Eine afro-amerikanische Frau wird von einem Polizisten abgeführt, Birmingham, Alabama 1963

AP

Black History

Die amerikanische Geschichte ist in Politik und Kultur der USA ein Streitgegenstand. Donald Trump beschwor in seiner Kampagne ein früher angeblich großartiges Amerika. Antirassistische Bewegungen wie Black Lives Matter, die sich als Reaktion auf die lange Serie tödlicher Polizeigewalt gegen unbewaffnete Schwarze formierten, beziehen sich auf Protestformen des Civil Rights Movement.

Rassismus, Unterdrückung und Diskriminierung ist Teil der Geschichte der Vereinigten Staaten bis heute. Teil dieser Geschichte sind aber auch die Bürgerrechtsbewegungen, die politische und soziale Emanzipation schwarzer Amerikaner/innen und der brennende Kampf um Gerechtigkeit und Chancengleichheit. Wie wird Geschichte in einer polarisierten Gesellschaft erzählt und vermittelt? Fünf Beispiele für Geschichtspolitik in Amerika.

Weißer Terror in Charleston, South Carolina

In Charleston in South Carolina wurden im Juni 2015 neun Gläubige der afroamerikanischen Methodisten Kirche während einer Bibelstunde erschossen. Der Attentäter posierte zuvor im Internet mit der Kriegsflagge der Konföderierten und stellte seine Tat damit eindeutig in die Tradition des Südstaatenrassismus. Der Terroranschlag hatte eine Debatte über die Symbole der Südstaatenideologie ausgelöst. So holten Aktivisten von black lives matter die Konföderierten Flagge vom Parlamentsgebäude von South Carolinas Hauptstadt Columbia. In vielen Städten des Südens wurden in der Folge auch Denkmäler für Generäle und Sklaverei-Befürworter entfernt.

Demonstrant trägt aus Überzeugung die Fahne der Konföderierten Staaten, Juni 2015 in Charleston.

Demonstrant trägt aus Überzeugung die Fahne der ehemaligen Konföderierten Staaten, Juni 2015 in Charleston.

APA/AFP/JIM WATSON

In Charleston erklärte man einige Straßenzüge um die Kirche, im Zentrum der Stadt, zum Memorial District. Ein verhaltenes Zeichen der Erinnerung der rassistischen Ermordung von neun Menschen. Zumal der benachbarte Marian Square von einem riesigen Denkmal von John Calhoun beherrscht wird, einem vehementen Verteidiger der Sklaverei im 19. Jahrhundert. Schon seit seiner Errichtung im Jahr 1896 empfanden Afroamerikaner/innen das Denkmal als ständige Beleidigung. Unmittelbar nach dem Massaker ergänzten Unbekannte die Inschrift „Truth, Justice and the Constitution“ durch die Worte „and Slavery“.

Denkmal von John Calhoun

AP/JONATHAN DREW

Der Kampf gegen Gentrifizierung - Das Hannibal Square Heritage Center in Florida

Mit dem Eisenbahnbau im Jahr 1880 und der damit einhergehenden Erschließung Floridas stieg der Bedarf an Arbeitskräften für den aufkommenden Tourismus und der Arbeit auf den Orangen- und Zitronenplantagen. Dieser wurde zum Großteil durch zugezogene Afroamerikaner/innen gedeckt. So entstand im Westen der Stadt Winterpark das afroamerikanische Viertel Hannibal Square. Die Eisenbahngleise der South Florida Railroad markierten für viele Jahrzehnte die Segregation in Winterpark: im Osten lebte die weiße Bevölkerung, im Westen die Schwarze, der es untersagt war, die Bahntrasse nach Sonnenuntergang zu überschreiten.

Heute unterliegt der Schwarze Stadtteil einem fortschreitenden Prozess der Gentrifizierung. Denn das weiße, wohlhabende Winter Park drängt zunehmend auf die andere Seite. Als Reaktion auf diese Gentrifizierung begann die afroamerikanische Community ein Archiv aus privaten Fotosammlungen anzulegen, die das Leben in ihrem Stadtteil dokumentieren. Damit wollte man auch dem drohenden Verlust an Gemeinschaft und Erinnerung entgegenwirken. Der Erfolg war so groß, dass aus dieser Sammlung ein kleines Museum entstand, das Hannibal Square Heritage Center.

