Märchenbesteck

KRUPP STADT MUSEUM BERNDORF

krupp stadt museum Berndorf

Die Stadtgeschichte von Berndorf im niederösterreichischen Triestingtal ist eng verbunden mit dem unternehmerischen Geschick und den humanistischen Ambitionen der deutschen Industriellenfamilie Krupp - sie machte aus dem einst in Unter- und Oberberndorf geteilten Angerdorf binnen eines halben Jahrhunderts ein Industriezentrum mit Stadtrecht, mit Arbeiterkolonien, mit mehreren Schulen und mit einem vom Atelier Helmer & Fellner geplanten Stadttheater.

Besteck

KRUPP STADT MUSEUM BERNDORF

1843 gründeten die Unternehmer Alexander Schoeller und Alfred Krupp die Berndorfer Metallwarenfabrik. Grund war in Berndorf günstig zu haben, der Fluss Triesting lieferte Energie, und in der nahe gelegenen k.u.k Weltstadt Wien lebten die Abnehmer für die Produkte der Fabrik: Messer, Gabel und Löffel - hergestellt mit der eben erst erfundenen Löffelwalze und aus dem neuartigen Material Alpaka. Die Legierung aus Kupfer, Zinn und Nickel erlaubte die Massenproduktion von Besteck, das bis dahin manuell und aus Silber gefertigt wurde. Die Bauern aus der Gegend wurden zu Facharbeitern ausgebildet, und bald sprach sie herum, dass hier in Berndorf anständige Löhne gezahlt wurden. Es kam zu einem Zuzug von Arbeitern aus der ganzen Monarchie.

Wachsende Gartenstadt

Susanne Schmieder-Haslinger leitet das krupp stadt museum Berndorf, das seit 2006 in der ehemaligen Wurstfabrik untergebracht ist - in einem Gebäudekomplex, der früher die Kruppsche Konsumanstalt war. Eine solche hatte Alfred Krupp bereits in Essen eingerichtet - sie versorgte die Arbeiter seiner Fabriken mit günstigen Waren des täglichen Bedarfs und war Teil eines unter Arthur Krupp ausgebauten, visionär angelegten Wohlfahrtsprogramms für die Arbeiter, die aus der ganzen Monarchie zuzogen. Von der Versorgung über den Wohnraum bis zur Gesundheit, all diese Bereiche für den wachsenden Standort wurden von Krupp in die Hand genommen.

Der Wiener Architekt Ludwig Baumann wurde mit der Planung von Arbeiterkolonien, Angestelltenhäusern und Villen für die Direktoren betraut, aber auch mit einem Masterplan für die neue Stadt Berndorf. "Man hat versucht, die Gartenstadtidee umzusetzen. Diese Arbeiterkolonien sind alle so aufgebaut, dass diese Wohnungen - die übrigens schon damals Toiletten hatten, also nicht jede Wohneinheit, sondern jede Etage - von kleinen Gärten umgeben waren. Diese durfte man bepflanzen, um als Selbstversorger leichter durchzukommen", erklärt Susanne Schmieder-Haslinger.

Nicht nur die leistbare Versorgung der Arbeiter war Arthur Krupp ein Anliegen, auch die Gesundheit, die Hygiene und die Bildung. Drei Schulen erhielt Berndorf für die Kinder der Arbeitnehmer, und sie dienen heute noch als Schulen. In täglicher Verwendung sind auch die berühmten Stilklassen der Mädchen- und der Knabenschule: Jedes der zwölf Lehrzimmer ist in einem anderen historischen Stil eingerichtet, Ägyptisch, Dorisch oder Pompeianisch, à la Rokoko, Barock oder Renaissance.

Die Arbeitnehmer von morgen

Von der ärztlichen Versorgung an den Schulen zeugt etwa der im krupp stadt museum ausgestellte Schulzahnarztstuhl. "In den Stilklassenschulen gab es die erste Schularztklinik der Monarchie", schildert die Museumsdirektorin: "Viele berühmte Ärzte kamen immer wieder nach Berndorf und ließen sich das alles erklären - es gab ja auch Brausebäder im Keller, da konnten sich die Berndorfer Kinder einmal wöchentlich gratis duschen und bekamen Schwamm, Seife, Handtuch zur Verfügung gestellt. Und es gibt Studien, dass die Berndorfer Kinder zu den gesündesten in der damaligen Zeit zählten."

Als "Objekt der Begierde" präsentiert Susanne Schmieder-Haslinger vom krupp stadt museum das Märchenbesteck der Berndorfer Metallwarenfabrik: "Das Märchenbesteck ist ein Kinderbesteck, und da wird man als Kind schon auf eine Reise geschickt, auf eine Fantasiereise! In den Griffen sind Märchenmotive abgebildet, Hänsel und Gretel zum Beispiel, Rotkäppchen und Schneewittchen. Man hat hier einen kleinen Speiselöffel, eine Speisegabel und ein Messer. Und was ganz witzig ist, ist der Speisenschieber. Mit diesem kann man die Speisereste zu einem Häufchen zusammenschieben. Praktisch auch der gebogene Löffel, mit dem man das Kind leichter füttern kann." Im krupp stadt museum ist das Märchenbesteck in einer Vitrine zu bewundern – zu finden ist es aber auch in vielen Besteckladen in den Haushalten der Umgebung. Denn es war und ist üblich ein solches Set als Geschenk zur Geburt oder Taufe zu überreichen.

Service

krupp stadt museum Berndorf
Berndorfer Stilklassen
Abenteuer Industrie - Arbeit, Alltag und Technik in den niederösterreichischen Museen

Gestaltung

  • Anna Soucek

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