Ruth Klüger

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Ruth Klüger ist tot

Die österreichisch-amerikanische Autorin und Literaturwissenschafterin Ruth Klüger ist in der Nacht auf Dienstag im Alter von 88 Jahren nach langer Krankheit in Kalifornien gestorben. Das teilte der Zsolnay Verlag am Mittwoch mit. Die 1931 in Wien geborene Holocaust-Überlebende lehrte nach ihrer Emigration Germanistik an der University of Virginia, in Princeton sowie an der University of California in Irvine.

Mittagsjournal | 07 10 2020

Kristina Pfoser

Als Susanne Ruth Klüger am 30. Oktober 1931 in Wien geboren wurde, war die Welt noch in Ordnung. Der Vater, Viktor Klüger, war ein sozialdemokratischer Frauenarzt im 7. Wiener Gemeindebezirk, die Mutter Alma eine Tochter aus "gutem Haus", die ihren ersten Ehemann in Prag verlassen hatte, um Viktor zu heiraten. Kurz nach dem sogenannten "Anschluss" im Jahr 1938 flüchtet der Vater nach Südfrankreich und wird 1944 im Baltikum ermordet. Auch der ältere Prager Halbbruder Schorschi wird getötet.

1942 werden Ruth und ihre Mutter erst nach Theresienstadt, dann in die KZs Auschwitz-Birkenau, Christianstadt und Großrosen deportiert. Sie überleben wie durch ein Wunder. Nach einer kurzen Zwischenstation in Bayern emigrierte Ruth Klüger 1947 in die USA, studierte Literatur und Germanistik. Von 1980 bis 1986 war sie - eine Lessing- und Kleist-Spezialistin - Professorin an der Princeton University und danach Professorin für Germanistik an der University of California in Irvine, sowie seit 1988 Gastprofessorin an der Georg-August-Universität Göttingen.

Auschwitz war nur ein schrecklicher Zufall in meinem Leben

"Auch von mir melden die Leute, die etwas Wichtiges über mich aussagen wollen, ich sei in Auschwitz gewesen. Aber so einfach ist das nicht. Was immer ihr denken mögt, ich komme nicht von Auschwitz her, ich stamme aus Wien", schrieb Klüger in Ihrer 1992 erschienenen Biografie "Weiter leben. Eine Jugend". Weiter heißt es darin: "Auschwitz war nur ein schrecklicher Zufall in meinem Leben".

Im Gespräch mit Ö1 führte sie aus: "Wenn man als Gegensatz zu "Zufall" das Wort "Schicksal" nehmen will, dann könnte man sagen, Wien ist schon eher Schicksal, das heißt etwas, was einen geprägt hat, und was man nie abschütteln kann, nämlich die frühe Kindheit. Und die ist in der Erinnerung zwar ziemlich negativ - ich habe keine guten Erinnerungen an Wien. Aber andererseits ist es eben die Stadt, in der ich reden, lesen, schreiben und hören gelernt habe. Und das ist im Grunde alles, was man zu einem geistigen Leben braucht. In dem Sinne kann ich nicht umhin zu sagen, dass ich Wienerin geblieben bin. Ich sag' das manchmal zähneknirschend, und manchmal lachend, manchmal ist es mir recht, und manchmal auch nicht. Ohne Auschwitz hätte ich ganz gut auskommen können und wäre dieselbe. Ohne Wien wäre ich eine andere."

Menschenbilder | 26 03 1995

Gestaltung: Eva Schobel

Erinnerungen an Wien?

Über ihre Erinnerungen an Wien sagte Ruth Klüger: "Ach Gott, im März 1938 war ich sechseinhalb. Und damit fängt das Bewusstsein von Ausgegrenztsein an. Und das Krisenbewusstsein. Und die Verfolgung. Ich habe Wien als eine judenfeindliche Stadt erlebt. Als eine Stadt, wo man nie sicher war. Als eine Stadt, aus der man heraus wollte. Als eine Stadt, in der sich die Menschen vor ihren Mitbürgern gefürchtet haben. Eine zutiefst unfreundliche, feindselige Stadt, in der immer mehr verboten wurde, so dass man statt in eine erweiterte Welt hinein zu wachsen, eine Welt erfuhr, die immer mehr zusammengeschrumpft ist. Und wo dann eigentlich auch keine Zuflucht mehr war außer Bücher."

Ordinaria für Deutsche Literatur

Ruth Klüger heiratete einen Berliner Juden, der in der US-Army gedient hat und der für sie ein Held war: den Historiker Tom Angress. Die zwei Söhne Percy und Dan wachsen als Scheidungskinder auf. Ruth Klügers Universitätskarriere ist schwierig und oft prekär, pensioniert wird sie schließlich als Ordinaria für Deutsche Literatur an der Universität von Kalifornien in Irvine.

Mit fast 60 Jahren, nach einem lebensbedrohlichen Fahrrad-Unfall in Göttingen, schrieb sie ihre Memoiren nieder: "Weiter leben. Eine Jugend" (1992), die in zehn Sprachen übersetzt wurden. 2008 folgte der zweiten Band ihrer Memoiren, über das Leben nach dem Überleben: "Unterwegs verloren. Erinnerungen".

"Das Weiterleben der Ruth Klüger"

Ö1 Redakteurin Renata Schmidtkunz widmete der Autorin 2011 das filmische Porträt "Das Weiterleben der Ruth Klüger".

Die Autorin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Österreichische Staatspreis für Literaturkritik (1997), den Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch (2001), die Ehrendoktorwürde der Universität Göttingen (2003), der Roswitha-Preis (2006), der Lessing-Preis (2007) und der Theodor-Kramer-Preis (2011). Zuletzt erschienen "Was Frauen schreiben. Essays" (2010) und "Zerreißproben. Kommentierte Gedichte" (Zsolnay, 2013), "Marie von Ebner-Eschenbach. Anwältin der Unterdrückten" (Mandelbaum, 2016) und "Gegenwind. Gedichte und Interpretationen" (Zsolnay, 2018).

Text: Red., APA

Service

Ö1 ändert zur Erinnerung an Ruth Klüger sein Programm und strahlt am 15. und 16. Oktober zwei Sendungen der Reihe "Im Gespräch" nochmals aus, die Renata Schmidtkunz mit der Autorin und Literaturwissenschaftlerin führte.

"Im Gespräch"
DO | 15 10 2020 | 21:00 Uhr
FR | 16 10 2020 | 16:05 Uhr

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