Elke Tschaikner und Christian Scheib

ORF/JOSEPH SCHIMMER

le week-end

Alone Together

Auf der virtuellen Bühne kennen wir vom Radio uns ja aus. Wir haben keine andere. Unglücklicherweise aber haben zurzeit all jene, deren Leben bis vor kurzem von den realen Bühnen abhingen, diese nun vorläufig nicht mehr.

Die virtuellen Bühnen vervielfachen sich deswegen gerade. Le week-end lädt daher heute zu einer kleinen virtuellen Party ein mit einigen Freunden und deren Musik vom Feinsten.

Peter Ablinger - Song for Less

Komponist Peter Ablinger teilt seit letzter Woche im Netz seinen im home office mit nur sich selbst, Stimme und Pfeifen, und mit ein paar Scheren fabrizierten "Song for Less", das "Lied für Weniger". Wenn das nicht früher oder später zu jenem Jazzstandard wird, der an diese außergewöhnlichen Zeiten erinnert, würden wir uns schon sehr wundern - eine fragile Hymne auf eine neue Zeit des Weniger.

Song for Less: Mit schwarzem Stift auf weißem Papier skizziert Peter Ablinger im Jahr 2012 Text und Melodie und legt das Blatt beiseite. In diesem stillen April 2020 erinnert er sich daran, nun ist der richtige Zeitpunkt, dieses Kleinod über das Weniger mit wenig zu realisieren.

Peter Herbert - "alone together"

Doch nicht nur in der Berliner Werkstatt des Peter Ablinger wird kreativ gearbeitet. Kontrabassist Peter Herbert spielt im menschenleeren Jazzclub Porgy & Bess alleine und doch nicht alleine. Peter Herberts Solokonzert "alone together" wird gestreamt, wie so vieles. Der Livestream am Samstagabend ist gratis, "pay as you wish" finanziell etwas beitragen. Vor beinahe zwanzig Jahren - da wurde Peter Herbert als Artist of the Year mit dem Hans Koller Preis ausgezeichnet - bestritt er übrigens das Galakonzert zur Preisüberreichung 2001 ebenfalls solistisch im Porgy & Bess.

Akkordeon, Cello und Schubert

Ganz frisch ist das nächste Kleinod, das aus zwei Wohnzimmern kommend via Internet auf dem "le week"-end Horizont kürzlich aufgetaucht ist. Auf der einen Seite der Akkordeonist Christian Bakanic, der kürzlich auch in der neuen online Konzertreihe des Wiener Konzerthauses zu erleben war. Auf der anderen Seite des Bildschirms der Cellist Florian Eggner. Von wegen ungewöhnliche Instrumentenkombinationen: Mit Akkordeon und Cello spielen sie Musik, die eigentlich für Klavier und Arpeggione komponiert wurde.

Dieses Instrument mit kurzer Karriere, der Arpeggione, ist 1824, als Schubert dafür komponiert, ein ganz neues sechssaitiges Experiment des Wieners Johann Georg Stauffer, genannt auch Bogengitarre oder Gitarren-Violoncell. Zeitgleich tüftelt in Budapest ein anderer Instrumentenbauer an Ähnlichem und nennt es Guitare D'Amour, Bogengitarre oder auch Sentimentalgitarre.

Und wir staunen, wie tröstlich und schön Schuberts Arpeggione-Sonate fast 200 Jahre später klingt, wenn ein Akkordeon und ein Cello alone together den Weg zueinander finden.

Lucia Böck spielt Bach

Wenn es etwas Positives an der derzeitigen Zeit ohne reale Konzertbühnen gibt, dann ist es eine erhöhte Durchlässigkeit für Entdeckungen. Die 1998 geborene, also einundzwanzig Jahre junge und seit Jahren "award winning" Saxophonistin Lucia Böck hat uns eine Aufnahme geschickt. Wieder ein Arrangement: Die berühmte "Air" aus der 3. Orchestersuite von Johann Sebastian Bach in einer Fassung für Saxophon und Orgel. Und es ist faszinierend, wie diese Klänge verschmelzen, wie sich der erste Saxophonton langsam aus dem Orgelklang herausschält.

Situationsbedingt entstand diese Aufnahme nicht in einer Kirche, sondern zu Hause mit einer Digitalorgel. Saxophon: Lucia Böck, Saxophon, Vater Johannes Böck, Orgel, Bruder Sebastian Böck, ebenfalls Musiker, Aufnahmeleitung.

Christian Bakanic spielt Domenico Scarlatti

In das 18.Jahrhundert entführt uns einer der Protagonisten auf der dieswöchigen, virtuellen "le week-end"-Bühne in so bühnenlosen Zeiten, der Akkordeonist Christian Bakanic. Er denke zurück an seine Studienzeiten, lässt er uns per Videobotschaft wissen, und lässt uns einen wunderfeinen, beinahe melancholischen Domenico Scarlatti hören.

Mercy, Mercy, Mercy

Christian Bakanic wechselt nun das Instrument und schnallt seine diatonische steirische Ziehharmonika um. Als wahrer le week-endist und somit Eklektiker hat er wieder eine Überraschung für uns vorbereitet. Kein Jodler und keine Polka soll es nun sein, sondern ein Klassiker eines Wiener Komponisten. Joe Zawinuls "Mercy Mercy Mercy", umgedeutet in Hausmusik aus dem Wohnzimmer des Akkordeonisten Christian Bakanic.

Peter Herbert und Barry Guy beim musikprotokoll

Das Ende dieses virtuellen "le week-end" Konzertes ist ein Duo, das es bisher nur ein einziges Mal gab: Die beiden Kontrabassisten Peter Herbert und Barry Guy spielten nur ein einziges Mal gemeinsam und ohne Begleitband und das war beim ORF-musikprotokoll 2017 in Graz.

Nach einem gut dreiviertelstündigen Herausfordern und Abtasten, Hinterfragen und Positionbeziehen, folgte die natürlich ebenso improvisierte Schlussnummer. Und es war, als ob die Beiden uns sagen wollten, nun ist es soweit, vergesst die Aufregung, wir lieben einander, wir lieben unsere Kontrabässe, und wir lieben Euch, das Publikum. Peter Herbert und Barry Guy beim musikprotokoll 2017.

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