Iris Hanika

VILLA MASSIMO/ALBERTO NOVELLI

"Echos Kammern" von Iris Hanika

Das preisgekrönte Werk der Wahlberlinerin greift den Mythos vom liebesunfähigen Narziss und der artikulationsgelähmten Echo auf und entspinnt einen Sprach- und Liebesreigen in New York und Berlin mit viel Nachhall.

Lesen kann schon ein unbändiges Vergnügen sein! Und dazu braucht es nicht einmal eine besonders vergnügliche Handlung. Es genügt, dass Iris Hanika in einem Roman zwei Menschen zusammentreffen lässt, die einander verfehlen; und dass sie darüber einen hochgradig ironischen Erzähler sprechen lässt, der das alles in Zeitlupe beobachtet; und dass diese Erzählstimme auch noch beobachtet, wie die beiden einander beobachten, und auch das kommentiert.

Die Rede ist von Iris Hanikas Roman "Echos Kammern", in dessen zweitem Teil zwei Frauen in der Küche einer geräumigen Wohnung in Berlin einander gegenübersitzen: die Dichterin Sophonisbe, die keine Gedichte mehr schreiben will, und die eminent erfolgreiche Ratgeber-Autorin Roxana, die keine Ratgeber mehr schreiben will. Letztere residiert, wenn sie nicht gerade auf Reisen ist, in dieser Wohnung, die ihr nach der Scheidung zu groß geworden ist, darum ist sie froh, dass die Dichterin bei ihr einzieht. Vermittelt hat diesen Deal die gemeinsame Jugendbekanntschaft Adolf, den sie in der Schule Bedolf nannten und der jetzt Alf heißt. Er lebt als Hausmann und guter Koch mit der wohlhabenden Künstlerin Deborah in New York, wo sich Sophonisbe im ersten Teil des Romans aufgehalten hat.

Luzides Spiel von Bedeutungsebenen

Sophonisbe ist eine Spezialistin für Aufenthalts-Stipendien, seit sie in sehr jungen Jahren mit dem Lyrikband "Mythen in Tüten" einen großen Erfolg hatte, an den sie nie mehr anknüpfen konnte. Jetzt will sie Prosa schreiben und macht dafür in New York unablässig Notizen. Der Erzähler gewährt reichlich Einblick in Sophonisbes Manuskript, das vor allem durch seine künstlich fehlerhafte Sprache auffällt. Die Dichterin ist so stolz auf ihre eigene Sprache, ihre neue "lengevitch", wie sie sie nennt - nicht nur, weil sich das englische Wort language so anhört, wenn man es mit starkem deutschen Akzent ausspricht, sondern weil der deutsch-amerikanische Publizist Kurt M. Stein im Jahr 1925 seinen ersten Gedichtband unter dem Titel "Die schönste Lengevitch" veröffentlichte - ein Titel, an den Uljana Wolf 2013 mit ihrem dritten Gedichtband "meine schönste lengevitch" anschloss.

Der Roman "Echos Kammern" ist prall voll mit literaturgeschichtlichen Anspielungen, und einige davon werden im Text oder im Anhang auch entfaltet. So ist etwa auch Sophonisbe zu ihrem exotischen Namen nur dadurch gekommen, dass ihr Vater als Germanistikstudent in einem Seminar über Barockdramen auf das Trauerspiel "Sophonisbe" von Daniel Caspar von Lohenstein stieß, in dem es um die antike Königin von Numidien geht. Die noch wichtigere Namenspatronin ist freilich die Künstlerin Sofonisba Anguissola, deren Selbstporträt aus dem Jahr 1554 im Kunsthistorischen Museum hängt. Aber keine Angst, solche Bezüge, Anspielungen und Zitate durchziehen des Erzählgeflecht von Iris Hanikas Roman, doch sie überwuchern es nicht; außerdem muss man nicht jeder einzelnen Spur nachgehen. Tut man es aber, so taucht man ein in ein luzides Spiel von Bedeutungsebenen.

