Wendeltreppe in grün und magenta

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Radiokolleg

Wege aus der Sucht

Auf den Pensionsschock war Andrea nicht vorbereitet gewesen. Die heute 71-Jährige war als Mitarbeiterin der Vereinten Nationen beruflich mit Themen wie Menschenrechten und öffentlichem Gesundheitswesen befasst gewesen. Genau das Richtige für sie, wie sie heute meint, denn ihre Tätigkeit habe ihren Idealismus bedient. Mit ihrem 62. Lebensjahr war ihr Lebenssinn jedoch abrupt infrage gestellt.

Mit der Berufstätigkeit ging auch ihre Tagesstruktur verloren. Die sozialen Kontakte reduzierten sich auf den Feierabend, die Tage dehnten sich, die Nächte wurden zur Qual.

Andrea begann zu trinken. Der Alkohol betäubte ihre Ängste und verschaffte ihr kurze Momente der Leichtigkeit. Doch ihre Lebenssituation schien einzementiert. Der Sinn ihres Lebens war ihr verloren gegangen.

"Wir sehen, du hast Probleme. Aber es gibt etwas, was du tun kannst."

Und es brauchte rasch immer mehr von der Droge, um kurze Phasen der Angstfreiheit zu erleben. Andrea erzählt: „Freundinnen haben mich wissen lassen: Wir sehen, du hast Probleme. Aber es gibt etwas, was du tun kannst. Und sie haben mir die Adresse einer Klinik geschickt. Da habe ich gemerkt, ich kann nichts verstecken. Als ich die Klinik jedoch anrief hieß es: Bitte warten! Die Wartezeit betrug sechs Monate! Doch wenn jemand ausfalle, könne ich einspringen.“

Jeden Donnerstag um acht Uhr morgens rief Andrea im Anton Proksch Institut an. Nach drei Monaten erhielt sie die erlösende Antwort: Ein Platz sei frei. Doch dann habe sie es mit der Angst zu tun bekommen, erzählt sie. Noch auf dem Weg in die Klinik habe sie mit sich diskutiert. Vielleicht umkehren und ein Glas Wein trinken? Die Seite von ihr, die sich für die Klinik entschieden hatte, siegte. „Als ich das Foyer betrat, kam mir vor, ich sei im Irrenhaus. Alles war gedämpft. Unheimlich.“

"Sucht ist keine Frage der Moral."

Der Weg aus der Sucht sei steinig, meint Oliver Scheibenbogen, leitender Psychologe am Anton Proksch Institut in Wien. Denn sie hat sowohl biografische wie auch psychologische Ursachen.
Oliver Scheibenbogen: „Der Mythos, Sucht sei eine Willensschwäche, ist falsch. Sucht ist keine Frage der Moral. Denn einer Sucht liegen Stoffwechselveränderungen im Nervensystem zugrunde. Das ist vergleichbar mit einer Zuckerkrankheit. Darum hat die WHO Sucht als Krankheit anerkannt. Man muss lernen, damit umzugehen.“

Den körperlichen Entzug habe sie gut überstanden, erzählt Andrea. Weitaus schwieriger war es, sich mit den psychosozialen Symptomen ihrer Sucht zu konfrontieren. Was geholfen habe, war die Beobachtung, dass es anderen Patienten/innen ähnlich erging wie ihr. Im psychotherapeutischen Einzelgespräch und in Kleingruppen tauschten die Patienten/innen ihre Erfahrungen aus.

"Im Laufe der Therapie wird das gesunde Selbst größer."

Und: Sie habe ihre Gedanken und Gefühle in Tagebuchform aufgeschrieben. „Das ist wie ein Scheinwerfer auf die Psyche. Man sieht, dass man gefangen ist. Abhängigkeit macht gefangen. Das geht gegen meine Natur!“ Doch die ersten Wochen waren ein Kampf.

Heute ist Andrea seit sechs Jahren trocken. Mit Unterstützung der Freundinnen konnte sie ihre Finanzen wieder in Ordnung bringen. Sie setzte sich neue Lebensziele. Inzwischen hat sie die Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin erfolgreich abgeschlossen. Manchmal begleitet sie auf Anfrage des Anton-Proksch-Institutes auch Englisch sprechende Klient/innen.

Andrea: „Es gibt etwas wie ein Suchtselbst. Das ist riesig. Selbst fühlt man sich wie ein kleiner Wurm. Aber im Laufe der Therapie wird das gesunde Selbst größer, bis man auf einer Ebene steht und kämpft. Das ist der Wendepunkt. Man wendet sich dem Leben zu statt dem Tod. Das Leben ist ein Geschenk.“

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