Fußgänger spiegeln sich auf nassem Platz

AFP

Städte für Menschen

Weltweit haben immer mehr Städte autofreie Zonen: Kopenhagen, Moskau, Sidney, auch der Broadway in New York ist schon autofrei. Ein Name zieht sich durch alle diese Projekte - der des Stadtplaners Jan Gehl, er hat alle genannten Städte bei der Umsetzung beraten. Sein Buch "Städte für Menschen" wurde in 40 Sprachen übersetzt. Ö1 hat den bekannten Stadtplaner in Kopenhagen am Telefon erreicht.

Menschen sitzen auf einer Mauer, davor autofreier Raum, dahinter Hochhäuser

JOVIS

Jan Gehls Buch "Städte für Menschen" ist 2015 im Verlag Jovis erschienen.
Blick ins Buch

Jan Gehl will die Menschen in Bewegung bringen. Weil vor allem Stadtbewohner zu viel im Auto oder sonst wo sitzen, sind heue etwa 30 Prozent der Einwohner der USA übergewichtig. Sitzen sei fast so gesundheitsschädlich wie rauchen, meint er. Und: Wer täglich 10.000 Schritte tue, verbessere nicht nur seine Laune, sondern verlängere auch sein Leben um einige Jahre. Der Stadtplaner sagt "Je mehr wir gehen oder Fahrrad fahren, desto besser ist das für unsere Gesundheit."

Bedauerlicherweise hat die Stadtplanung der letzten Jahrzehnte weltweit zigtausende Menschenleben gefordert, weil sie zu sehr auf motorisierten Verkehr ausgerichtet war. Seit dem Wirtschaftswunder der 1970er Jahre war aus der Stadtplanung Verkehrsplanung geworden. Seither ist es in vielen Städten wichtiger, den Autoverkehr zu begünstigen, als Plätze als Lebensraum für Menschen zu schaffen. Zwischen den Straßen entstanden Wolkenkratzer.

Signalarchitektur ist "lazy architecture"

Für solche menschenunwürdigen Gebäudehöhen bezichtigt Jan Gehl selbst Stararchitekten wie Frank Gehry oder Rem Kohlhaas, denkfaul zu sein: "Lazy architecture" nennt Gehl das. Er meint, wenn sich die Architekten mehr anstrengen würden, könnten sie dieselben Kubaturen in Bodennähe schaffen. Er sagt, mit fünfstöckigen Bauten hätte man in alten Städten wie Paris dieselbe Dichte erreicht.

Viel wichtiger, als spektakuläre Gebäude zu planen, sei es, den öffentlichen Raum dazwischen zu planen. Damit sich hier alte Menschen und Kinder frei bewegen können, wie in Kopenhagen, wo schon vor 40 Jahren die ersten Studien zu diesem Thema gemacht wurden. Heute kommen rund 35 Prozent der Einwohner auf 400 km Radweg kommen von A nach B. Überall sieht man Kinder und alte Menschen.

Autofreier Ring in Wien, Kind springt in die Luft

Menschen statt Autos: Autofreier Tag auf der Wiener Ringstraße

APA/HERBERT NEUBAUER

Autofreie Städte sind auch ökonomisch ein Vorteil

Eines der Vorbilder von Jan Gehl ist Venedig: Dort könne man sehen, wie sich Kinder auf autofreien Plätzen frei bewegen, und wie sich Menschen dort in aller Ruhe unterhalten können. Einen wichtigen Punkt will er nicht unerwähnt lassen: Städte weltweit wie Sydney, New York oder Kopenhagen hätten sich in den letzten 50 Jahren nicht in diese Richtung entwickelt, wenn es nicht auch ökonomisch interessant gewesen wäre.

Da bleibt es spannend abzuwarten, ob und in welcher Form es auch Wien gelingt, auf diesen Zug aufzuspringen.

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Gehl - Making Cities for People
brand eins - Jan Gehl im Interview. „Die Menschen in Bewegung setzen“

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