Sebastian Kurz und Simone Stribl

APA/ROLAND SCHLAGER

Junge Stars und alte Formate

Die Sommergespräche des ORF-Fernsehens sind gelaufen und haben wie immer den politischen Herbst eingeläutet. Das fast vierzig Jahre alte Format, das wie im Vorjahr auch diesmal von einem ORF-Jungstar - nach Tobias Pötzelsberger war Simone Stribl an der Reihe - moderiert worden ist, hat schon lange nicht so viel Kritik geerntet, obwohl die Quoten auch diesmal sehr gut waren. Der Versuch einer Einordnung.

Am Ende gab es einen Gelsenstich in die rechte Wange des Bundeskanzlers, aber Sebastian Kurz hat sich nichts anmerken lassen. Er hätte der Mücke auch noch die linke Wange hingehalten, denn sein Auftritt in den Sommergesprächen war vom Marketing-Wert her unbezahlbar. Über Tage ist das mit gezielten Botschaften an die Redaktionen vorbereitet worden, die Medien haben großteils mitgespielt.

Kritikerinnen wie Anneliese Rohrer machen sich um die Kontroll-Funktion des Journalismus Sorgen. Eine übermächtige Kanzlerpartei, ein unscheinbarer grüner Regierungspartner, eine schwache Opposition - wer sonst sollte dagegenhalten, wenn nicht selbstbewusste Medien? Rohrer: "Wenn die Medien ihre Watchdog-Funktion nicht intensiv und mit Leidenschaft erfüllen, dann ist das ein demokratiepolitisches Problem."

Das große Gewitter auf Twitter

Sebastian Kurz auf allen Kanälen und in allen Blättern, bisweilen unkritisch. Das alles im Vorfeld des ORF-Sommergesprächs, und nicht zuletzt wegen dieser Inszenierung ist das Format so heiß diskutiert worden wie schon lange nicht. Vernichtende Kritik der Twitter-Gemeinde, auch der erste Moderator des ORF-Formats, Peter Rabl, ist auf Distanz gegangen und hat diesen Tweet geschrieben: "Mit Sommergespräch 2020 hat sich nach fast 40 Jahren das Format endgültig erschöpft. Jung, weiblich, attraktiv, sympathisch, ohne ausreichende Erfahrung in längeren Interviews. Schwindelerregende Kamerafahrten als Versuch eines Spannungselements. Ausgereizt."

Die unterschiedlchen Erwartungshaltungen

Der Medienexperte Peter Plaikner verweist auf die unterschiedlichen Erwartungshaltungen zwischen der Politik- und Medienblase auf Twitter und dem breiten Publikum: "Es kann kein Zufall sein, dass die Sommergespräche zu Spitzenzeiten in den vergangenen Jahren mehr als eine Million Zuschauer hatten." Diesmal waren es jeweils zwischen 600.000 und 700.000, nur bei ÖVP-Chef Kanzler Kurz haben 900.000 Zuseher eingeschaltet. Aber ist die Quote alles?

Nein, findet Anneliese Rohrer. Die Doyenne des Innenpolitik-Journalismus in Österreich hat harte und abwechslungsreiche Fragen vermisst, da habe die Phantasie gefehlt. "Man hätte als ORF zum Beispiel auch fragen können, ob diese überzogene patriotische Aufwallung gegen das Urlauben im Ausland gerechtfertigt war."

Sebastian Kurz, Simone Stribl

ORF/HANS LEITNER

Anneliese Rohrer gegen die Medienlogik

Der Politikberater Thomas Hofer weist darauf hin, dass es natürlich auch bei den Sommergesprächen um Zitierungen geht, man möchte News-Wert schaffen. Freilich hat sich die diesbezügliche Ausbeute beim ÖVP-Obmann und Bundeskanzler in Grenzen gehalten, Sebastian Kurz hat nur angekündigt, dass er zwei Tage später möglicherweise etwas ankündigen wird. Anneliese Rohrer: "Warum machen wir da mit? Warum lassen wir uns so etwas diktieren?" Von einer Medienlogik, Journalisten gefangen hält, will Rohrer nichts wissen. Man solle nicht so brav sein, sagt sie.

Im kalten Wasser fehlt die Augenhöhe

Stichwort brav. Auch das Sommergespräch im Vorjahr war nicht sehr konfrontativ, Tobias Pötzelsberger hat es geführt und auch sehr gute Quoten gehabt. Die Kritik im Netz an seiner ruhigen und unkonventionellen Art der Interview-Führung hielt sich in Grenzen. Während sie bei Simone Stribl vernichtend und zum Teil auch sexistisch unterlegt war. Stribl und Pötzelsberger sind im Zuge der Ibiza-Berichterstattung aufgefallen und haben im Haus Karriere gemacht. Der ORF-Generaldirektor fördert die Jungen am Küniglberg. Für Medienberater Peter Plaikner ist das im Fall der Sommergespräche nicht unproblematisch. "Stribl und Pötzelsberger hätten eine behutsamere Aufbauarbeit verdient. Beide sind im Alter der Kinder des Sommergespräche-Publikums. Da ist es extrem schwieirig, auf Augenhöhe zu kommen."

Interviewerin mehr im Fokus als Interviewte

Und noch etwas komme bei dem Format dazu. Vor etwa zehn Jahren sei der ORF dazu übergegangen, die Sommergespräche zusammen mit den Interviewern zu promoten, was von der Vermarktung her keine schlechte Idee gewesen sei, so Plaikner. "Aber es ist zweischneidig. Weil letztlich der Interviewer mehr beurteilt wird als der Interviewte."

So hat sich etwa SPÖ-Bundesgeschäftsführer Christian Deutsch zu diesem Tweet hinreißen lassen, als er sich offenbar nicht ganz sicher war, wie der Auftritt seiner Parteichefin in der ORF-Sendung beim Publikum ankommen würde. "Der Versuch von Simone Stribl, die SPÖ im Sommergespräch bewusst schlecht aussehen zu lassen, ist dank souveräner Pamela Rendi-Wagner danebengegangen. Sie gab die richtigen Antworten auf diese verwunderliche Art der Interviewführung mit ständigen Unterbrechungen."

Kritik bestätigt auch die Relevanz

Der unverhohlene Vorwurf der Parteilichkeit über die Bande, indem man Stilnoten für die Interviewführung vergibt. Das ist fast schon eine Kunst. Andererseits zeigt diese Reaktion des Parteisekretärs genauso wie die extreme Message Control der Kanzlerpartei im Vorfeld, welche Relevanz die Politik dem Format mit seiner Reichweite nach wie vor zuschreibt.

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