Ilija Trojanow

THOMAS DORN

"Doppelte Spur" von Ilija Trojanow

Nach dem NSA-Skandal gehörte Ilija Trojanow zu den lautesten Mahnern. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich publizistisch mit internationalen und nationalen Überwachungsstrukturen, vom dem Buch "Angriff auf die Freiheit", das er anno 2009 gemeinsam mit Juli Zeh veröffentlicht hat, bis zu seinem großen Roman "Macht und Widerstand", für den Trojanow jahrelang im Archiv des ehemaligen "Komitees für Staatssicherheit" in Bulgarien recherchiert hat. In die Welt der Geheimdienste führt jetzt auch sein neuer Roman "Doppelte Spur".

Begonnen hat alles mit anonymen E-Mails und rätselhaften Botschaften und alsbald landet ein USB-Stick beim Ich-Erzähler Ilija Trojanow, ein USB-Stick mit geheimen Dokumenten, geleaktes Material. Trojanow, investigativer Journalist und Alter Ego des Autors, macht sich an die Arbeit.

Alles in diesem Roman ist wahr oder wahrscheinlich

... diesen Satz hat Ilija Trojanow seinem neuen Buch vorangestellt. "Ich dachte, wenn heute jeder seine eigene Realität erfindet, dann ist das für Romanciers eine Herausforderung. Ich kam dann zu der Lösung, ich werde es genau umdrehen: Ich baue einen Roman mit literarischen Mitteln, aber die Bausteine sind alle faktisch." Faktisch - das sind die üblen Machenschaften und kriminellen Verflechtungen zwischen Politik und Business, und es ist eine wahrhaft spannende Recherche, die hier virtuos in Literatur verwandelt wurde.

Ein Netzwerk aus Korruption, Betrug und Machtmissbrauch

Es gibt ein russisches und ein US-amerikanisches Leak und gemeinsam mit seinem amerikanischen Kollegen Boris taucht Ilija immer tiefer ein in ein scheinbar undurchdringbares Netzwerk aus Korruption, Betrug und Machtmissbrauch.

Kulturjournal | 29 07 2020 - Interview mit Ilija Trojanow

Kristina Pfoser

"Die enormen Summen, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten in der Geldwäsche, in der illegalen Wirtschaft verschoben werden, haben zu einer Konzentration von Vermögen und Macht geführt, die atemberaubend ist", sagt Ilija Trojanow, "und wir erleben zunehmend, dass diese oligarchische Schicht über dem Gesetz steht und eigentlich fast unangreifbar ist."

Buchcover von "Doppelte Spur"

S.FISCHER VERLAG

"Schiefer Turm" und "Mikhail Iwanowitsch"

Die Akteure werden mit vollem Namen genannt - vom russischen KGB-Offizier Oleg Kalugin bis zu Oligarchen wie Oleg Boyko und Mikhail Tschernoi. Nur für drei gibt es Decknamen: Trump heißt "Schiefer Turm", Putin "Mikhail Iwanowitsch". Und dann gibt es noch Geoffrey Wasserstein, eine Figur, die an den verurteilten Sexualstraftäter Epstein denken lässt. Das sei eine Selbstschutzmaßnahme, erklärt Ilija Trojanow, "es war so schwierig, diese widerliche Geschichte zu schreiben, dass ich Distanz brauchte."

Was darf man glauben?

Die Frage ist nicht zuletzt auch: Auf welche Informationen kann man sich verlassen? Mit welcher Absicht werden Lügen verbreitet? Sind Boris und Ilija Trojanow selbst ein Spielball der Geheimdienste? - "Man muss wirklich hart arbeiten, um Verschwörungstheorien, Unterstellungen und Projektionen von verssteckten Fakten und unglaublichen Machenschaften, die da sichtbar wurden, zu trennen", meint Ilija Trojanow.

Undurchschaubare Verschachtelungen

Und wenn es an einer Stelle heißt: "Boris wird mir einige dieser hochkomplexen Verschachtelungen erklären, und ich werde nur Bruchteile verstehen", dann stellt man fest, dass es dem Leser, der Leserin ebenso ergeht. Das war auch Absicht, sagt Ilija Trojanow. "Ich wollte es nicht so leicht verständlich aufdröseln wie im Thriller-Genre, wo die Welt durchschaubar scheint. Das ist sie nicht." Gewiss ist am Ende nur eines: so manche internationale Schlagzeile wird man nach der Lektüre dieses Romans mit anderen Augen lesen.

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Ilija Trojanow, "Doppelte Spur", S. Fischer
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