Buch des Monats

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Jänner

Otto Grünmandl, "Das Ministerium für Sprichwörter"

Otto Grünmandls "Ministerium für Sprichwörter" ist das Ö1 Buch des Monats Jänner.

Der vor 20 Jahren verstorbene Kabarettist Otto Grünmandl erlangte in den 1970er Jahren Bekanntheit mit der skurrilen Radiosendung "Alpenländische Interviews". Auf der Bühne war er Jahrzehnte lang sowohl mit Soloprogrammen wie auch gemeinsam mit Gerhard Polt erfolgreich. Als Schriftsteller ist Otto Grünmandl weitgehend unbekannt geblieben, obwohl er kurz nach 1945, lange vor seinen Erfolgen als Humorist, mit ernsthaften Texten zu reüssieren versuchte.

Eine längst Überfällige Entdeckung

Seine erste Buchveröffentlichung war 1956 die Novelle "Ein Gefangener". Der schmale Text handelt zwar vom Krieg - beziehungsweise von dessen Ende, doch weder Zeit noch Ort werden benannt. Und auch die Figuren stehen exemplarisch für Aggregatszustände menschlicher Existenz: Gefangenschaft, Bewachung, Gleichgültigkeit, Hoffnungslosigkeit, aber auch Menschlichkeit.

Der Novelle war kein Erfolg beschieden, das war wohl auch der Grund dafür, dass er einer Veröffentlichung seiner Gedichte erst kurz vor seinem Tod zustimmte und den etwa zeitgleich mit der Novelle entstandenen Roman "Pizarrini" etwa zu Lebzeiten nie veröffentlichte.

Wie Espenlaub zitternden Formulare

Nach dem ersten Band der Otto-Grünmandl-Gesamtausgabe im Haymon Verlag mit der Novelle "Ein Gefangener", mit Kurzprosa und Gedichten, liegt nun der zweite Band vor, der die drei Romane "Pizarrini", "Das Ministerium für Sprichwörter" und "Es leuchtet die Ferne" beinhaltet. Grünmandl erzählt darin vom Hilfsarchivar des geheimen Ministeriums für Sprichwörter, von wie Espenlaub zitternden Formularen, von der gefürchteten Staubabteilung, von Tauschgeschäften, Kreuzworträtseln und dem unergründlichen Schlaf des Personalchefs.

Vom Tiroler Kleinbürger Krambacher, der seine Reiseerlebnisse voller unfreiwilliger Komik wiedergibt. Und schließlich von Pizarrini, einem Buchhalter aus innerer Berufung, der das Ordnunghalten der Ordnung halber liebt, dessen Alltag jedoch langsam, aber sicher dem unausweichlichen Verderben entgegenschlittert.

Bezüge zu Kafka und zu den Existenzialisten

Otto Grünmandls Prosa mag in der modellhaften Darstellung inneren Erlebens Bezüge zu Franz Kafka aufweisen, mehr noch ist sie allerdings vom französischen Existenzialismus geprägt, wonach der Mensch die Sinnlosigkeit der Welt erkennt und im Verlaufe seines Strebens nach Sinn in tiefste existentielle Krisen stürzt. Dass er dennoch weiterlebt, ist nach Jean Paul Sartre und Albert Camus, revolutionär und absurd zugleich.

Was längst überfällig war: den Schriftsteller Otto Grünmandl zu entdecken, der mit etwas mehr Glück kein Kabarettist, sondern einer der bedeutendsten österreichischen Schriftsteller der Nachkriegszeit hätte werden können.

Service

Otto Grünmandl, "Das Ministerium für Sprichwörter", Werkausgabe, Band 2: Die Romane, Haymon Verlag, 520 Seiten

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