Der Göttin des Meeres, der afro-brazilianischen Religion Umbanda, werden Blumen geopfert

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Indigene Spiritualitäten im Amazonasgebiet

Während ihr Lebensraum zerstört wird, versuchen die Menschen am Amazonas den Spagat zwischen alten Weisheiten und modernen Lebensweisen zu bewältigen

„Spiritualität ist die wichtigste Waffe der Indigenen im Kampf gegen Corona“, so formuliert es der Menschrechtsaktivist Sergio Martinez Chaparro, der in Kolumbien für die Organisation FUNAI tätig ist. Sie engagiert sich für die Sache der Indigenen, für die Stärkung ihrer Rechte und Aufrechterhaltung ihrer Kultur.

Corona ist für Indigene noch bedrohlicher als für andere Teile der Bevölkerung - ihr Immunsystem kommt mit dem Erreger schlechter zurecht. Schon zu Beginn der Pandemie haben warnende Stimmen - unter ihnen der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler - ein düsteres Szenario gezeichnet: ganze Völker könnten aussterben, wenn nicht rasch und kompetent gehandelt wird.

Ein brasilianische Indigene wird auf Corona untersucht

Die brasilianische Indigene, Anita von der ethnischen Gruppe der Marubo, hat sich mit Corona infiziert.

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Doch genau danach, nach einem entschlossenen Vorgehen, sieht es nicht unbedingt aus. Das gilt besonders für Brasilien, wo der rechtsgerichtete Präsident Jair Bolsonaro die Gefahr kleinredet und auch in anderen Bereichen die Interessen der Indigenen mit Füßen tritt - etwa indem er ihren Lebensraum, den Regenwald, systematisch und irreversibel durch Brandrodungen zerstören lässt.

Aber auch aus Kolumbien berichtet Sergio Martinez Chaparro Verheerendes: Indigenen fehle der Zugang zu medizinischen Einrichtungen, es gebe keinen Strom und kein fließendes Wasser, was die geforderten Hygienemaßnahmen unmöglich mache. Bereits jetzt gebe es Dörfer, in denen jede Familie mindestens einen Corona-Fall aufweise.

"Die Zivilgesellschaft übernimmt Aufgaben, die eigentlich der öffentlichen Hand zukämen."

„In dieser Situation“, erklärt er, „übernimmt die Zivilgesellschaft Aufgaben, die eigentlich der öffentlichen Hand zukämen, den nationalen und regionalen Politikern, der Verwaltung. Die Indigenen verstehen sich bewusst als Teil dieser Zivilgesellschaft und wollen das Ihre zur Bekämpfung der Pandemie beitragen“.

Kolumbianische Indigene

Kolumbianische Indigene verteilen Lebensmittelpakete, die aus ihren eigenen Ernte stammen, für bedürftige indigene Familien, die von COVID-19 betroffen sind.

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Dazu zählt, unter anderem, die Produktion von Heilmitteln. In den indigenen Traditionen existiert ein umfassendes Wissen über Heilpflanzen und ihre Anwendung. Das kommt jetzt verstärkt zu Einsatz, etwa wenn es darum geht, die Symptome von Corona zu lindern - Probleme der Atemwege vor allem - oder das Immunsystem der erkrankten Person zu stärken.

"Wir leben in einer Welt, der übertriebenen Ausbeutung."

Insgesamt wird Corona aber nur als ein - wenn auch besonders bedrohlicher - Teil einer umfassenden Negativ-Entwicklung gesehen. Durch Eingriffe der Menschen sei die Natur aus dem Gleichgewicht geraten, so die Diagnose. Gier führt zu Raubbau an den Ressourcen. Anitalia Pijachi, die sich seit vielen Jahren für die Rechte der Indigenen engagiert, formuliert es so: „Wir leben in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. In einer Welt der Ausbeutung - in einer Welt, der übertriebenen Ausbeutung eigentlich. Und da ist es wichtig, sich auf die Werte zu besinnen. Auf die Werte unserer Ahnen.“

Nun haben unterschiedliche Völker unterschiedliche Mythen, Riten und Überlieferungen. Ihnen allen ist aber gemeinsam, dass die Natur als großes Ganzes gesehen wird, deren Teil die Menschen sind. Sie sind dazu aufgerufen, Tiere und Pflanzen zu respektieren und sorgsam mit ihnen umzugehen.

Etwa nicht alle Früchte zu ernten, sondern nach der Deckung des eigenen Bedarfs auch für die Tiere etwas übrig zu lassen, damit auch sie sich ernähren können. Wichtig ist auch, beim Fischfang oder auf der Jagd maßvoll vorzugehen. Das bedeutet, nicht mutwillig zu töten oder auch den natürlichen Prozess der Reproduktion zu respektieren - also zum Beispiel keine trächtigen Tiere zu erlegen.

Eine Malerei von Stammesfrauen.

Eine Malerei eines Indigenen Volkes.

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Ein Beispiel für eine Gottheit, die den richtigen Umgang mit der Natur zum Ausdruck bringt, ist Nunqui - ihre Heimat ist der Norden Perus. Nunqui sorgt für die Pflanzen, gibt ihnen alles, was sie zum Gedeihen brauchen. Noch heute ist es üblich, dass Frauen für Nunqui Lieder singen, während sie in den Hausgärten Gemüse ernten.

Übrigens: Nunqui hat, der Überlieferung nach, eine Tochter, die sie zum Wohl der Menschen auf die Welt geschickt hat. Aber die Menschen haben diese Tochter so grausam misshandelt, dass diese wieder zu ihrer Mutter zurückgekehrt ist.

„Besonders spannend an diesem Mythos ist“, sagt die deutsche Ordensfrau und katholische Theologin Sr. Birgit Weiler, „dass der Nunqui-Mythos älter ist als die christlichen Spuren in Norden Perus, konkret bei den Völkern der Awarun und Wampis. Hier ist also nicht die christliche Verkündigung von Gottvater und seinem Sohn Jesus einfach aufgegriffen und weiblich umgedeutet worden. Es handelt sich hier vielmehr um eine eigenständige Tradition.“

In Krisenzeiten - wie etwa jetzt in der von Corona geprägten Situation - gewinnen die alten Überlieferungen wieder an Bedeutung. Der Appell ist Jahrtausende alt und von brennender Aktualität: Gelingendes Leben kann es auf die Dauer nur im Einklang mit der Natur geben. Dass das oft genug bedeutet, politisch unbequem zu sein, widerständig, das wissen die Indigenen - Angehörige der Völker Ocaina und Huitoto, Ticuna, Awarun, Wampis, Yanomami und wie sie alle heißen, die Völker an den Ufern des Amazonas.

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