Gelbe Blöcke

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Hilfe für Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen

Sie machen dumm, aggressiv und einsam. Das sind nur drei von vielen Vorurteilen gegenüber Computerspielen. Ein Forschungsprojekt an der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems zeigt nun, dass genau das Gegenteil zutrifft.

Hier werden digitale Spiele entwickelt, die Kinder und Jugendlichen von Eltern mit psychischen Erkrankungen in ihrer Entwicklung fördern sollen. Im Fokus der Spielinhalte steht die soziale Verbundenheit zwischen Schülerinnen und Schülern. Sie ist ein wichtiger Schutzfaktor für ihre Gesundheit.

"Es ist nicht möglich und auch nicht notwendig Kinder von Eltern mit psychischer Erkrankung als solche zu titulieren.“

Beate Schrank ist Psychiaterin und Oberärztin am Universitätsklinikum Tulln und Dozentin an der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften. Sie leitet das von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft iniitierte Forschungsprojekt „D.O.T. – Die offene Tür“.

Das Ziel: Kindern von Eltern mit psychischen Erkrankungen zu unterstützen. Das Forschungsprojekt D.O.T. bezieht dabei die gesamte Schulklasse mit ein, um betroffene Kinder vor Stigmatisierung zu schützen oder jene einzubinden, die nichts über die psychischen Probleme ihrer Eltern wissen. In Workshops, welche in Kooperation mit Theaterpädagogen und einem Kindertheaterregisseur konzipiert wurden, lernen die Schülerinnen und Schüler auf kreative Weise zu sozialer Verbundenheit und stärken ihre sozialen Kompetenzen. Wie auch zum Beispiel bei der Entwicklung des AR-Games „Lina“.

„Kinder wissen nicht immer ob sie davon betroffen sind, viele Eltern verstecken es, viele sind nicht diagnostiziert betroffen sind nicht nur Eltern mit Schizophrenie sehr viel grau Bereiche Alkoholismus", sagt Beate Schrank.

Wo ist Lina? – Oder wenn ein Mädchen verschwindet

Hier an der Karl Landsteiner Universität trifft sich auch regelmäßig das interdisziplinäre Entwicklerteam des Spiels „Lina“. Es besteht aus Adam Barnard, einem britischen Kindertheaterregisseur, dem portugiesischem Spieleentwickler Diogo Martins und der Psychologin Ina Stacher aus Niederösterreich.

Die drei Forschenden tüfteln bereits seit mehreren Monaten am Prototyp des Augmente Reality Spiels. Über diese Zeit haben sie immer wieder Schulen in ganz Niederösterreich besucht. Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern haben sie in Workshops die Ansprüche an das Spiel erarbeitet.

Die Geschichte des Spiels ist in einer Schule angesiedelt. So nehmen die Kinder auch virtuell die Rolle einer Schülerin oder eines Schülers ein. In der digitalen Klasse des Computerspiels, verschwindet von einem Tag auf den anderen eine Klassenkameradin. Wo ist Lina hin? Nur gemeinsam können die Spielerinnen und Spieler das Rätsel um Lina lösen. Die Magie beginnt. In dem die Kinder ihre Smartphones durch das Klassenzimmer bewegen, so als ob sie ein Foto machen würden, erkennt die Handykamera unsichtbare Hinweise.

Bub mit Kopfhörer und Smartphone

Kinder testen das Augmente Reality Spiel "Lina".

MICHAEL SEIRER

"Unser Ziel ist es Kindern Tools in die Hand zu geben, mit deren Hilfe sie ihre Probleme erkennen und darüber reden können."

Hinter dem Konzept des Spieles steckt die sogenannte Kontakttheorie. Diese Theorie wird zur Erforschung von Vorurteilen verwendet. Experimente haben gezeigt, wie sich die Lösung kooperativer Aufgaben auf die Einstellungen der Teilnehmenden auswirkt. Indem die Kinder interagieren, entstehen gemeinsame Erlebnisse.

Das Besondere daran: das Spiel fordert, dass sich die Schülerinnen und Schüler in unterschiedlichen Konstellationen miteinander austauschen. So kommt es beispielsweise unweigerlich dazu, dass im realen Leben ausgegrenzte Kinder mit den vermeintlich beliebten, „coolen“ Kindern zusammenarbeiten.

