Die Kriegsgräberanlage des Ersten Weltkrieges auf dem Wiener Zentralfriedhof:  Die „Schmerzensmutter“, ein Werk des Bildhauers Anton Hanak aus dem Jahr 1925.

ORF/MARKUS VEINFURTER

Vom Heldentod zur Himmelfahrt

Wo einst „Helden“ gefeiert werden, da wird heute der „Opfer“ gedacht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich in der Gedenk-Kultur viel verändert. Ein Streifzug zu "Krieger-Denkmälern" und "Soldaten-Friedhöfen".

Die „Kriegsgräberanlage“ des Ersten Weltkrieges auf dem Wiener Zentralfriedhof: Eine riesige „Schmerzensmutter“ des Bildhauers Anton Hanak (errichtet 1925) wacht über ein Areal von 2,8 Hektar, auf dem mehr als 23.000 gefallene Soldaten beigesetzt sind - größtenteils aus der damaligen Monarchie, aber auch Kriegsgefangene aus Italien, Serbien oder Russland.

Für die Erhaltung ist das „Schwarze Kreuz“ verantwortlich. „Wir sind für alle Kriegsopfer zuständig“, betont der Generalsekretär der Organisation, Oberst Alexander Barthou. Auf anderen Friedhöfen - wie zum Beispiel in Wels (in Oberösterreich) - gibt es eigene Sektionen für Bombenopfer: „Auch sie werden vom ‚Schwarzen Kreuz‘ betreut.“

„Wir wollen keine Heldenverehrung“

Früher wurden sie oft recht heftig darüber debattiert, ob mit solchen Anlagen nicht auch Kriegsverbrecher geehrt würden. „In unmittelbarer Nähe ist die Anlage aus dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Otto Jaus, Landesgeschäftsführer des „Schwarzen Kreuzes“ für Wien und Niederösterreich: „Sie werden dort keine SS-Runen oder dergleichen sehen. Nur die Namen.“

„Kriegsopfer sind sie alle“, betont Oberst Barthou die offizielle Linie des „Schwarzen Kreuzes“. Ein Kriegsverbrecher sollte nie besonders gewürdigt werden, aber: „Er soll eine Grabstätte haben wie alle anderen auch. Das steht ihm zu.“ Und Otto Jaus ergänzt: „Heldenverehrung wollen wir überhaupt nicht“, sondern: Totengedenken - als „Arbeit für den Frieden“.

Eine schlichte Gedenktafel in der Pfarrkirche St. Johann Kapistran in Wien-Brigittenau

Eine schlichte Gedenktafel in der Pfarrkirche St. Johann Kapistran in Wien-Brigittenau.

ORF/MARKUS VEINFURTER

Ein Denkmal erinnert, so könnte man meinen, immer an eine große Persönlichkeit - oder an ein wichtiges Ereignis. Wie zum Beispiel an Gustav Adolf, König von Schweden und großer Sieger in der Schlacht von Breitenfeld im Jahr 1631: "Glaubensfreiheit für die Welt / rettete bei Breitenfeld Gustav Adolf / Christ und Held."

Der "weinende Löwe von Aspern" ist hingegen den einfachen Soldaten gewidmet. Die Inschrift lautet: den "ruhmvoll gefallenen österreichischen Kriegern" in der Schlacht von Aspern 1809. Auf einem anderem Denkmal in Wien aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg steht: "Ihr fielt fürs Vaterland / als Helden hoher Pflicht. Blutzeugen für das Recht / vergisst die Heimat nicht."

„Das haben wir hoffentlich hinter uns“

Eine derartige ideologische Begründung ist im 21. Jahrhundert nicht mehr akzeptabel, sagt die katholische Theologin und Religionssoziologin Regina Polak. Das Opfer werde heroisiert und in eine „große, abstrakte Blut-und-Boden-Ideologie“ eingebettet: „Das haben wir Gott sei Dank oder hoffentlich hinter uns“.

Doch der Begriff „Opfer“ selbst ist zum Problem geworden. „Wir haben es mit unterschiedlichen Opferbegriffen zu tun“, sagt Regina Polak. Auf der einen Seite sei er mit „Ohnmacht, Schwäche und Hilflosigkeit“ verbunden - und in einer sehr erfolgs- und leistungsorientierten Gesellschaft möchte niemand einer solchen Gruppe angehören.