Ironische Erzählstimme kommentiert

Das beginnt schon beim Titel: "Echos Kammern" bezieht sich auf die griechische Bergnymphe Echo, die keine eigenen Sätze sprechen, sondern nur fremde wiederholen konnte. Sie verliebte sich in den schönen Jüngling Narziss, und als er ihre Liebe verschmähte, verkümmerte und versteinerte sie. Ähnlich ergeht es Roxana, als sie Sophonisbe mit dem jungen amerikanischen Dissertanten Josh bekanntmacht. Roxana hasste Spiegel und hatte ihren einzigen in die Abstellkammer verbannt, aber als sie in die pubertäre Verliebtheit mit Josh stürzt, betrachtet sie sich immer wieder darin. Roxana stürzt in eine Gefühlsverwirrung, aber sie spielt auch Gefühle, und die kluge Ratgeber-Autorin weiß natürlich auch, dass sie Gefühle spielt. Und anders als Echo findet sie auch einen Ausweg: Sie geht wieder auf Reisen.

Buchumschlag

DROSCHL VERLAG

Treffende Bilder für Gentrifizierung

Genussvoll zu lesen ist das alles, weil sich der Roman keineswegs in einem Mythen-Geplänkel verliert und weil die ironische Erzählstimme immer wieder hineinkommentiert in das Geschehen. Außerdem ist ihre Perspektive keineswegs verengt auf Beziehungen. Sie nimmt vor allem städtebauliche Veränderungen wahr und beschreibt den Vorgang der Gentrifizierung mit so genauen Beobachtungen und findet dafür so treffende Bilder, dass man ständig zitieren möchte. Mikro-Details aus News York und Berlin verorten die Erzählung auf faszinierende Weise.

Außerdem wird dieses Erzählen nicht einfach und selbstverständlich abgespult, sondern der Erzähler kommentiert auch den Erzählvorgang mit feiner Ironie, wenn er anmerkt, warum er jetzt gerade was erzählt. Aber keine Angst, hier werden keine formalen oder gar formalistischen Etüden als Selbstzweck abgespielt - der Roman "Echos Kammern" hat auch etwas zu erzählen.

Sophonisbe lernt etwas über Kunst

Ein besonderer Angelpunkt ist die Szene, als der wichtigste Liebespartner in Sophonisbes Leben einen Unfall erleidet - vor den Augen von Sophonisbe, die ihm so oft einen Unfalltod gewünscht hat und jetzt schockiert ist. Der Erzähler kommentiert das so: So lernte sie wieder einmal etwas über Kunst und Leben, Dichtung und Wahrheit, und begriff an diesem Beispiel (wieder einmal), dass Dichtung großartig ist und die Wirklichkeit platt, anstrengend und blöd, und dass es viel schöner ist, sich etwas auszudenken, als es in die Tat umzusetzen.

Iris Hanika braucht kaum mehr als 200 Seiten, um all das zu inszenieren: komplexe menschliche Beziehungen und Anspielungen auf Literatur- und Kunstgeschichte; städtebauliche und architektonische Analysen; die spielerische Verfremdung durch eine Kunstsprache, eine komplexe Erzähltechnik und ihre gleichzeitige Ironisierung. Und ganz nebenbei feuert sie Geschütze gegen deutsche Befindlichkeiten ab und ironisiert den American Way of Life, dessen Small-Talk-Regeln und eiserne Fröhlichkeit auch Europa immer mehr im Griff haben.

Bei der Lektüre von Iris Hanikas Roman "Echos Kammern" kommt man zum Denken und Schauen, kann man lachen oder bleibt einem das Lachen im Hals stecken, kann man präzise gezeichnete Figuren beobachten - und manchmal auch sich selbst. Lesen kann schon ein unbändiges Vergnügen sein!

Service

Iris Hanika, "Echos Kammern", Roman, Droschl

Gestaltung

  • Cornelius Hell

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