Das Museum versteht sich, nicht zuletzt durch die Einbindung der Bevölkerung, als ein Instrument, um sich gegen rassistische Strukturen zu wehren. Diese Vorgangsweisen verdeutlichen, dass die Motivation einer Minderheit, ein eigenes Geschichtsmuseum zu gründen, eine völlig andere ist, als die der Mehrheit. Während sich die Mehrheit ihrer historischen Legitimation bewusst ist und Geschichte als selbstverständliches Erbe betrachtet, müssen Minderheiten diese immer wieder aufs Neue erkämpfen.

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Sojourner Truth (1797-1883), the daughter of enslaved Africans from Ghana and Guinea, was born into slavery in New York State where she grew up speaking Dutch. By the time Truth escaped slavery, she had been beaten daily by one of her enslavers, denied her first love and forced to marry and bear the children of an older man by another, raped by her last enslaver (resulting in the birth of her second child), witnessed the death of her firstborn, and changed ownership four different times. In 1826 she escaped to freedom with her infant daughter Sophia, just a year before New York State finally abolished slavery, a legislative process that had begun 28 long years earlier. After New York’s Emancipation Act went through, Truth learned that her five-year-old son (who, along with her other older children, she had been forced to leave behind) was illegally sold and taken to Alabama. She successfully fought for her son in court, making her the first Black woman to win a legal case against a white man. In 1843 she changed her name from Isabella Baumfree to Sojourner Truth, and for the rest of her life she was an unstoppable force for justice. In 1851, she delivered her famous improvised speech at the Ohio Women’s Rights Convention, offering the indisputable strength of her own body as proof of the equality of sexes. “I have as much muscle as any man, and can do as much work as any man. I have plowed and reaped and husked and chopped and mowed, and can any man do more than that?” she asked the crowd. During the Civil War she recruited black soldiers for the Union and was consulted by President Abraham Lincoln. In 1865, the Civil War scarcely over, Truth immediately began desegregating streetcars in Washington by riding in whites-only cars (predating the Civil Rights Movement by almost one hundred years). Later in life, she lobbied the federal government for land grants for the formerly enslaved, believing that true freedom would never come without economic self-sufficiency. Today Sojourner Truth remains a righteous beacon for all devotees of truth and freedom.

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Südstaatenromantik - Das verklärte Bild des „Good Old South“

An den Ufern des Mississippi, zwischen Baton Rouge und New Orleans, reihten sich bis ins späte 19. Jahrhundert unzählige Zuckerplantagen aneinander. Viele der Plantagen werden heute als historische Stätten betrieben und bieten Führungen durch die restaurierten Herrenhäuser und in manchen Fällen auch die ehemaligen Unterkünfte der Versklavten an. Die Orte sind begehrte Locations für Hochzeiten weißer Paare.

Der Besuch einer solchen Plantage vermittelt schlagartig, was Donald Trumps Slogan „Make America Great Again“ meint. An den Originalschauplätzen der Ausbeutung und der rechtlichen Verdinglichung Schwarzer Menschen zum Zweck des weißen Profits zeichnen diese Einrichtungen ein verklärtes Bild des „Good Old South“, das den Glanz der Südstaaten vor dem Bürgerkrieg zelebriert.

Whitney Plantage

Whitney Plantage

AP/GERALD HERBERT

Mit dem Whitney Plantation Museum eröffnete 2014 die erste historische Stätte, die sich der Bedeutung der Plantage für die amerikanische Ökonomie und Gesellschaft aus der Perspektive der Versklavten widmet. Das Museum erlangt seine Bedeutung auch durch den Umstand, dass es in den USA bis heute kein offizielles Museum der Sklaverei gibt. Hier wird keine Südstaatenromantik vermittelt. Whitney gibt jenen eine Stimme, die in dem Plantagengeschäft entlang des Mississippi sonst zum Schweigen gebracht sind - den „enslaved individuals“, die den Reichtum der Besitzenden erarbeitet haben.

Statue

"The Field of Angels" auf der Whitney Plantage gedenkt 2.200 jungen, verklavten Kindern, die zwischen den 1820er und 1860er Jahren, nicht immer unter geklärten Umständen, ums Leben gekommen sind. Dort findet sich auch die Bronzestatue "Coming Home" von Rod Moorehead.

