Darstellung von zwei verschmelzenden Schwarzen Löchern.

APA/DPA

"Ich seh, ich seh, was du nicht siehst"

Vom Fassbaren und Unfassbaren in Physik und Mikrobiologie.

Längst diskutieren wir eine Maschine, mit der man bis zum Urknall zurücksehen könnte, und zwar seit Rainer Weiss, Physik-Nobelpreisträger, Gravitationswellen nachgewiesen hat. Wir sind also dazu in der Lage, direkt in einen explodierenden Stern zu blicken. Und ja, wir können sogar dabei beobachten, was passiert. Weil Gravitationswellen in unserem Universum aber durch nichts aufzuhalten sind, kann es sein, dass wir Phänomene zu sehen bekommen, die wir uns heute nicht vorstellen können, zumindest nicht bewusst, aber vielleicht vorbewusst oder unbewusst; kosmische Streifen, seltsame Wurmlöcher, schwarze Materie.

Je umfangreicher das Wissen, desto größer die Rätsel

Das klingt nach einem Science-Fiction-Stoff oder zumindest nach Wünschen und Bildideen, wie sie Sigmund Freud 1899 in seiner "Traumdeutung" beschrieb, ist es aber natürlich nicht. Tatsächlich geht es dennoch in diesen Disziplinen immer um beides, um das Unfassbare und das Fassbare. Das gilt in der Wissenschaft der Psychoanalyse genauso wie in den Naturwissenschaften.

Physiker/innen wie Biolog/innen wollen die Mechanik und Beschaffenheit von Molekülen, Zellen und Kräften bis ins Kleinste verstehen. Doch je umfangreicher das Wissen, desto größer die Rätsel! Aber können wir das Rätselhafte überhaupt hinnehmen? Suchen wir nicht viel lieber nach messbaren, objektivierbaren Daten und Ergebnissen, gerade dann, wenn wir unseren Blick auf die Naturwissenschaften richten? Der Molekularbiologe Martin Moder und der Quantenphysiker Florian Aigner sind jedenfalls leidenschaftlich daran interessiert, das Unfassbare ihres Fachs einem interessierten Publikum zu vermitteln, anstatt jeden Tag im Labor zu sitzen und einzig und allein zu forschen.

Gravitationswellen

Gravitationswellen

APA/DPA/JULIAN STRATENSCHULTE

Oh-My-God-Teilchen

So landete Martin Moder bei den Science Busters, macht aus Wissenschaft Kabarett und schreibt populärwissenschaftliche Bücher. Florian Aigner bezeichnet sich selbst sogar als Wissenschaftserklärer. Auch er macht in diversen Publikationen das scheinbar Unfassbare der Physik für uns verdaulich. Schon haben wir es mit einer weiteren Schwierigkeit zu tun; welche Terminologie, welche Sprache gibt es denn überhaupt für das, was sich so schwer erklären und beschreiben lässt? Ein Beispiel: Weil bestimmte Teilchen mit einer verblüffend hohen Energie aus dem All auf uns einprasseln, tauften Forscher/innen ihre Entdeckung kurzerhand Oh-My-God-Teilchen.

Sie fanden heraus, dass die Teilchen tatsächlich aus einem bestimmten Galaxienhaufen kommen müssten. Und sie überlegten sich: Stammten die Teilchen wirklich von dort, würden sie auf ihrer Reise zur Erde doch viel zu viel Energie verlieren und nicht mit dieser rasanten Geschwindigkeit bei uns landen können. Das ist also ein Widerspruch. Das ist ein Rätsel, mit dem wir leben müssen.

Welche Rolle spielt der Zufall?

Wissenschaft wurde erfunden, um die Dinge zu erklären, die wir täglich sehen: Was bedeuten die leuchtenden Punkte am Nachthimmel, und warum bewegen sich manche anders als der Rest? An welche Regeln muss man sich halten, damit Pflanzen und Tiere gut gedeihen? Wie können wir verstehen, dass Äpfel von Bäumen fallen - und zwar immer nach unten und nie nach oben?

Aber auch wenn wir das fast Unsichtbare und Allerkleinste studieren, stoßen wir immer wieder an Grenzen. Welche Zellen mutieren wann und warum? Und welche Rolle spielt dabei der Zufall? Zum Beispiel bei der Ausbreitung des neuen SARS-Virus? Die Wissenschaft erforscht molekulare Ebenen, vernetzt sich mit sogenannten Modellierern, um Prognosen zur Verbreitung zu erstellen. Die Quantenphysik wiederum setzt auf eine ganz andere Realität zur Erforschung ihres Gegenstands, der kleinsten Teilchen. Ein Atom kann sich gleichzeitig rechtsherum und linksherum drehen. Ein Molekül kann gleichzeitig ganz und zerbrochen sein. Erst durch die Messung wird ein Quantensystem auf einen Zustand festgelegt.

Esoterisch Klingendes

Das sind Vorstellungen, die zu unserer Welt, wie wir sie aus unserer sinnlichen Erfahrung kennen, nicht passen. Immer wieder tauchen daher esoterisch klingende Überlegungen auf: Hat vielleicht das ebenfalls unsichtbare und verwirrende menschliche Bewusstsein oder auch unser Unbewusstes damit zu tun? Greifen unsere Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmechanismen auf der Ebene der kleinsten Teilchen in die messbare Welt ein? Nein, sagen die Forscher/innen. Die Quanten-Zweideutigkeiten werden einfach dann zerstört, wenn ein Quantenobjekt in Kontakt mit etwas Großem kommt. Ob es sich dabei um einen menschlichen Beobachter, ein Messgerät oder einen Roboter handelt, ist egal. Wir und die Atome, aus denen wir bestehen, gehören untrennbar zusammen, auch wenn die Welt der Quantenteilchen unscharf und ungewiss ist.

Gestaltung

  • Katrin Mackowski