Frau bei einer Demonstration mit Krimtataren-Fahne

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Krimtataren - zwischen Tradition und Moderne

Seit der Annexion der Krim durch Russland im Jahr 2014 sind Schätzungen zufolge zehntausende Krimtatar/innen auf die sogenannte Festlandukraine geflohen. Sechs Jahre danach sind sie, die Angehörigen einer muslimischen Minderheit umgeben von einer christlich-orthodoxen Mehrheit, ein fester Bestandteil der ukrainischen Gesellschaft.

Für die krimtatarische Community aber stellen sich viele Fragen: Wie kann sie Sprache und Kultur, Tradition und Religion bewahren? Wie kann sie eine Balance zwischen Abkapselung und Anpassung finden? Welche Art von Islam möchte sie praktizieren? Eine Spurensuche der krimtatarischen Identität in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und Umgebung.

Russische Truppen 2014

AP/ANDREW LUBIMOV

Kiew ist ein Schmelztiegel. Eine Stadt mit offiziell vier Millionen Einwohnern, die inoffiziell vermutlich bis zu sieben Millionen Menschen beherbergt. Im Alltag wird eine Mischung aus Ukrainisch und Russisch gesprochen. Offizielle Amtssprache ist Ukrainisch. Wie viele Menschen seit den Vorkommnissen auf der Krim von 2014 nach Kiew kamen, ist nicht bekannt. Zwischenzeitlich wurde von einer Zahl um die 100.000 ausgegangen. Heute dürften es noch um die 50.000 sein. Wie viele Krimtatar/innen darunter sind, ist nicht erhoben.

Krimtataren sind ukrainische Staatsbürger wie alle anderen, ohne amtlichen Vermerk. Viele pendeln, viele ziehen für einige Zeit nach Kiew, um Verwandte zu besuchen. Die große Mehrheit aber hat sich in Kiew fix niedergelassen – aus verschiedenen Gründen. Vor allem aber, weil sie Konflikte mit den russischen Behörden auf der Krim fürchten – oder schon haben. Eine Heimat auf Zeit ist es, die sie in Kiew gefunden haben. Eine Heimat aber, die mit jedem Tag mehr zu einer Dauerlösung zu werden scheint.

"Wir wurden deportiert. Und jetzt sind wir Opfer der Annexion. Es reicht."

Kiew ist auch Lemaras Heimat – seit langem. Die ihres Mannes auch. Er stammt aus dem Iran. Lemara ist eine energiegeladene Frau um die 30, kupferrotes Haar, Sommersprossen, braune Augen. Sie arbeitet als Makeup-Artist für Modeshootings. Ihre Kinder wachsen mit den Sprachen Ukrainisch, Russisch, Persisch und Englisch auf. Tatarisch sprechen sie nicht. Das wäre zu viel, sagt sie. Dennoch: Die Krimtatarische Identität ist Lemara wichtig. „Aber einen Tataren auf der Krim heiraten? Nein danke“, lacht sie.

Lemara sitzt mit ihrer Cousine Adel und deren Großmutter Khadije in einem tatarischen Café in einem Shoppingcenter am linken Ufer des Dnipro. Sie sagt: „Wir wurden deportiert. Deportiert. Jeder spricht davon. Du gehst zu einem Konzert, um krimtatarische Musik zu hören – und am Beginn des Konzerts hörst du: Wir… sind Opfer… einer Deportation. Und jetzt sind wir Opfer der Annexion. Es reicht. Wir müssen uns verändern. Wenn man sich wie ein Opfer fühlt, ist man nicht stark.“

Es ist ein Zwiespalt, in dem sich die Krimtatarische Community befindet: Vorwärts blicken, der eigenen Herkunft eine neue Identität geben. Oder bewahren: Die eigene tragische Geschichte immer wieder und wieder bewusst machen. Oder geht beides?

"Da ist so viel in dieser Welt, da ist so viel auch für unser Volk, um sie besser zu machen, und so viel zu zeigen.“

Die meisten Krimtatarinnen und -tataren sind sunnitische Muslime. Die Islamisierung der Region begann im 13. Jahrhundert und wurde vorwiegend getragen durch Sufi-Scheichs. Mystische Bruderschaften und die Verehrung von Heiligenschreinen spielen noch immer eine große Rolle in der ursprünglichen, tatarischen Volksfrömmigkeit.