AP/GERALD HERBERT

Der Kampf um gleiches Wahlrecht - Das Safe House Black History Museum in Alabama

In Greensboro, einer Kleinstadt im Südwesten Alabamas - liegt das Safe House Black History Museum. Die Ausstellung im Museum widmet sich den Voting-Rights-Märschen - also den Kämpfen um gleiches Wahlrecht.

Im Eingangsbereich des Museums hängen Fotos von Präsident Obama und seiner Familie. Darüber steht groß an der Wand geschrieben: „Because We Marched...“ (also „weil wir damals marschiert sind ...“). Ein Hinweis darauf, dass die Vereinigten Staaten ohne die Voting-Rights-Märsche niemals einen Schwarzen Präsidenten gehabt hätten.

Grundlage für die Museumsinhalte bildet die Lebensgeschichte ihrer Gründerin. Denn wie so viele kleinere Museen im Süden wurde dieses von einer ehemaligen Aktivistin - oft sind es Frauen - gegründet, um damit den Kampf um gleiche Rechte mit anderen Mitteln fortzuführen. Indem diese Museen die politischen Kämpfe der Vergangenheit darstellen, ehren sie nicht nur jene, die in den 1950er und 1960er Jahren den Mut hatten, sich zu organisieren. Sie vermitteln auch jungen Menschen von heute Möglichkeiten des Protests.

Denn die Frage des Wahlrechts ist nach wie vor aktuell. Bei der letzten Präsidentschaftswahl waren zum Beispiel fast ein Viertel der Afroamerikaner/innen in Florida nicht wahlberechtigt. Denn aufgrund der in diesem Bundesstaat besonders restriktiven Wahlgesetze wurden vielen Bürger/innen das Wahlrecht wegen eines Strafurteils auf Lebenszeit entzogen. Im Jahr 2018 haben aufgrund eines Referendums 1,4 Millionen Bürger/innen ihr Wahlrecht wiedererlangt. Diese Entscheidung in einem „Swing State“ wie Florida, könnte bei den Präsidentschaftswahlen im November bundesweite Auswirkungen haben.

Die Black Police in Miami

Das Black Police Museum in Overtown, einem Schwarzen Stadtteil von Miami, ist ein einzigartiges Museum. Es dokumentiert die Arbeit der „Black Police“ in den afroamerikanischen Vierteln von Miami zwischen 1950 und 1963. Eine eigene Abteilung von Schwarzen Polizisten für die Schwarzen Bezirke einer Stadt stellt in den USA eine Ausnahme dar. Die Debatte um die zahlreichen Tötungen unbewaffneter Afroamerikaner durch weiße Polizisten verleiht dem Museum seine besondere Aktualität.

Die Polizei galt für Schwarze Bürger/innen seit der Abschaffung der Sklaverei als Exekutivorgan des weißen Rassismus. Tatsächlich hat sie in den Südstaaten ihre Wurzeln in den „Slave Patrols“, die Fluchtversuche und Revolten von versklavten Menschen verhindern sollten. Die afroamerikanischen Bemühungen um Integration in den Polizeiapparat zielten daher auf die Veränderung einer Institution, die als ständige Bedrohung das alltägliche Leben prägte.

Bewegungen wie Black Lives Matter erheben Forderungen nach Community Policing, also der Polizeiarbeit in Schwarzen Stadtteilen durch Beamt/innen aus der Nachbarschaft und letztlich der Kontrolle der Polizei durch die jeweilige Community. Bereits in den 1960er Jahren war dies ein Ziel der Bürgerrechtskämpfe. Nach der Ermordung von George Floyd durch Polizisten in Minneapolis im Mai dieses Jahres wurden Maßnahmen in diese Richtung zumindest angekündigt.

Gestaltung: Cornelia Kogoj, Christian Kravagna

Service

Buch-Tipp: Cornelia Kogoj, Christian Kravagna, "Das amerikanische Museum: Sklaverei, Schwarze Geschichte und der Kampf um Gerechtigkeit in Museen der Südstaaten", Mandelbaum Verlag 2019.

Hannibal Square Heritage Center
Whitney Plantation Museum
The Safe House Black History Museum
Black Police Precinct and Courthouse Museum