Demonstration am Rathausplatz

APA/HANS PUNZ

Störung der redaktionellen Verhältnisse

Seit dem Mord an George Floyd wird viel über Rassismus gesprochen. Die Debatte findet vorwiegend im Netz statt, wo die Community das Wort selbst ergreifen kann, denn in den klassischen Medien herrscht immer noch ein eklatanter Mangel an Diversität. Der vom Fotografieren bekannte Weißabgleich dominiert in den Redaktionen. Und das wirkt sich auch auf die Berichterstattung aus.

50.000 Menschen sind Anfang Juni in Wien auf die Straße gegangen, um nach dem Mord an George Floyd in Minneapolis ein Zeichen gegen Rassismus und Polizeigewalt zu setzen. Die Black-Lives-Matter-Demo war die größte Kundgebung in Österreich seit einem Jahrzehnt. Vor allem junge Menschen haben protestiert, sie dürften über das Internet für das Thema sensibilisiert worden sein. Tagelang waren die sozialen Netzwerke - speziell Instagram - voll mit Videos von Polizeiübergriffen, Schilderungen von Betroffenen und Solidaritätsaktionen wie #BlackoutTuesday.

Unter diesem Hashtag wurden – wenige Tage vor der Demo in Wien - mehrere Millionen Mal simple, komplett schwarze Bilder geteilt. Anstelle von Reise- oder Essensfotos sollten die dunklen Kacheln dazu anregen, über Rassismus nachzudenken. Es war eine riesige Protestwelle, an der auch zahlreiche Prominente und Unternehmen teilgenommen haben.

Demo hält Redaktionen den Spiegel vor

In diesen Tagen hat sich einmal mehr gezeigt, wie das Netz zum Sprachrohr einer Community geworden ist, die in den klassischen Medien immer noch zu selten Gehör findet, sagt Vanessa Spanbauer, Chefredakteurin von "Fresh", dem Magazin für "Black Austrian Lifestyle". "Das Internet gibt Menschen eine Plattform und Bühne, die in den Medien nicht vertreten werden“, so Spanbauer. Viele Redaktionen hätten von der Aufregung im Netz wenig mitbekommen und seien damit von der Größe der Aufregung überrascht gewesen: "Durch die Demo hat man dann gemerkt: Hoppala, vielleicht muss man tatsächlich auch über Österreich reden." Angefangen bei Alltagsrassismus und Polizeiübergriffen bis hin zu diskriminierenden Markennamen gäbe es eigentlich viel zu besprechen.

Sandra Maischberger

WDR/MARKUS TEDESKINO

Sandra Maischberger

Wenn Weiße über Rassismus diskutieren

Stattdessen sorgen die Medien für Kopfschütteln, etwa die ARD-Diskussionssendung "Maischberger". In die Sendung über die Anti-Rassismus-Proteste in den USA wurden fünf weiße Gäste geladen. Erst nach einem Riesenwirbel im Netz wurde in letzter Minute eine schwarze Professorin aus den USA zugeschaltet. Für Kritiker ist das beispielhaft für den Umgang mit Schwarzen in den Medien. Spanbauer sagt, es sei typisch, dass die Expertise von Schwarzen medial nicht anerkannt werde: "Man kann auch nur Weiße über Rassismus diskutieren lassen, muss dann aber den Frame setzen und dazu sagen: Weil das die Menschen sind, die Rassismus ausüben."

Schwarze TV-Präsenz sorgt für Aufsehen

Im Vergleich zu Deutschland scheint zumindest das in Österreich besser funktioniert zu haben. Die Talkshow-Runde bei Corinna Milborn auf Puls4 zum Thema wird etwa nur mit schwarzen Österreicherinnen und Österreichern besetzt. In der ZIB2 wird der langjährige ORF-Kameramann Douglas Robinson interviewt. Der Afroamerikaner berichtet eindringlich, wie sich schwarze Menschen in den USA von der Polizei bedroht fühlen.

Auf ORF1 ist noch am Demo-Abend einer der Organisatoren, der 19-jährige Mugtaba Hamoudah, ins Studio geladen. Im Interview mit Stefan Lenglinger erklärt Hamoudah, weshalb es seiner Meinung nach auch in Österreich wichtig ist, gegen Rassismus zu demonstrieren. Er erinnert etwa an Marcus Omofuma, den nigerianischen Asylwerber, der 1999 auf einem Abschiebeflug aus Österreich von Polizisten geknebelt worden und in der Folge erstickt ist.

