Regisseur Claus Peymann

APA/ROLAND SCHLAGER

Peymann inszeniert Bernhard in Wien

"Küssen wir das Theater liebevoll, aber leidenschaftlich wach!", sagt Regisseur Claus Peymann, der derzeit in Wien weilt, um zum Saisonbeginn nach Corona das Theater der Josefstadt aus dem Schlaf zu küssen. Jenes Theater, das er einst als Schlaf- und Schnarchtheater diffamiert hat und an dem er im Frühjahr das Angebot von Direktor Herbert Föttinger bekommen hat, ein Thomas-Bernhard-Stück zu inszenieren.

Kulturjournal | 17 09 2020 | Claus Peymann im Gespräch über seine neue Liebe zum Theater in der Josefstadt, die Aktualität von Thomas Bernhard, das Burgtheater und sein Verhältnis zu Martin Kusej

Katharina Menhofer

Ursprünglich war "Ein Fest für Boris" geplant, die Dramoletten-Sammlung "Ein deutscher Mittagstisch" erschien aber angesichts der Weltlage brisanter. Als Bühnenbildner konnte Achim Freyer gewonnen werden, unter den SchauspielerInnen finden sich Traute Hoess und Lore Stefanek, aber auch Sandra Cervik oder Michael König.

Kulturjournal | 18 09 2020 | Der Besuch der alten Dame - Lore Stefanek ist zurück in Wien

Katharina Menhofer

Das Ensemble um einen Riesentisch löffelt Suppe

Lore Stefanek mit Ensemble am "deutschen Mittagstisch"

PHILINE HOFMANN

Mittagsjournal | 17 09 2020 | Vorbericht

Katharina Menhofer

Als wäre es gestern geschrieben ...

"In jeder Suppe findet ihr die Nazis - Nazi-Suppe." - Mahlzeit! Die Suppe ist angerichtet. Claus Peymann hat sie für das Wiener Publikum abgeschmeckt und serviert sie brennheiß. Denn manche dieser 40 Jahre alten Dramolette wirken, als wären sie gestern geschrieben.

"Es ist so, dass die Politiker wirklich jeden Dreck mitmachen, wenn sie nur hoffen, dass sie damit Stimmen fangen können und so beobachten wir hier in Deutschland aber auch in Österreich, wie der Zynismus und Opportunismus so groß ist, dass die sogar diese Pest und Seuche, ausschließlich für propagandistische Zwecke benutzen."

Blanker Hass der Kirchgängerinnen

Bundeskanzler, Bundespräsident und Außenminister treten in einem Dramolett als Gäste einer Fernsehshow auf, müssen die Gewissens- und Gesinnungsfrage beantworten und kriechen für eine Wählerstimme und ein bisschen Applaus buchstäblich durch ein Jauchefass: "Mitten im Jauchefass klebt an der Originaljauche ein Stimmzettel" heißt es in einer Szene.

Aus dem harmlosen Plausch zweier Kirchgängerinnen auf dem Friedhof, quillt gallig Neid, Geiz und Missgunst hervor und als sie sich über den eben verstorbenen Herrn Geißrathner unterhalten, der einem Türken unglücklich ins Fahrrad gelaufen ist, wird daraus blanker Hass: "Vergast g'hörens - alle von die g'höraten vergast" - "Grüß Gott" und Kirchengeläute. "Dieser Rassismus, den man immer verspürt und der wieder stärker geworden ist - das nimmt der Bernhard auf", sagt Peymann.

Zwei Frauen im Dirndl lächeln dem Pfarrer zu

Pfarrer Robert Joseph Bartl und Kirchgängerinnen Ulli Maier und Traute Hoess bei der "Maiandacht"

PHILINE HOFMANN

Das Monströse und das Banale nur einen Halbsatz voneinander entfernt

Bei Kaffee und Linzertorte feiern Kriegsverbrecher einen eben erwirkten Freispruch und stimmen erst zaghaft, dann immer inbrünstiger das Horst-Wessel-Lied an; zwei Ehepaare im Strandkorb verschmelzen verklärt Urlaubs- und Kriegserinnerungen; und die biedere Ehefrau, gerät angesichts der bei einer Demonstration zerrissenen Uniformjacke ihres Polizisten-Gatten, immer stärker in Rage: "Da schießat i einfach rein in das G‘sindel, da haltat i mi net an die bledn Vorschriften. Die trau’n si ja gar nix mehr!"

Trinkender Polizist mit Ehefrau im Schlafgewand

Sandra Cervik und Robert Joseph Bartl in "Match"

PHILINE HOFMANN

Auf den Text ist verlass

Das Monströse und das Banale liegt in allen Dramoletten, nur einen Halbsatz voneinander entfernt, alle Maßstäbe verschwimmen, so Peymann. "Da der Bernhard einen so bösen Humor hat, ist das auch mit Vergnügen anzuschauen, das erhellende Lachen, ein Lachen der Aufklärung und des Aufdeckens."

Claus Peymann darf sich getrost auf den Text verlassen und auf jegliche Aktualisierung verzichten. Denn da finden sich Sätze wie "Politiker sind die Spitzen des Eisberges, das Meer hat schon immer alle Probleme gelöst" oder "Theater, Schauspielerei, Oper und Malkunst - die Politik lässt sie fallen, wie sie noch nie gefallen sind". Peymann: "Wir fühlen uns als Theaterleute allein gelassen - und jetzt kommen die beschönigenden Sätze, nachdem man 750 Millionen für die deutsche Industrie ausgegeben hat, da sind wir ja nur Peanuts. Ich finde, dass wir langsam, aber sicher in eine wirkliche Staatskrise hineingeraten."

Achim Freyers grob gepinselte Bühne

Über Achim Freyers grob gepinselter Bühne, eine Art Theater im Theater mit ins Unendliche reichenden Vorhängen, wacht ein gehörntes Bernhard-Konterfei - teuflisch grinsend mit rotglühenden Augen und in jeder Hand einen zerquetschten Engel. "Der Theatergott Bernhard möge uns hold sein", sagt Peymann, dessen Ressentiments gegen das einstige Konkurrenztheater, längst dahingeschmolzen sind. "Das hab‘ ich möglicherweise mal gesagt, aber ich hab in meinem Leben so viel gesagt, dass ich den Überblick verloren hab. Hier gibt es einen wunderbaren Direktor und ein starkes Ensemble."

Am liebsten würde er hierbleiben und weiterinszenieren, so Peymann, der im Bernhard-Dramolett "Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen" im Burgtheater auftreten wird. "Ich bin schon jetzt traurig, dass ich am Freitag wieder ein einsamer deutscher Theaterangestellter bin. Ich war ja mal König und hatte ein eigenes Haus, und jetzt geh ich wieder in meinen Gemüsegarten in Köpenick zurück und denke mit Glück an diese schöne Arbeitszeit hier zurück, dafür bin ich dankbar."

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