Collage aus dem Buchumschlag

HOFFMANN UND CAMPE

Biografie des Ehepaars Dora und Walter Benjamin

Die Geisteswissenschaften feiern den Philosophen Walter Benjamin, bekannt für seine "Berliner Chronik", sein "Moskauer Tagebuch" und vor allem das epochale "Passagen-Werk", gern als hehre Lichtgestalt. Ein neues Buch rückt Benjamins Ehefrau Dora ins Zentrum der Betrachtung. "Das Echo Deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung" zeigt nicht nur Doras Bedeutung als Journalistin in der Weimarer Republik, sondern auch die Schattenseiten eines berühmten Philosophen.

Korrektur einer Schieflage

"Ich fand es empörend, dass Dora Benjamin, beziehungsweise Dora Sophie Kellner durchwegs als dumme Gans, Klatschbase und dergleichen bezeichnet wird. Und dass selbst moderne Benjamin-Biografen überhaupt nichts unternommen haben, um dieses Bild zu korrigieren", sagt die Germanistin Eva Weissweiler. Sie hat die Geschichte dieser schwierigen Beziehung vom ersten Kennenlernen an nachgezeichnet.

Das fand 1913 im sogenannten "Sprechsaal" statt, einer Diskussionsrunde von Studenten, jungen Intellektuellen und Künstlern. Dora war damals 23 und noch mit ihrem ersten Mann verheiratet und Walter zwei Jahre jünger und gerade anderweitig liiert. Ein Paar wurden die beiden deshalb erst 1916 und das in einer Atmosphäre, die so gar nicht dem Klischee des biederen Wilhelminischen Zeitalters entsprach.

Sexuelle Libertinage

"Gerade in den studentischen und intellektuellen Kreisen, in denen Dora und Walter Benjamin verkehrten, war man doch sehr beeinflusst von Siegmund Freund, von Karl Kraus, und hat durchaus eine gewisse orgiastische und unkonventionelle Lebensweise gepflegt, die auch eine große sexuelle Libertinage mit sich brachte", so die Autorin.

Dora und Walter heirateten 1917, ein Jahr später kam Sohn Stefan auf die Welt, das hielt die zwei aber nicht von außerehelichen Affären ab. Vor allem Walter war oft monatelang unterwegs, während Dora für das Familieneinkommen sorgte. Zuerst als Übersetzerin, später dann als Journalistin.

Buchcover

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Lange dem Mann zugeschrieben

"Die erste eigenständige Schrift, die von ihr nachzuweisen ist, ist der Aufsatz 'Die Waffen von morgen' (1925) auf der ersten Seite der 'Vossischen Zeitung' - für eine Newcomerin ganz enorm", sagt Eva Weissweiler. "Darin setzt sie sich vehement gegen den Einsatz von Giftgas in künftigen Kriegen aus. Dieser Aufsatz ist jahrzehntelang Walter Benjamin zugeschrieben worden."

Dora Benjamin war Chefredakteurin der "Praktischen Berlinerin", die man heute als Lifestyle-Magazin bezeichnen würde, veröffentlichte aber auch im "Uhu", einer der führenden Zeitschriften der Weimarer Republik, für die auch Albert Einstein, Bertolt Brecht oder Kurt Tucholsky schrieben.

Erfrischendes Porträt

Die Ehe zwischen Dora und Walter wurde mehr und mehr vom Miteinander zum Nebeneinander, einem Nebeneinander allerdings, das sich ganz gut einspielte. Bis sich Walter Benjamin in die lettische Revolutionärin und Theatermacherin Asja Lacis verliebte. "Er wollte ihr die Aufenthaltserlaubnis in Deutschland verschaffen und er wollte sie heiraten", so die Wissenschaftlerin. "Dazu war ihm jedes Mittel recht. Da hat er wirklich zeitweise seinen vielgerühmten Verstand ausgeschaltet."

Eva Weissweiler hat für ihr Buch "Das Echo Deiner Frage" bisher nicht eingesehene Briefe bearbeitet und auch die Enkelinnen der Benjamins getroffen und interviewt. Das ergibt ein atmosphärisches Bild einer Zeit und ein lebensnahes Porträt einer ungewöhnlichen Beziehung. Dass Weissweiler mit einigen Beteiligten dabei sehr streng ins Gericht geht, ist dabei nicht nur erfrischend, sondern zeigt auch wie wichtig ihr eine Korrektur der bestehenden Ansichten war.

Service

Eva Weissweiler, "Das Echo deiner Frage. Dora und Walter Benjamin - Biographie einer Beziehung", Hoffmann und Campe

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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