Karl Markovics

ORF/JOSEPH SCHIMMER

"Theater im Hörspiel"

Die neue Ö1 Hörspielreihe vereint die Stärken der beiden Kunstgenres Hörspiel und Theater.

"Die Leidenschaft, Theater zu schauen, Theater zu spielen, ist ein Elementartrieb des Menschen", sagte Max Reinhardt in seiner berühmten Rede über den Schauspieler, gehalten im Februar 1928 an der Columbia-Universität in New York. Theater, das ist für Max Reinhardt zuallererst Schauspielkunst:

"Die Schauspielkunst ist die Befreiung von der konventionellen Schauspielerei des Lebens"
Max Reinhardt

Der Schauspieler "ist der Mensch an der äußersten Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum, und er steht mit beiden Füßen in beiden Reichen", so Reinhardt. Den Schauspielern, ihnen und keinem anderen gehöre das Theater.

Grenzen überwinden

Theater kann man live derzeit leider nicht erleben, aber Ö1 liefert mit Hörspielfassungen von Theaterstücken einen Beweis für große Schauspielkunst. Das Hörspiel als Medium hat allerdings noch zusätzliche Stärken. Dazu zählt zunächst die Eigenschaft, geografische und ökonomische Grenzen überwinden zu können: Man muss beispielsweise nicht in Wien sein, um eine Aufführung mit Mitgliedern des Burgtheaterensembles erleben zu können. Man muss sich keine Sorgen machen, ob Festspielkarten erhältlich und/oder leistbar sind. Das Hörspiel, so zeigt sich, ist ein bedeutendes Medium zur Verbreitung und Vermittlung von Kulturellem in höchster Qualität.

Jedes unserer Hörspiele erreicht an die 100.000 Hörer/innen. Ein Theater, in dem 100.000 Personen Platz und gute Sicht haben, gibt es nicht - das Hörspiel hingegen bietet dieser großen Zahl von Menschen jeweils einen exklusiven, geradezu privaten Platz. Zugegeben, man sieht die Schauspieler/innen nicht. Diesem Manko steht ein weiterer Vorteil gegenüber: Das Hörspiel als rein akustisches Medium unterstützt die Konzentration auf die Stimme und das Gesagte, eine andere Form der Wahrnehmung der Stücke und des Schauspiels wird dadurch möglich.

Dokumentation von Kunst

Weil das Hörspiel auch ein äußerst ökonomisches Medium ist, - nur wenige Aufnahmetage reichen, um ein Werk "für die Ewigkeit" herzustellen -, ermöglicht es auch das Zusammentreffen von Schauspieler/innen, die nicht demselben Ensemble angehören. Hier im Radio werden Formen der künstlerischen Zusammenarbeit möglich, die im normalen Theaterbetrieb die Ausnahme sind (wir bringen im Juniprogramm einige Beispiele).

Zu den Stärken des Theaters zählt die Nichtwiederholbarkeit des Moments. Diese indirekte Erinnerung an die Bedeutung des Jetzt und die Vergänglichkeit von allem schwingen bei Theater immer mit. Wie aber lassen sich große Leistungen des Theaters und von Schauspieler/innen nachfolgenden Generationen vermitteln? Das Hörspiel ist hier ein, wenngleich nicht vollkommenes, so doch taugliches Mittel für die Dokumentation von Kunst und Kultur einer Zeit. In unserer bildorientierten Zeit sind wir geneigt zu glauben, dass im audiovisuellen Medium alles bewahrt werden könne, doch direkte Vergleiche zeigen, dass der Wegfall einer Ebene (der bildlichen) dem Gesamten oft nützt. Ohne Bild ist es leichter, sich ein Bild zu machen.

Natürlich ist die reine "Abbildung" eines Theaterabends unbefriedigend - hier kommt die handwerkliche und künstlerische Leistung der am Hörspiel Beteiligten ins Spiel: die Bearbeiter/innen der Stücke, der Regisseure und Regisseurinnen, der Komponist/innen und Musiker/innen, der Sound-Designer, der Tontechniker/innen. Und natürlich der Schauspieler/innen - denn sie sind hier "ganz Stimme".

Szene mit Peter Simonischek, Irina Sulaver und Aenne Schwarzaus in "The Who and the What"

Szene mit Peter Simonischek, Irina Sulaver und Aenne Schwarzaus in "The Who and the What", Akademietheater 2018

Akademietheater 2018 - APA/HANS KLAUS TECHT

"Theater im Hörspiel" im Juni

An acht Terminen im theaterlosen Juni präsentieren wir Ihnen "Theater im Hörspiel", beginnend mit der Hörspielfassung der meistbesuchten Produktion der Spielzeit 2018/19 des Wiener Akademietheaters: "The Who and the What". Es folgen Lessings selten aufgeführtes Jugendwerk "Die Juden" (u. a. mit Peter Matić), Brechts "Das Verhör des Lukullus" und "Elisabeth II. " von Thomas Bernhard mit Wolfgang Gasser in der Hauptrolle. Im "Ö1 Kunstsonntag" bringen wir Elfriede Jelineks "Über Tiere" mit Sylvie Rohrer, "Kaspar" von Peter Handke aus dem Jahr 1968, Werner Schwabs brachiales "Der reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler" (u. a. mit Nicholas Ofczarek und Maria Hofstätter) und "kasperl am elektrischen stuhl" von Konrad Bayer mit Franz Schuh in allen Rollen.

Dass auch Theater und Humor zusammengehören, beweist Otto Schenk. In "Literatur am Feiertag" am Tag vor seinem 90. Geburtstag bringen wir am 11. Juni Ausschnitte aus Leseabenden Schenks, die Ende der 1960er Jahre unter den Titeln "Hoffnungslos heiter", "Nicht ernst zu nehmen" und "Sachen zum Lachen" auf Langspielplatte veröffentlicht wurden - u. a. von Schenk gesammelte und vorgetragene Theatergeschichten über berühmte Auftritte und "Hänger".

Unica Zürn in "Radiokunst"

Im Juli präsentieren wir im "Ö1 Kunstsonntag" in "Radiokunst - Kunstradio" unterschiedlichste Zugänge zu Theater und Performance. 2020 jährt sich der 50. Todestag von Unica Zürn, einer Ikone des Surrealismus. Die Autorin Natascha Gangl und das Performance-Duo Rdeca Raketa (Maja Osojnik und Matija Schellander) haben als Femmage den Klangcomic "Die Revanche der Schlangenfrau - frei nach Unica Zürn" gestaltet. Sie machen Zürns einzigartigen künstlerischen Kosmos in einer fiktiven Biografie erfahrbar. Außerdem steht die speziell für "Radiokunst - Kunstradio" entwickelte Radioversion der erfolgreichen Performance "How to protect your internal ecosystem" der Regisseurin und Medienkünstlerin Miriam Schmidtke und ihrer Koautorin Mimu Merz auf dem Programm. Uraufgeführt wurde das Stück im Oktober 2019 im Werk X.

Gestaltung

  • Kurt Reissnegger