Es kam jedoch nicht zum vollständigen Bruch mit vorislamischen Traditionen. Schamanistische Vorstellungen, ausgehend vom Glauben an die drei Kräfte Himmel, Erde und Mensch, wurden in die neue Religion integriert oder bestanden parallel dazu weiter.

Khanpalast von Bachtschyssaraj

Khanpalast von Bachtschyssaraj war Sitz des Herrscher über das Khanat der Krim im 16. Jahrhundert.

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Seit dem 15. Jahrhundert stellten die Tatar/innen die Bevölkerungsmehrheit der Krim, kontrollierten die Halbinsel und errichteten ein eigenes Staatswesen, ein Khanat, das mit dem Osmanischen Reich paktierte. 1771 eroberte das Russische Reich schließlich die Krim. Und von Anbeginn sah das russische Imperium in den Tataren eine Gefahr.

Im Zuge des ersten Weltkrieges existierte von Ende 1917 bis Anfang 1918 für kurze Zeit die Volksrepublik Krim, der erste säkulare, demokratische Staat in der islamischen Welt – und nach wie vor Quell eines laizistischen krimtatarischen Nationalbewusstseins. Der Staat wurde aber schließlich von den Sowjets zerschlagen. Fazit aus Jahrhunderten krimtatarischer Geschichte: Mit Russland haben die Krimtatar/innen eher schlechte Erfahrungen gemacht. Und diese Gemütslage zieht sich bis heute durch - auch wenn sich Teile der krimtatarischen Elite mit den russischen Autoritäten auf der Krim arrangiert haben.

"Bildung funktioniert zu oft über Religion oder Angst.“

Selbstidentifikation und damit mitunter einhergehende Abgrenzung können enge Grenzen erzeugen. Lemaraist ist selbst so aufgewachsen - und dem bewusst entflohen. Und für sie war sehr schnell klar: Ein Zurück in das dörfliche krimtatarische Leben gibt es nicht.

Die Deportation der Krimtataren nach Zentralasien 1944, der Druck des kommunistischen Regimes, die neuerliche Zerstreuung der Community nach der Annexion der Krim durch Russland 2014 haben ihre Spuren hinterlassen. Und ein gewisser kultur-, identitäts- und auch religions-getriebener Konservativismus sitzt tief - und hat sich verstärkt.

Lemara kennt das: „Ein Beispiel aus meiner Familie: mein Bruder. Verheiratet mit einer Nicht-Tatarin, wurde er mit der Annexion zum Hyper-Krim-Tataren. Kurz zusammengefasst: Er hat sogar begonnen, von seiner Frau die Einhaltung krimtatarischer Traditionen einzufordern. Das hat er zuvor nie getan.“

"Wir sollten unseren eigenen Gepflogenheiten und Traditionen folgen und dadurch die Liebe zu unserem Volk zeigen."

Betender Moslem, Krimtatar

AP/ANDREW LUBIMOV

Für viele Traditionalist/innen ist es so: Kern aller krimtatarischen Traditionen, das Zentrum dieser Identität ist der Islam. Eine Ansicht, die Lemara und Adel nicht teilen: Der Islam hat für die Frauen zwar einen hohen kulturellen und teilweise auch persönlichen Stellenwert, ist ein Angelpunkt der krimtatarischen Kultur.

Auch für die eher traditionelle Adel macht die krimtatarische Identität vor allem eines aus: „Die eigentlich milde Haltung allem gegenüber. Also das Fehlen jedes Radikalismus in jedem Sinn des Wortes. Für uns ist Radikalismus Nonsens. Es kommt vermutlich aus unserer Geschichte, auf der Krim lebten immer viele verschiedene Völker – Krimchiks, Griechen, Armenier. Verschiedene Ethnien, aber auch Religionen. Das ist dieser Mix, den es auf der Krim immer gab. Und die Krim ist eine sehr kleine Halbinsel.“

Nach ukrainischem Recht genießt die krimtatarische Minderheit Autonomie innerhalb des ukrainischen Staates. Die Religion hebt die Krimtatar/innen von der christlich-orthodoxen Mehrheit in der Ukraine ab. Vor allem aber sind da auch die Sprache, da sind die Traditionen, die Identität. Und es sind vor allem letztere, auf die die Krimtataren besonders stolz sind. Es ist ein Thema, das sich durch die Gemeinschaft zieht wie ein roter Faden, eine Frage, die auftaucht, so selbstverständlich wie der süße Kaffee nach einer tatarischen Mahlzeit.

Gestaltung: Stefan Schocher