ob ich bei einem Projekt mitmachen wollte. Und das hat mir ungemein geholfen."

Streeruwitz schrieb also weiter und schickt ihre Protagonistin, eine Schriftstellerin namens Betty, seither auf ihrer eigenen Webseite Kapitel für Kapitel durch die emotionalen und physischen Phasen der Krise - wenn plötzlich alle Einkünfte und Sozialkontakte wegbrechen und die depressive Gleichförmigkeit der Tage sie fast erdrückt.

Die ausgedachten Freundinnen

Gegen die Depression und Einsamkeit ersinnt sich Betty zwei imaginäre Freundinnen: Die fröhliche Irma und die perfekte, gestrenge Fiorentina Evelyn werden fortan zu aufmunternden, tadelnden, aber auch aufmüpfigen Gesprächspartnerinnen.

"Einerseits könnte man das als unsere inneren Stimmen lesen, die wir ja alle in uns tragen, andererseits auch als die Stimmen unserer Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, die sich uns eingeprägt haben. Als Literatin greife ich lieber auf solche Stilmittel zurück als Freud und das Unbewusste auszugraben."

Große Gedanken in kleinen sprachlichen Strukturen

Streeruwitz tut, was sie fast immer tut: Packt große philosophische Grundsatzdiskussionen über soziale Gerechtigkeit, Freiheit und Selbstermächtigung in zwanglose, fast beiläufige Sprache und verwandelt ganz praktische Alltagssorgen in grundlegende Metaphern für eine Gesellschaft im Ausnahmezustand - von der Verzweiflung über die Tücken des Online-Antrags für den Härtefallfonds bis zur Resignation, weil Betty es tagelang nicht schafft, ihren Küchenboden aufzuwaschen.

Durchbrochen wird der mäandernde Gedankenstrom durch die zahlreichen für Streeruwitz so charakteristischen Interpunktionen, die sich vehement zwischen die einzelnen Satzteile oder sogar Worte drängen: als Stolpersteine, Sollbruchstellen, Pufferzonen oder freundliche Anleitungen zum spielerischen Innehalten und Reflektieren.

Ausgang ungewiss

Ob das Sich-Fügen und Anpassen, das Sich-Unter- und Einordnen in die aktuelle Situation nun lebensnotwendiger Ausdruck einer funktionierenden Demokratie oder die Vorstufe politischer Bevormundung ist, werde sich weisen.

Bis dahin schreibt Marlene Streeruwitz ihren Covid-19-Roman weiter, einem ungewissen Ende entgegen. Kleine, erheiternde und erhellende literarische Momentaufnahmen, die wohl erst im Rückblick ein umfassendes Ganzes ergeben werden.

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Marlene Streeruwitz - So ist die Welt geworden. Der Covid19 Roman.

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