Momentaufnahme, Russland, Zweiter Weltkrieg. Soldaten auf dem Feld

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Salzburger Nachtstudio

Spezialgebiet Krieg und Krise

Ihr Job sind Krisen, Kriege, Katastrophen. Barbara Stelzl-Marx, Historikerin und Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, über Kriegs- und andere Krisenzeiten, gesellschaftliche Aspekte der Geschichtswissenschaft und die Kriegsrhetorik im Kampf gegen das Coronavirus.

Es ist sowohl ein Ort der Forschung als auch Anlaufstelle für so manche Menschen, die dem Lebenslauf ihrer Verwandten nachspüren wollen: Das Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung.

Es wurde 1993 vom Grazer Historiker Stefan Karner gegründet, der als einer der ersten westlichen Geschichtswissenschaftler in die russischen bzw. sowjetischen Archive gelassen wurde. Erstmals konnten die Schicksale von tausenden österreichischen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion geklärt werden. Daran schloss sich ein buntes Spektrum an weiteren zeitgeschichtlichen Forschungen.

Barbara Stelzl-Marx

ROLAND FERRIGATO

Barbara Stelzl-Marx

Wissenschaftlerin des Jahres 2019

Das Institut verfolgt das Ziel, interdisziplinäre Forschungen zu Auswirkungen und Folgen von Kriegen und Konflikten im weitesten Sinne durchzuführen und zu fördern. Dazu zählen politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche, soziale, humanitäre und kulturelle Folgen. Außerdem bietet es Angehörigen die Möglichkeit, Nachforschungen zu Kriegsgefangenen, Vermissten und Zwangsarbeitern des Zweiten Weltkrieges durchzuführen.

2018 übernahm die Professorin für europäische Zeitgeschichte an der Universität Graz Barbara Stelzl-Marx die Leitung des Instituts, an dem sie schon jahrelang tätig gewesen war. Im Jänner 2020 wurde sie vom "Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten" zur "Wissenschaftlerin des Jahres 2019" gewählt. Die Historikerin hat eine beeindruckende wissenschaftliche Karriere aufzuweisen und arbeitet unter anderem über das Leben von Rotarmisten und Besatzungskindern in Österreich und die Geschichte des NS-Zwangsarbeitslagers Graz-Liebenau.

"Krieg ist nicht vorbei, wenn die Waffen schweigen."

Kriegsfolgenforschung geht sehr weit, sagt Stelzl -Marx. Denn Kriege haben Folgen, die oft unsichtbar sind, aber eingebrannt in die Biografien der Menschen, eingebrannt in die Landschaften, subkutan vorhanden.

„Kaum hebt man die Grasnarbe ab, oder beschäftigt sich mit den Biografien, kommen die Spuren des Krieges zum Vorschein“, sagt Stelzl-Marx. Das passiert auch wenn schon viele Jahrzehnte vergangen sind und über Generationen hinweg.

Bei ihrer Arbeit muss sich die studierte Slawistin und Historikerin durch Berge von Akten wühlen, sie betreibt aber auch „Oral History“, also Gespräche mit Zeitzeugen und Zeitzeuginnen.

"Ich habe das immer als sehr berreichernd empfunden, wenn man auf der einen Seite die Möglichkeit hat aus einem reichen Fundus an Archivdokumentn zu schöpfen und auf der anderen Seite die Möglichkeit hat mit den Menschen zu reden, die das auch selbst betroffen hat", sagt Barbara Stelzl-Marx.

So konnte die Historikerin In ihren Forschungen einen Unterschied in der Behandlung von Kriegsgefangenen feststellen. So wurde sehr deutlich, dass es in der Kriegsgefangenschaft im „Dritten Reich“ eine rassisch, ideologisch motivierte Gefangenenhierarchie gegeben hat. Dies war ein großer Unterschied zur Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion, wo es allen Gefangen gleich schlecht erging.

"Im 'Dritten Reich' hat es einen Unteschied gemacht ob man Amerikaner oder Brite war, die standen an oberster Stelle der Hierarchie. Oder ob man ein sowjetischer Kriegsgefanger war, die standen an unterster Stelle dieser Hierarchie. Das hat alle Bereiche des Lebens intensiv beeinflusst", sagt Barbara Stelzl-Marx .

"In den Familien ist viel geschwiegen worden und das Schweigen hält, zum Teil, bis heute an."

Die weit verbreitete Schweigespirale der Zeitzeug/-innen macht die Arbeit der Wissenschaftler/-innen oft nicht leicht. Doch die Nachkommen interessiert es zunehmend was der Vater, Großvater während des Krieges gemacht hat. Daher bekommt das Institut für Kriegsfolgenforschung, 75 Jahre nach Kriegsende, noch immer laufend Anfragen, die sich auf die Zeit der sowjetischen Kriegsgefangenschaft beziehen. Manche Menschen scheinen überhaupt erst jetzt von dieser Nachforschungsmöglichkeit zu erfahren.

Bei manchen Projekten ist die Leiterin des Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung und ihre Kolleg/-innen besonder auf die Mitarbeit von Zeitzeugen und Zeitzeuginnen angewiesen. Daher suchen die Wissenschaflter gerade nach nach Menschen, die in den „Lebensborn“-Heimen der Nationalsozialisten geboren wurden.

"Es wäre dann ein Krieg, wenn ein Land das Virus entwickelt hätte, um einem anderen Land gezielt zu schaden."

Der Kriegsrhetorik mancher Politiker in Zeiten der Corona-Krise kann Stelzl-Marx übrigens nichts Positives abgewinnen. Mann sollte sich immer in Erinnerung rufen welches Elend Krieg hervorrufen kann, bevor man solche Vergleiche zur derzeitigen Situation stellt.

"So wie das jetzt ist sollte es maximal als Vergleich verwendet werden. Auch bei dem Vergleich mit dem Kriegsende im Jahr 1945 sollte man sich immer vergegenwärtigen welches Elend damals herrschte, welches Leid der Krieg hervorgerufen hat, damit man das in die richtige Relation stellt", sagt Barbara Stelzl-Marx.

Service

Barbara Stelzl -Marx und ihre Kolleg/innen suchen für ein Projekt nach Menschen, die in den „Lebensborn“-Heimen der Nationalsozialisten geboren wurden. Mitteilungen sind erbeten an:

Ludwig Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung
Liebiggasse 9
8010 Graz
+43 (0) 316 / 380-8272
bik-graz@bik.ac.at