In diesem Jahr beginnt die tatsächliche Umsetzung des Spieles. Ob das Spiel den erhofften Effekt erzielt, wird sich allerdings erst 2021 zeigen. Dann startet die Evaluierungsphase. Bis dorthin sollen vier Episoden des Spieles entwickelt und spielbar sein. Untersucht werden sowohl Schulen am Land und in Städten, als auch Neue Mittelschulen, Gymnasien oder Landesschulen.

"Wenn Kinder über ihre Probleme reden, muss man sie abfangen und unterstützen. Was wir nicht tun ist zeigen wie man spricht und allein lassen", sagt Beate Schrank.

Rat auf Draht im Whatsapp-Look

Und was ist mit der psychischen Gesundheit von Jugendlichen? Aus dieser Frage ist auch die Idee für das Subprojekt OPEN entstanden, das gerade umgesetzt wird. Es ist das zweite Projekt an der Karl Landsteiner Privatuniversität in Krems, an dem auch Studentin Valerie Claire arbeitet.

Bei OPEN handelt es sich um einen Chat, in dem Schülerinnen und Schüler über ihre Probleme mit ausgebildeten Peermentoren und -mentorinnen sprechen können, also mit Mentorinnen und Mentoren die selbst Jugendliche sind. Das Projekt wird gerade entwickelt.

„Ich mag das Wort Krankheit nicht, aber ich hatte einige psychische Problem die man definitiv gesehen hat, einige Mitschüler haben das bestimmt auch gemerkt, aber leider haben sie es nicht angesprochen und ich hab auch nicht gewusst wie ich darüber reden kann", erzählt Valerie Claire Überbacher.

"Jeder sitzt in der Klasse und denkt sich scheiße, scheiße, ich geh innerlich in Flammen auf und ich will eigentlich nur jemanden der das versteht."

Die Schulzeit ist für Valerie Claire eine der schlimmsten Phasen in ihrem Leben. Sie leidet unter psychischen Belastungen, die schließlich zu einer Essstörung führen. Doch nach ihrem Abschluss, hellt sich ihre Stimmung auf, und die Studentin erkennt, die Schule ist einer der Hauptfaktoren für ihren emotionalen Schmerz.

In einem öffentlichen Blog beginnt Valerie Claire ihre Empfindungen und Erlebnisse aufzuarbeiten. Immer mehr Menschen aus ihrem Umfeld reagieren auf ihre Online Einträge, schreiben ihr persönliche Nachrichten auf Instagram und teilen ihre schmerzvollen Erfahrungen mit der Bloggerin.

„Da ist mir einfach aufgefallen, oh mein Gott wir haben wirklich ein Problem, weil jeder sitzt in der Klasse denkt sich scheiße, scheiße, ich geh innerlich in Flammen auf und ich will eigentlich nur jemanden der das versteht. Aber eigentlich geht es ja sonst jedem gut und ich bin die einzige die diese Probleme hat.“ Valerie Claire Überbacher

So kann es nicht weitergehen. Für Valerie Claire waren die Reaktionen auf ihre Geschichte ein Weckruf. Sie möchte etwas verändern. Jeder soll Hilfe bekommen. Jeder soll über seine Probleme sprechen können. Über den Niederösterreichischen Gesundheits- und Sozialfonds (NÖGUS) erhält Valerie Claire den Kontakt zu Beate Schrank. Die beiden telefonieren zwei Stunden. Schnell bemerkte Beate Schrank, dass Valerie Claire der Schlüssel zur Entwicklung ihres neuen Projekts OPEN, sein könnte.

OPEN soll eine Online-Plattform werden, auf der Jugendliche mit anderen Jugendlichen, sogenannten Peer-Mentoren, über ihre Probleme chatten können. In dem OPEN Chat werden Schülerinnen und Schüler in Zukunft mit den Peer Mentoren beispielsweise über ihre Ängste, Mobbingerfahrungen oder psychischen Belastungen schreiben können. Die Mentorinnen werden innerhalb von drei Tagen antworten. Unterstützt werden sie durch erfahrene Supervisoren. An diese können sie sich jeder Zeit wenden und gegebenenfalls auch Anfragen ablehnen. Im Moment ist das Team noch auf der Suche nach weiteren Peer-Mentoren und Mentorinnen.

Gestaltung: Johanna Hirzberger

Service

O.P.E.N.
D.O.T - die offene Tür

Erste Hilfe für die Seele
pro mente/austria
jojo - Kindheit im Schatten
KIPKE - Kinder psychisch kranker Eltern