Christophe Slagmuylder

ANDREAS JAKWERTH

festwochen.reframed - Die Wiener Festwochen starten

"Es wird kein Festival, wie wir es kennen", sagt Festwochenchef Christophe Slagmuylder über die Wiener Festwochen, die morgen unter dem Titel "festwochen.reframed" beginnen. Coronabedingt nach hinten verschoben, verkleinert und komprimiert starten sie Mittwochabend mit der Welturaufführung von Anne Teresa de Keersmaekers Solo "Goldbergvariationen" im Museumsquartier. Vom 26. August bis 26. September sind insgesamt nur 11 statt der geplanten 50 Produktionen im Bereich Tanz, Musik, Theater und Performance zu sehen.

"Goldbergvariationen" von Anne Teresa de Keersmaeker

"Goldbergvariationen" von Anne Teresa de Keersmaeker

ANNE VAN AERSCHOT

Spielorte sind die Halle E und G im Museumsquartier und einige Plätze im öffentlichen Bereich. Über die Wiener Festwochen und ihre Rahmenbedingungen hat Katharina Menhofer mit Festivalleiter Christophe Slagmuylder gesprochen.

Christophe Slagmuylder, die Festwochen reframed beginnen in verkürzter und komprimierter Form. Was wird denn durch den neuen Rahmen sichtbarer?

Für mich ist die Hauptintention dieses neugerahmten Festivals, dass wir etwas wiederaufbauen, was wir in den letzten Monaten verloren haben. Vielleicht werden wir es nicht in derselben Weise wieder aufbauen, wie wir es zuvor hatten, sondern unter neuen Gesichtspunkten. Aber das Wichtigste ist, dass wir zeigen, wie essenziell die Live-Kunst - für eine Gesellschaft ist. Anne Teresa de Keersmaeker, die das Festival eröffnen wird, hat es so ausgedrückt: Ein Bildschirm schafft immer Distanz. Wir aber brauchen den Raum zwischen den Menschen. Diesen physischen Raum, die Nähe zwischen zwei Körpern, ein gemeinsames Erleben. Denn nur hier findet wirkliche Kommunikation statt. Diesen Raum, diese grundlegende Verbindung zwischen uns, die wir verloren haben, gilt es wiederaufzubauen.

Als man sich entschlossen hat, das Festival stattfinden zu lassen, hat man auf den Herbst gehofft, dass dann alles besser sein würde. Dem ist nicht so, die Situation hat sich nicht gebessert, nach wie vor müssen Masken getragen werden, muss Abstand gehalten werden. Stehen Sie trotzdem zu Ihrer Entscheidung, das Festival stattfinden zu lassen?

Ich war sehr optimistisch als wir im Mai oder Juni entschieden haben, dass Festwochen stattfinden werden. Und ich bin sehr glücklich über dieses reframed-Festival. Auch wenn es den Namen Festival nicht wirklich verdient. Es ist ein sehr eingeschränktes Programm, und alles was ein Festival ausmacht, die Möglichkeit das Gesehene zu besprechen, sich im Foyer eines Theaters zu treffen und auszutauschen, dieser soziale Raum fehlt. Trotzdem habe ich keinen Zweifel daran, dass unsere Entscheidung richtig war. Es geht heuer nicht um Quantität, nicht um eine Überfülle. Von den 50 geplanten Produktionen haben wir jetzt nur 11 oder 12. Aber wir können heuer vielleicht tiefer hineingehen in die Arbeiten, es wird zu jeder Produktion eine Gesprächsveranstaltung stattfinden. Es wird heuer nicht so geschäftig zugehen wie sonst, eher in einer langsameren Gangart. Aber wir haben einen hohen qualitativen Anspruch.

Läuft man nicht auch Gefahr, dass die Kunst und Kultur ein sehr elitäres Programm wird, das nur noch ganz wenigen vorbehalten bleibt, wenn man so wie jetzt produzieren muss.

Absolut, das ist eine fundamentale Frage und deswegen werden wir in Zukunft vielleicht eine Kombination aus verschiedenen Formaten brauchen. Die Festwochen-Eröffnungs-Rede im Mai zum Beispiel, die für das Burgtheater geplant war, haben wir im Netz gezeigt. So eine Ansprache funktioniert hier sehr gut und erreicht auf diesem Weg auch noch mehr Menschen. Ich bin nicht absolut gegen den Einsatz digitaler Mittel, wenn wir sie intelligent nutzen. Wir können auch daran denken, verstärkt den öffentlichen Raum zu nutzen, wenn der sicherer ist. Wir werden kreativ sein müssen und die Herausforderungen annehmen. Aber zumindest, wissen wir jetzt was uns erwarten kann - denn im März hat uns die Situation komplett überfordert und gelähmt. In Zukunft werden wir besser drauf vorbereitet sein und Maßnahmen setzen können.

Die Salzburger Festspiele, die noch bis Ende der Woche laufen, haben vorgemacht, wie es vielleicht gehen könnte. Sie selbst waren auch in Salzburg, was kann man denn von den Erfahrungen aus Salzburg lernen?

Ich denke, wir können froh sein, dass Salzburg so stur war und das Festival durchgezogen hat. Sie waren quasi die Vorreiter und haben gezeigt, dass es geht. Es war nicht nur symbolisch sehr stark, sondern überhaupt eines der ganz wenigen Festivals, die überhaupt stattgefunden haben. Sie haben auch gezeigt, wie hoch der künstlerische Anspruch, trotz reduzierter Form sein kann. Ja, aber natürlich die Umstände, die Masken, der Abstand - das stand auch hier im Widerspruch mit dem was ein Festival eigentlich sein sollte. Aber ehrlich, ich hab im Moment keine Lösung, wie man es anders machen könnte.

Wird das Programm, so wie es heuer geplant war, in das nächste Jahr verschoben und wie schaut das auch finanziell aus. Subventionen wurden ja heuer schon ausgezahlt, wurden die auch weitergegeben?

Ja, es ist eine Konstruktion, die wir gemeinsam mit dem Aufsichtsrat der Festwochen und der Stadt Wien erarbeitet haben - ich bin erleichtert, weil sie gut und transparent ist. Von den 50 geplanten Projekten mussten wir nur 10 komplett absagen, und die wurden aber bezahlt. Der ganze Rest wurde ins kommende Jahr verschoben, oder wird eben jetzt in der reframed-Version stattfinden. Mir war wichtig, dass das die Künstler ihr Geld bekommen haben.

Der September ist ein ungewöhnlicher Monat für die Festwochen und steht auch in Konkurrenz mit den Theatern, die jetzt wiedereröffnen und viele Premieren zeigen. Wird man da auch um das Publikum kämpfen müssen?

Das hat mich zugegebenermaßen, zuerst auch ein wenig gestresst, weil wir nicht wussten, wie das Publikum generell reagieren wird. Es ist langsamer als sonst angelaufen, was vermutlich mit der Sommerzeit und den Urlauben zu tun hat, viele waren vielleicht auch noch vorsichtig abwartend, ob es wirklich stattfinden wird. Sie wollen sicher gehen, dass nicht wieder etwas abgesagt wird und sie das Geld zurückverlangen müssen. Es war ein langsamer Prozess, aber in den letzten Tagen hat der Kartenverkauf ordentlich angezogen. Die Menschen sind zurück in der Stadt und ich hoffe, sie haben Sehnsucht und Neugier auf diese gemeinsame Erfahrung. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, ihnen diese Möglichkeit zu bieten.

Übersicht