Zwei Mädchen mit ihren Koffern unterwegs auf einer Wiese.

DPA/INGO WAGNER

Die Touristen kommen!

"Salzburger Nachtstudio" über Perspektiven des Fremdenverkehrs.

Sie ist wieder aktuell, die "Piefke-Saga"! Der Anlass ist zwar wenig erfreulich, es ist - erraten - die "Affäre Ischgl" im Rahmen der Coronakrise, die literarische Folge dafür umso vielversprechender: Der Tiroler Autor Felix Mitterer arbeitet an einem fünften Teil der legendären "Piefke-Saga". Für alle unter 40: Das war jene vierteilige TV-Satire, die in den 1980er Jahren den Massentourismus in Tirol ironisch bis ätzend auf die Schaufel nahm und auf heftige Reaktionen stieß.

"Der Hauptvorwurf war, dass ich den Tourismus hasse, dass ich ihn grundsätzlich ablehne - stimmt ja überhaupt nicht", erinnert sich Mitterer im Interview mit dem "Salzburger Nachtstudio".

"Ich bin als armer Leute Kind in Tirol aufgewachsen und weiß ganz genau, dass der Tourismus Tirol aus der Armut erlöst hat. Und ich weiß auch ganz genau, dass sich ein Mensch, der in Deutschland das ganze Jahr im Büro sitzt und neben einem Kohlebergwerk lebt, danach sehnt, in seinem Urlaub ans Meer oder in die Berge zu fahren - das verstehe ich ja alles."

Der Name „Piefke-Saga“ ist übrigens gar nicht auf Mitterers Mist gewachsen, sondern war eine Idee des koproduzierenden Norddeutschen Rundfunks. Bedeutend größer als die Schar der Kritiker war und ist die Masse der Fans von Mitterers Saga. Sie gieren nach einer Post-Corona-Fortsetzung. „Das müssen wir einfach machen. Ich arbeite bereits an einem Exposé“, so Mitterer. „Die Darsteller leben ja noch, die wären jedenfalls mit Begeisterung wieder dabei".

Die Wiener Historikerin Marie Therese-Arnbom stellt in ihren Büchern, aktuell über „Die Villen von Pötzleinsdorf", viele Facetten des historischen Tourismus dar, so auch die Aversionen zwischen Land und Stadt, speziell Wien. Ein Erbe aus den Zeiten der Monarchie.

"Die Aversion der Landbevölkerung gegenüber den Städtern hat sich immer auf vielen Ebenen abgespielt. Fremd ist fremd und das wollen wir nicht. Und mann muss schon überlegen Tourismus hieß Fremdenverkehr", sagt die Historikerin Marie Therese-Arnbom.

Doch wie wird die gebeutelte österreichische Freizeitwirtschaft diesen Sommer 2020 überstehen? Der Sozialwissenschaftler Peter Zellmann leitet das Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien und warnt schon länger vor der Geringschätzung der Tourismusbranche in der öffentlichen Meinung:

„Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Tourismus- und Freizeitwirtschaft wird in Österreich dramatisch unterschätzt. Die induzierten Querverbindungen finden in der Politik viel zu wenig Beachtung. So gesehen ist das 'Überleben der Tourismuswirtschaft‘ keine ausgemachte Sache. Es muss damit gerechnet werden, dass bis zu einem Viertel der Betriebe diesen Sommer nicht überleben werden. Wichtig wäre es jetzt konsequent zu entscheiden ob Urlaub möglich gemacht wird oder nicht. Was von den Menschen im Alltag als Einschränkungen akzeptiert wird, unterliegt im Urlaub anderen Kriterien. Urlaubsgefühl kennt keine ‚neue Normalität‘.“

"Wenn wir das 'Ischgl-Bashing' aufrecht halten und die Pandemie sich bis in den Herbst ziehen wird und dann auch der Wintertourismus betroffen sein wird, dann führt das zu volkswirtschaftlichen Auswirkungen, von denen die. die politischen Rahmenbedingungen schaften, keine Ahnung haben". sagt der Sozialwissenschaftler Peter Zellmann.

Keine „schöne neue Welt“ also, wenn‘s um den Urlaub geht, meint Zellmann, der gerade an einem Tagebuch der Corona-Krise arbeitet.

„Tourismus ist kein ’Selbstläufer’. Vieles hat in den Wachstumszeiten scheinbar wie von selbst funktioniert. Diese Zeiten sind, von Corona eventuell verstärkt, vorbei. Krisensichere Urlaubsformen wird es am ehesten dann geben, wenn man sich, eingehender als bisher üblich, mit den tatsächlichen Gästewünschen, den Bedürfnislagen und Reisemotiven auseinandersetzt. ‚Den Gast‘ als digital ermittelten Durchschnitt gibt es nicht. Qualität bieten heißt Erwartungshaltungen zu erfüllen. Diese haben sich in viele, teilweise ganz neue, individuelle Interessenlagen aufgespalten.“

Service

Marie Theres Arnbom: “Die Villen von Pötzleinsdorf. Wenn Häuser Geschichten erzählen.“ Amalthea Wien 2020

Dietmar Grieser: „Wien. Wahlheimat der Genies“, Amalthea Wien 2019

Peter Grupp: „Faszination Berg. Die Geschichte des Alpinismus“, Böhlau Wien 2008

Lois Hechenblaikner:“Ischgl“, Steidl Verlag 2020

Felix Mitterer: „Keiner von Euch“ Roman, Haymon Verlag 2020

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