Alter Mann, Schamane

THOMAS FISCHERMANN

Die Jaguarschamanen

Eine Kultur von Heilern und Hexern, die tief im Amazonaswald überlebt

"In meinem Traum habe ich gesehen, dass ihr kommen werdet", sagte Manuel da Silva zu mir. Das war im November 2018. Ich wurde vom letzten Jaguarschamanen des Baniwa-Volkes empfangen, ein Greis, der auf einem Holzbänkchen vor einem roh verputzten Häuschen saß.

... Die Zauberlehrlinge bemerkten, dass die Wolken irgendwie anders aussahen, bedeutsamer, und sie lauschten dem Gesang ihres greisen Trippiloten …

Ich war in die Grenzregion zwischen Kolumbien, Venezuela und Brasilien gereist, weil ich von einer alten Kultur gehört hatte. Man sagt, dass die Jaguarschamanen der Baniwa schwerste Krankheiten heilen können, dass sie aber auch bei ihren Gegnern als tödliche Giftmischer gefürchtet sind. Schon vor 100 Jahren hatten Amazonasreisende davon berichtet. Mich interessierte eher die Gegenwart. Was passiert mit einer solchen Kultur - jetzt, da der Amazonaswald stirbt? Was geht dort verloren, wenn die Bulldozer und Kettensägen kommen?

Welches Wissen wird untergehen?

Amazonas

THOMAS FISCHERMANN

Amazonas

Die Frage ist dringlich. In Brasilien etwa ist seit Jänner 2019 ein Präsident an der Macht, der von den traditionellen Lebensweisen der Indianervölker nichts hält. Jair Bolsonaro will den Amazonaswald rasch für Landwirtschaft und Rohstoffabbau erschließen, die Indianerreservate verkleinern und die dort lebenden Menschen in die Mainstream-Kultur eingliedern.

Und können die etwas dagegen tun? Auf meiner Reise erzählten mir der Jaguarschamane und seine Söhne von einem unerhörten Plan: Sie wollen es mit Zauberei versuchen. Ihnen ist klar, dass sie das Vorrücken der modernen Welt nicht verhindern können. Sie wollen ihr aber etwas entgegensetzen: ihre wirtschaftlichen Zwänge mildern und ihre Verführungskraft schwächen. Die Schamanen wollen, dass das Leben im Amazonaswald nicht ganz abhängig wird von Nahrungsmittellieferungen aus der Stadt und von teuren Ärzten, die aus der Ferne anreisen müssen.

Wiederbeleben der Schamanenkultur

Zu diesem Zweck soll die alte Schamanenkultur mit ihrem Wissen über die Gleichgewichte in der Natur, über Heilungen und das gesunde Leben jetzt erst recht wiederbelebt werden. Manuel da Silva bildet im Greisenalter noch einmal eine Klasse von Schamanenschülern aus. Sie stellen aus Baumrinden die halluzinogene Droge Parika her, reisen mit ihrer Hilfe in andere Welten und erbitten Hilfe von den Geisterwesen.

"Er stirbt nicht wirklich, er ist nur ein, zwei Stunden weg und blickt in die andere Welt ..."

So erlebte ich Szenen auf meiner Expedition, die aus einer anderen Ära zu stammen schienen. Zauberlehrlinge saßen in der prallen Mittagssonne, entrückte Blicke auf die Wolken des Amazonashimmels gerichtet. Auf Dorffesten wurden Speisen und Getränke nach alter Art gereicht, von sonnengetrockneten Brotfladen bis zu hausgebrautem Maniokbier. Tänze und Flötenmusik, die nach der Überlieferung der Baniwa noch von den ersten Menschen stammen, wurden aufgeführt.

Jaguarschamanen-Tanz

THOMAS FISCHERMANN

Goldgräber am heiligsten Ort

Doch haben die Schamanen wirklich eine Chance? Die Moderne denkt gar nicht daran, ihr einzigartiges Urwaldidyll zu verschonen. Brasilianische und kolumbianische Militärs haben zuletzt neue Stützpunkte mitten im Reservat installiert. Man trifft entlang der Flüsse viele Soldaten, weißhäutige Händler und Leute wie zum Beispiel den Goldgräber Adalberto. "Hier hat mir einer erzählt, dass er Goldklümpchen gefunden hat", erzählte er mir. "Da, etwas weiter vorn." Er deutete mit ausgestrecktem Arm auf Hipana, einen düsteren See im Regenwald, der inmitten zweier Wasserfälle liegt. Adalberto würde dort gern einmal zu graben beginnen und sein Glück versuchen.

Für die Baniwa-Schamanen aber ist Hipana der heiligste Ort. Sie glauben seit Jahrtausenden daran, dass in Hipana die Welt entstanden ist.

Text: Thomas Fischermann