Buch des Monats im Aufsteller, Blumen

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Giulia Caminito, "Ein Tag wird kommen"

Giulia Caminitos Roman "Ein Tag wird kommen" ist das Ö1 Buch des Monats September.

Romane wie dieser sind selten geworden in der Gegenwartsliteratur, weil sie nicht den Anspruch erheben, historische Ereignisse mit dem Jetzt in Bezug zu setzen - als könne das Vergangene nur als Parallele zur Gegenwart dargestellt werden, um verstanden zu werden. Giulia Caminito, 1988 in Rom geboren, erzählt in ihrem Roman "Ein Tag wird kommen" eine Geschichte aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts, eingebettet in eine Region, die selbst vielen Italienern nicht vertraut ist, geschweige denn den Leserinnen und Lesern außerhalb Italiens.

Morgenjournal | 09 09 2020

Cornelia Vospernik

Die Marken schließen südlich an die Emilia-Romagna und der Toskana an und markieren den Übergang von Reichtum zu Armut. Vom Kamm des Apennin fällt das Land zur Adria hin ab, dicht besiedelt ist es bis heute nicht. In den Wäldern, Bergen und Hügeln rund um den Ort Serra de‘ Conti, der übrigens auch heute noch so aussieht wie eine mittelalterliche Festung, entfaltet Caminito ihre Familiengeschichte, die sich von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zum Faschismus spannt. Im Zentrum stehen die zwei Brüder Nicola und Lupo Ceresa, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die dennoch geradezu miteinander verwachsen sind. Die Familie verfügt kaum über das Nötigste zum Überleben, Befreiung aus der gewaltdurchsetzen Armut scheint nur durch die Hinwendung zum Anarchismus (im Falle Lupos) oder der Bildung (im Falle Nicolas) möglich zu sein.

Es ist etwas Zeitloses in Caminitos Schreiben

Die Stärke des Romans liegt zum einen in der konsequenten Erzählhaltung Giulia Caminitos. Sie lässt sich nicht leiten vom melodramatischen Potenzial des Stoffes, vom Leid der Armen angesichts einer feudalistischen Gesellschaftsstruktur, die keine Veränderung zulässt. Oder vom heldenhaften Kampf der Anarchisten gegen die Verhältnisse. Sie versagt sich jede Gnade mit ihren Figuren, macht sie nicht stärker, glücklicher oder schlauer, als sie sind. Der Einzelne wird im Widerstand gegen die Norm zerrieben, so ist das in der Regel.

Zum anderen findet Giulia Caminito für ihre Geschichte eine harte, schlanke Sprache, die an die großen Texte des Neoverismo der 1940er und 50er Jahre erinnert, also Pavese, Silone oder Moravia. Sie entwickelt daraus allerdings einen eigenen Stil, der nicht modern ist, aber auch nicht altertümelnd. Es ist etwas Zeitloses in Caminitos Schreiben, und zeitlos ist auch der Versuch des Menschen, mit in der Regel bescheidenen Mitteln sich aus Zwängen zu befreien und sich dabei immer mehr in die Unfreiheit zu begeben. Deshalb kann man eine historische Geschichte wie jene von Giulia Caminito auch heute mit großem Gewinn lesen.

Service

Giulia Caminito: "Ein Tag wird kommen", Roman, Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, Wagenbach Verlag, 272 Seiten

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