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Über 50.000 Menschen und hunderte überwältigende Nachrichten. Ich habe mal drei Tage gebraucht, um zu realisieren, was da am 4. Juni 2020 passiert ist. In einer Stadt, die mit Rassismusvorfällen nicht umgehen kann und in der man sich oft als Einzelkämpfer*in sieht, ist es dann doppelt überwältigend, so viel Solidarität zu erleben. Die drittgrößte Demo in den letzten 20 Jahren! Und am Tag drauf nochmal 10.000 auf der großartigen Demo von @blacklivesmattervienna . In Wien gibt es somit mindestens 60.000 Menschen die trotz Regen auf die Straße gehen, um aktiv, laut und solidarisch gegen Rassismus und für eine gerechte Welt einzustehen. Danke dafür. Danke, dass ich ab heute beruhigter durch die Straßen gehen kann. Danke dafür, dass ihr gezeigt habt, dass wir Probleme angehen wollen. Die Demo mit Mireille zu organisieren, war eines der bestärkendsten Erfahrungen überhaupt. Sie ist die stärkste, standhafteste und entschlossenste Person, die ich kenne. Die so viel Zeit und Energie darin investiert, gute Politik in Österreich zu machen, aber vor allem auch für schwarze Menschen, und marginalisierte Gruppen einzustehen, um unsere Gesellschaft gerechter zu machen. Tausend Dank und Liebe @mireille_ngosso . Ich habe gelernt, dass es großartige Allies gibt, die Tage und Nächte investieren, um Aktivist*Innen sowohl im politischen Kampf, als auch persönlich zu unterstützen und an deren Seite zu stehen. Und nebenbei, die schönen Grafiken auf die ich ständig angesprochen werde, hat genau einer dieser großartigen Allies gemacht. Danke @_davidbenjamin_ . Ich habe miterlebt, wie Damien Agbogbe, der 2003 dafür gekämpft hat, das Denkmal an den Marcus Omofuma errichten zu lassen, nach 20 Jahren politischen Kampfes in Österreich auf unserem Demowagen steht, sich dabei offen und verletzlich zeigt, bewegende Geschichten teilt und versprochen hat, weiterzukämpfen. Ich habe gesehen wie @asmaaiad , mit meiner Mutter auf der Demo tanzt. Zwei starke Frauen, die sich erlauben selbst im antirassistischen Diskurs intersektional zu denken und für füreinander einstehen. Zwei Frauen, die sich einen Raum einnehmen, den ihnen niemand in der Gesellschaft zugestehen will. (weiter geht's ⬇️⬇️)

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Nachholbedarf in Sachen Diversität

Das Interview in der "ZIB Nacht" findet in den sozialen Netzwerken positiven Anklang; der Schwarze Journalist Lenglinger interviewt den Schwarzen Aktivisten Hamoudah. Diese Aufmerksamkeit spricht Bände, findet Lenglinger: "Die Tatsache, dass einen Phänomen-Charakter hat, wenn in Österreich ein Schwarzer im Fernsehstudio steht oder gar bei einer Sendung zwei Schwarze Menschen auf einmal im Fernstudio stehen, zeigt für mich, dass in puncto Diversität doch noch nicht so viel erreicht sein dürfte." Dabei wäre das wichtig, denn mangelnde Diversität führe zwangsläufig auch zu einer journalistischen Unausgewogenheit.

Lenglinger: "Wenn eine Redaktion aus zwölf Menschen besteht, die alle Jahrgang 1960 sind, alle in Wien aufgewachsen sind und alle dort ihr gesamtes Leben lang gelebt haben, dann muss die Berichterstattung irgendwo einseitig werden. Vor allem wenn es um Themen geht, die von der eigenen Lebensrealität so weit weg sind."