Auf der anderen Seite kursiert schon seit Jahren das Wort von einer „Gesellschaft der Viktimisierung“. Die Zugehörigkeit zu einer „Opfergruppe“ erhöhe mitunter den gesellschaftlichen Status. Regina Polak betont daher: „Man muss im Einzelfall sehr genau hinschauen, wer mit welchem Interesse und in welchem Kontext diesen Begriff verwendet.“

Auf einer ziemlich neuen Gedenktafel in einer kleinen niederösterreichischen Gemeinde steht geschrieben: "Wir beten für die gefallenen Soldaten der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts und für alle, die um sie trauern. In das Gebet sind eingeschlossen alle Opfer von Kriegen, von Gewalt und Terror, von Rassenwahn und Religionsverfolgung."

„Ich sehe darin den aufrichtigen Versuch, universal zu denken“, sagt die Theologin Regina Polak. Dahinter stehe nämlich die Einsicht: „Wir, hier an diesem Ort sind nicht die einzigen, die zu Opfern geworden sind.“ Aber: „Es birgt natürlich jede Menge Schwierigkeiten“. Durch die Universalisierung würden die Ursachen verwischt.

„Es ist nicht jedes Opfer gleich“

Die Theologin Regina Polak betont: „Es macht tatsächlich aus einer ethischen Perspektive einen Unterschied, ob jemand im KZ umgebracht worden ist (im Fall von Juden ganz einfach weil Juden Juden waren) - oder ob man in einem Krieg gefallen ist, wo man sich möglicherweise ideologisch mitbeteiligt hat. Es ist nicht jedes Opfer gleich.“

Aus Helden-Verehrung wird Opfer-Gedenken: Die Entwicklung hatte sich schon vor dem Zweiten Weltkrieg abgezeichnet. Aber auch nach 1945 werden noch Monumente neu errichtet - zum Beispiel das "Russen-Denkmal" auf dem Schwarzenbergplatz in Wien; oder die acht-eckige Kapelle auf dem Hochwechsel an der niederösterreichisch-steirischen Grenze.

„Auferstehung“ oder „Himmelfahrt“:? Eine Darstellung in der Pfarrkirche Unterheiligenstadt im 19. Wiener Gemeindebezirk.

„Auferstehung“ oder „Himmelfahrt“:? Eine Darstellung in der Pfarrkirche Unterheiligenstadt im 19. Wiener Gemeindebezirk.

ORF/MARKUS VEINFURTER

„Die Auferstehung ist eine Himmelfahrt“

Friedhöfe sind Orte der Trauer und Orte des Gedenkens. Für glaubende Menschen sind sie aber auch Orte der Hoffnung auf die Auferstehung, die zu „Christi Himmelfahrt“ - 40 Tage nach Ostern - gleichsam ein zweites Mal gefeiert wird. „Die Auferstehung ist eine Himmelfahrt“, betont der katholische Theologe Wolfgang Treitler.

Die „Erstreckung“ im christlichen Festkalender, so Wolfgang Treitler, liegt im Lukas-Evangelium begründet - das 40 Tage zwischen beiden Ereignissen verstreichen lässt, in denen sich „der wahrhaft Auferstandene“ den Menschen zeigt. Die theologische Botschaft ist aber dieselbe - die endgültige Rettung Christi und seine Aufnahme bei Gott.

„Kein Opfer ist vergessen“

Wenn der Bruder, Vater oder Sohn, der Ehemann oder Freund irgendwo in der Fremde gefallen ist, dann wird ein „Denkmal“ oft zum einzigen Ort der Trauer. Umso wichtiger sei die Arbeit der „Kriegsgräberfürsorge“, sagt der Generalsekretär des „Schwarzen Kreuzes“, Oberst Alexander Barthou - auch auf einer rein menschlichen Ebene.

Doch die Eltern, Ehefrauen und Geschwister werden immer weniger. Jetzt sind die Enkel und Urenkel gefragt, sagt Oberst Barthou: „Sonst geht das Opfergedenken den Bach hinunter.“ Grabpflege sei grundsätzlich eine „moralische Angelegenheit“ - das Gedenken an die Kriegsopfer habe auch eine politische Dimension.

Für die Theologin Regina Polak ist der „tröstlichste Gedanke, wenn ich an die Opfer der Geschichte denke, dass es von Gott die Zusage gibt: Die Opfer werden nicht vergessen.“ Das sei die große menschliche Versuchung jeder „Schlussstrich“-Debatte. Nicht mehr an sie zu erinnern, so Polak, „das würde eigentlich die Opfer noch einmal zu Opfern machen.“

Service

Marterl-App
Österreichisches Schwarze Kreuz - Kriegsgräberfürsorge

Gestaltung

  • Markus Veinfurter