Abendhimmel über der Stadt Salzburg am Gaisberg

APA/BARBARA GINDL

Virginia Hill - Flamingos singen nicht!

Zum ersten Mal hörte ich ihren Namen bei unserem Maturatreffen auf der Zistelalm. Eine ehemalige Klassenkollegin erzählte mir von Virginia Hill, jener „Gangsterbraut“, die in den 1960er Jahren hier oben auf dem Gaisberg gelebt haben soll.

Virginia Hill

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Virginia Hill

Auf der Flucht vor der Cosa Nostra einerseits und vor den amerikanischen Steuerbehörden andererseits soll sie mit ihrem Mann, dem Skiweltmeister Hans Hauser, und Bekannten aus der High Society ausgelassene Partys auf dem Berggasthof ihrer Schwiegermutter gefeiert haben. Später, als ihr das Geld auszugehen drohte, versuchte sie, ihre Gangsterfreunde in Amerika mit einem Tagebuch (das bis heute nicht aufgetaucht ist) zu erpressen. Ein folgenreicher Fehler, den sie wohl letztlich mit ihrem Leben bezahlte.

Die Geliebte von Benjamin „Bugsy“ Siegel

Das meint zumindest der Schriftsteller Peter Blaikner, den die Geschichte der Virginia Hill seit seiner Kindheit fasziniert. Seinen Kurzgeschichten-Band Out of Innergebirg mit der Erzählung über Virginia Hill brachte mir die Klassenkollegin dankenswerterweise bald nach unserem Treffen vorbei.

Nur wenige Tage später traf ich Peter Blaikner auf dem Aigner Friedhof – dort befindet sich die letzte Ruhestätte der Familie Hauser und von Virginia Hill. Während er das Grab suchte, kam er ins Erzählen: Virginia Hill war einst die Geliebte von Benjamin „Bugsy“ Siegel. Das war jener Mafioso, der die Idee hatte, in der Wüste von Nevada eine Hotel- und Spielcasinostadt zu errichten, um dort im großen Stil Mafiageld zu waschen. Dem ersten Hotel in Las Vegas gab er Virginia Hill zu Ehren den Spitznamen seiner Verehrten: Flamingo.

Der Bau des Hotelcasinos verschlang Unsummen. „Bugsy“ Siegel wurde vorgeworfen, er hätte Millionen in die eigene Tasche abgezweigt. Auch die Eröffnung selbst war ein Fiasko, kaum jemand verirrte sich durch die Wüste nach Las Vegas. Siegel bezahlte das Scheitern teuer: Er wurde im Haus von Virginia Hill erschossen. Sie selbst war zur gleichen Zeit in Paris. Blaikner meint, sie sei gewarnt worden.

Flucht auf die Zistelalm

Kurze Zeit später fuhr Hill in den mondänen Wintersportort Sun Valley. Sie nahm Unterricht beim österreichischen Weltmeister Hans Hauser und verliebte sich in ihren Skilehrer. Die beiden heirateten und bekamen einen Sohn.

Nachdem ihr die amerikanischen Steuerbehörden auf den Fersen waren, beschloss die Familie, zu Hans Hausers Mutter zu fliehen – auf die Zistelalm hoch über der Stadt Salzburg. Ihre Mafiafreunde versprachen Hill weiterhin großzügige monatliche Überweisungen, dafür sollte sie sich an die wichtigste Mafiaregel halten, nämlich keine Mafiageheimnisse zu verraten.

Der zweite Fehler

Als die Geldflüsse dann doch ausblieben und der ausschweifende Lebensstil gefährdet war, kam es zu dem besagten Erpressungsversuch. Die Mafiabosse entsandten ein Killerkommando nach Salzburg, Virginia Hill wurde rechtzeitig gewarnt und floh auf eine Almhütte im Pinzgauer Heutal.

Zwei Jahre lang hielt sie sich dort versteckt und schrieb ihre Memoiren. Danach fühlte sie sich sicher genug und kehrte nach Salzburg zurück. Sie wollte sogar wieder Geschäfte mit ihren einstigen Partnern machen. Das war ihr zweiter großer Fehler, erzählt und schreibt Peter Blaikner.

Text: Matthias Haydn

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