Journalist Lenglinger

Journalist Lenglinger

ORF/THOMAS JANTZEN

Entweder deutsche Wurzeln oder prekär

Zahlen zur Diversität in der Branche fehlen noch, Ende des Jahres soll erstmals dazu eine Erhebung vom Medienhaus Wien veröffentlicht werden. Fest steht laut den Forschern aber jetzt schon, dass Journalistinnen und Journalisten mit Migrationshintergrund im Vergleich zur Gesamtgesellschaft drastisch unterrepräsentiert sind. Und wenn es Wurzeln im Ausland gibt, dann sind diese meist im deutschsprachigen Raum. Mehr Diversität gibt es unter den Freien, also ausgerechnet bei Journalistinnen und Journalisten in prekären Arbeitsverhältnissen.

Elitäre Hürden bei Journalismus-Einstieg

Dass die Branche aus einer solch homogenen Gruppe besteht, ist ein Problem, sagt Vanessa Spanbauer. Es würde Mehrwert bringen, wenn nicht immer dieselben Menschen schreiben und sprechen. Genau hier setzt die Biber-Akademie an. Das Ausbildungsprogramm des transkulturellen Wiener Gratis-Magazins "Biber" versucht schon seit fast zehn Jahren, den journalistischen Nachwuchs mit internationalem Background zu fördern. Für die Akademie gibt es Stipendien, die Teilnehmer sammeln viel Praxiserfahrung. Gesponsert wird das Programm unter anderem vom Außenministerium und dem ORF.

Das Ziel sei es, die elitären Hürden beim Einstieg in den Journalismus abzubauen, sagt Biber-Chefredakteurin Delna Antia-Tatic: "Die, die sich bei den klassischen Medien bewerben, kommen meistens aus dem Bildungsbürgertum – da ist der Papa oder der Onkel selbst Journalist. Bei uns bewerben sich ganz andere Leute. Da ist die Mama jahrelang Putzfrau gewesen und der Papa klassisch Gastarbeiter am Bau." Diese Gruppe würde sonst gar nicht auf die Idee kommen, sich bei einer Journalismus-Akademie zu bewerben, sagt Antia-Tatic.

Spektakuläres Interview in der "Krone"

200 Absolventinnen und Absolventen hat die Biber-Akademie schon hervorgebracht und viele von ihnen würden die Redaktionen jetzt mit neuen journalistischen Zugängen bereichern, sagt Antia-Tatic und nennt ein Beispiel: Vor kurzem ist in der "Kronen Zeitung" ein vielbeachtetes Interview von Maida Dedagic mit ÖVP-Integrationsministerin Susanne Raab erschienen. Im Interview hat Dedagic der Ministerin vorgehalten, dass Mehrsprachigkeit nicht zwingend ein Problem sei, sondern auch ein Vorteil sein könne. Ungewöhnlich für die "Krone", aber kein Zufall - Dedagic habe die Biber-Akademie absolviert, so Antia-Tatic.

Sie warnt: Immer mehr junge Menschen mit Migrationshintergrund fühlten sich von den klassischen Medien nicht repräsentiert: "Wenn die Medien nicht auch bewusst auf diese Menschen zu gehen und sagen, wir wollen dich und wir holen dich auch ab, dann fehlen sie."

Rassistische Strukturen durchbrechen

Die Medien seien in der Pflicht, Journalistinnen und Journalisten sollten auch ihre unbewussten rassistischen Vorurteile in der Berichterstattung reflektieren, befindet auch Vanessa Spanbauer. Sie nennt das mediale Bild des kriminellen Afrikaners als Beispiel, das vor allem am Boulevard in den 90er Jahren munter verbreitet wurde. "Man muss die Verantwortung der Medien einfordern, genauso wie von der Politik und dem Bildungsbereich - und sagen, dass Medien ganz klar dazu beitragen, dass Rassismus in unserer Gesellschaft akzeptiert bleibt", sagt Spanbauer.

Nicht nur Teil der Gesellschaft abbilden

Ein erster Schritt kann etwa sein, neben der Diversität in den Redaktionen auch auf Vielfalt in den Beiträgen zu achten, bei den Expertinnen und Experten, die man interviewt oder auch bei Straßenumfragen. Stefan Lenglinger ist es ein Anliegen, nicht immer dieselben Menschen zu Wort kommen zu lassen. Man sollte "auf die Geschlechter-Verteilung achten, junge und alte Menschen und Diversität hineinnehmen", meint Lenglinger. Oder wie Biber-Chefredakteurin Antia-Tatic sagt: nicht nur im Museumsquartier unterwegs sein, sondern auch auf dem Reumannplatz.

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