Schröpfköpfe

KNAPPENWELT GURGTAL

Die Heilerin vom Gurgltal

Das Gurgltal im Tiroler Oberland war einst eines der bedeutendsten Bergbaugebiete Tirols. In der Knappenwelt in Tarrenz, einem originalgetreu nachgebauten spätmittelalterlichen Bergbaubetrieb, kann man die Arbeit und das Leben der Bergknappen nachempfinden. Im Jahr 2008, als die Knappenwelt eröffnet wurde, wurde durch Zufall in der Nähe ein Grab aus dem 17. Jahrhundert gefunden.

Das Grab werfe viele Fragen auf, sagt Alrun Lunger, die Geschäftsführerin der Knappenwelt: "Das Grab wurde im Wald gefunden, nur wenige Meter unterhalb der ursprünglichen Römerstraße, die Via Claudia Augusta, die hier durchführt. Es wurde so gefunden, dass die Person verkehrt herum, sprich auf dem Bauch begraben wurde. Diese vielen Objekte die dabei waren, die sind an sich schon ein Rätsel. Normalerweise gibt man wertvolle Dinge nicht mit ins Grab in dieser Zeit."

Und hier waren es gar rund 80 Objekte: Haken und Ösen, ein Segment-Gürtel aus Leder und Metall, Nähnadeln in einer Büchse, eine Schere, Schlüssel, ein Rosenkranz, eine Pfanne, Münzen.

Die sterblichen Überreste stammen von einer etwa 40-jährigen Frau aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Aufgrund einer „Fraisenkette“ mit Amuletten und anderen magischen Dingen, die bei ihr gefunden wurden, wird sie als die „Heilerin vom Gurgltal“ bezeichnet. In der Knappenwelt in Tarrenz hat sie ein eigenes kleines Museum erhalten, in dem das Skelett und die Grabbeigaben unter Glas gezeigt werden.

Besondere Schröpfköpfe

Die spannendsten Objekte der Heilerin sind für Alrun Lunger die fünf Schröpfköpfe aus geripptem Buntmetall, die im Grab gefunden wurden: "Solche Schröpfköpfe können nur von jemand eingesetzt werden, der genau weiß, wie man damit umgehen muss. Folgt man der Säftelehre, die im Mittelalter und auch im 16. und 17. Jahrhundert sehr stark verbreitet war, hilft dieses Schröpfen, also das Herausziehen von schlechten Säften, das Gleichgewicht dieser vier Säfte im Körper wieder zu regulieren und so die Heilung zu ermöglichen."

 Schröpfköpfe aus geripptem Buntmetall

KNAPPENWELT GURGTAl

Die Technik des Schröpfens wurde schon 3.300 vor Christus in Mesopotamien angewendet und war auch bei den Chinesen bekannt. Es gibt durch die Jahrhunderte archäologische Funde von Schröpfköpfen, die meist jedoch aus Glas gefertigt worden. Aus dem 17. Jahrhundert gibt es aber wenigr Funde. Deshalb sind die besonders schönen Schröpfköpfe aus Buntmetall aus Tarrenz etwas Besonderes.

Viele weitere schöne Stücke

Nur in Teilen erhalten ist die Fraisenkette, die Böses abhalten sollte. Sie bestand aus verschiedenen Perlen aus Bergkristall, Glas und Metall und Amuletten, zum Beispiel einer Schnecke mit einem Spiegel auf der Rückseite. Alrun Lunger ist auch angetan vom „Mundzeug“, einem mittelalterlichen Reisebesteck: „Das aus einem schönen kleinen Messer und einem Esspfriem besteht. Das kann man sich vorstellen wie ein kleiner Spieß, quasi eine Gabel mit einem einzigen Zinken, und diese zwei Teile waren in einem sehr schönen Metallköcher verstaut, der an einer Kette am Gürtel befestigt wurde. Alle drei Objekte sind sehr schön aus Metall gearbeitet und sicher eine etwas teurere und elegantere Ausführung von dem, was viele andere bei sich trugen.“

Mundzeug

Mundzeug

Ein Rätsel bleibt, woran die Heilerin vom Gurgltal gestorben ist und warum sie im Wald begraben wurde statt auf dem Friedhof – noch dazu mit dem Gesicht nach unten. Sie hatte Abszesse im Kiefer und eine Entzündung am Bein. War sie an einer Sepsis oder an der Pest gestorben und neben der Strasse verscharrt worden, weil sie eine Vagantin war? War sie aus rituellen Gründen getötet worden? Dachte man, dass sie übernatürliche Kräfte hat, und begrub sie deshalb mit dem Gesicht nach unten – damit sie keine „Wiedergängerin“ werde? Erstaunlich ist auch, dass die Knochen so gut erhalten sind, obwohl sie fast 400 Jahre im Waldboden gelegen waren.

Hilfe beim Zusammensetzen des Puzzles der „Heilerin vom Gurgltal“ bietet ein Dokumentarfilm in der Ausstellung, an dem die Bevölkerung von Tarrenz zahlreich mitgewirkt hat.

Gestaltung

  • Sonja Bettel

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