Filmstill, Sigmund Freud in Sonnenstuhl

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"Sigmund Freud - Jude ohne Gott" von David Teboul

Über das Werk von Sigmund Freud ist vieles bekannt, vor allem seine Theorien zur Psychoanalyse. Doch weniger bekannt ist wie sehr seine wissenschaftlichen Erkenntnisse von seiner eigenen Lebensgeschichte beeinflusst wurden. Diesen Zusammenhang stellt nun der Film "Sigmund Freud - Jude ohne Gott" des französischen Regisseurs David Teboul her.

Kulturjournal | 15 09 2020

Fotografiert oder gefilmt wollte Sigmund Freud nicht werden; wenn er es bemerkte, verzog er das Gesicht. Das erzählt Tochter Anna Freud und gibt zugleich die Gebrauchsanweisung für einen Amateurfilm, "der nur für Familienzwecke erstellt wurde", den man also eigentlich gar nicht öffentlich sehen sollte. Diese raren Filmaufnahmen der Freuds in Wien aus den 1930er Jahren sind nur eine der wertvollen Material-Entdeckungen, die der französische Regisseur David Teboul in seinem Film zusammengetragen hat.

David Teboul

David Teboul

CAROLE BELLAICHE

Ein Chow-Chow namens Jofie

Stunden über Stunden hat sich David Teboul das Material angesehen, und weil man Freud selbst kaum zu filmen wagte, habe man eben "seinen Hund gefilmt": einen Chow-Chow namens Jofie. Ein überaus liebenswürdiges Tier, wie Anna Freud im Kommentar zum Film anmerkt.

Und in ihren Aufzeichnungen notiert Anna, in David Tebouls Film gesprochen von Birgit Minichmayr: "Er liebt diese Hunderasse, weil sie wie Miniaturlöwen aussehen. Jofie ist jahrelang bei den Analysen dabei, begrüßt die Patienten, legt sich hin und weist oft auf das Ende der Sitzung hin, wenn sie mit einem Satz aufsteht und zur Tür geht."

Chow-Chow

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Intime Einblicke in das Privatleben

Freud, der Hundeliebhaber, Freud, der über seine Tochter Sophie trauert, die 1920 Opfer der Spanischen Grippe wurde, der auch streitbare Doktor, der Freundschaften gerne schnell schließt, aber ebenso schnell auch wieder bricht, etwa jene zu C.G. Jung. Es sind zum Teil intime Einblicke in das Private, die David Teboul in seinem Film über Aufzeichnungen, Brief und Tagebucheintragungen erschließt; aber nicht nur vom Gründer der Psychoanalyse selbst, sondern eben auch von seiner Tochter Anna, die insgeheim zur Erzählerfigur wird.

"Freud ist als Gelehrter mehr ein dokumentarischer Charakter, Anna hingegen fast wie eine fiktive Persönlichkeit, die dem Film auch eine emotionale Hinwendung gibt", so Regisseur David Teboul.

Bewusste Text-Bild-Scheren

David Teboul führt seinen Film an Freuds Lebenslinie entlang, um an wichtigen Stationen auf die Ebene des psychoanalytischen Werks abzuzweigen. Während auf der Tonspur Texte dominieren, hat Teboul für die Bildebene einen assoziativen Zugang gewählt. Text und Bild passen mal mehr, aber oft weniger zusammen. Bewusste Text-Bild-Scheren, wie David Teboul meint: "Der Film geht von objektiven Grundlagen aus, ist aber gänzlich subjektiv, wie eine psychoanalytische Sitzung. Ein Film, in dem auch der Zuseher selbst unbewusst eine Art Analyse durchmacht."

"Ganz gottloser Jude"

In einer Mischung aus Erzähl-Kommentar aus dem Off, Freuds Originalworten und Annas Einwürfen verdichtet sich ein Porträt, das Freuds wissenschaftliches Fortkommen mit seinen privaten und beruflichen Beziehungen verknüpft, und dabei den jeweils notwendigen historischen Begleitkontext mitliefert.

Bleibt noch der Titel des Films "Freud - Jude ohne Gott". Eigentlich sei er mit diesem Titel nicht zufrieden, so David Teboul, er hätte den Titel "Sigmund Freud - Ganz gottloser Jude" bevorzugt, doch der hätte Deutsche und Österreicher irgendwie schockiert. Gemeint ist jedenfalls: Freud habe sich klar zum Judentum bekannt, zugleich sei er aber auch ein überzeugter Atheist gewesen.

Gestaltung

  • Arnold Schnötzinger

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