APA/DPA/JULIAN STRATENSCHULTE
Moment
Milde? Wie altmodisch!
Wie denken Sie über „Milde“? Irritierte Blicke. Was soll das sein: Sanftheit, Mildtätigkeit? Na, ein milder Mensch. Wie, was? Ist das ein Weichei? Nein, eine milde Haltung zu den Dingen, zumindest vorerst - bevor alles Mögliche gesagt ist, in einer Diskussion, im Streit, im Straßenverkehr…
8. Februar 2021, 02:00
Wenn man Menschen dazu befragt, auf der Straße, wundern sie sich. Was ist in die Interviewerin gefahren? Ein Mann, der im dritten Wiener Bezirk vor einem Supermarkt sitzt, im Rollstuhl - meistens Mittwoch und Donnerstag, außer es ist saukalt oder Corona-Lockdown -, meint: „Milde, die gibt´s nicht! Oder nur selten.“
Er hat einen Becher in der Hand. Die Hose links ist aufgekrempelt, sonst sieht man die Unterschenkelprothese nicht und glaubt, er sitzt „nur so herum“. Entweder rennen ihm die Menschen direkt in die Arme, wenn sie mit schweren Taschen aus dem Supermarkt kommen, oder sie rennen an ihm vorbei, auf dem Gehsteig der betriebsamen „Landstraßer Hauptstraße“.
„Die Leut´, denen es besser geht, akzeptieren das oft nicht."
„Niemand muss so dasitzen“, schimpfen manche von ihnen, „wir haben einen Sozialstaat“. Ja, eh, das weiß der 72jährige, ehemalige Inhaber eines Blumengeschäfts und schwer Zuckerkranke. Nachdem das Bein amputiert worden war, bekam er die Invaliditätspension; jetzt lebt er von der Mindestpension.
„Als ich angefangen hab´ vor sieben, acht Jahren, is´ es besser gewesen“, erzählt er, da erlebte er nicht so viel Zorn. „Aber jetzt haben wir zu viele Bettler“. Er sei auf Milde angewiesen, sagt er, auf die Münzen, die in den Becher geworfen werden hie und da, und zumindest darauf, dass man ihn unbehelligt hier sitzen lässt.
„Die Leut´, denen es besser geht, akzeptieren das oft nicht. Es wird eher von denen akzeptiert, die selbst wenig haben. Wenn mir ein Muatterl ein paar Cent in den Becher haut, das freut mich sehr. Aber einmal hat mir wer eine Dose Cola über den Kopf g´schüttet.“
"Nur wer genug hat, kann es sich leisten, milde zu sein!“
Milde - das Wort mag der Künstler Friedemann Derschmidt nicht. Statt darauf zu hoffen, solle man besser über Gerechtigkeit reden, findet er. Es sei ein großes Tabu, „dass manche zu viel und viele zu wenig haben, dass die einen den Hals nicht vollkriegen und die anderen zu kurzkommen.“
Je mehr er darüber nachdenkt, umso weniger kann er mit dem Thema der Radiosendung etwas anfangen: „Für Milde muss der Hunger gestillt sein. Nur wer genug hat, kann es sich leisten, milde zu sein!“
"Durchatmen und in den sozialen Medien erst zu Wort melden, nachdem man nachgedacht hat“
„Es hat schon etwas Gönnerhaftes.“ Livia Klingl, Journalistin und Autorin, denkt ähnlich. Die gesteigerte Konkurrenz in der Gesellschaft, die vielen prekären Jobs - früher hätten die Sklaven auf der Galeere gewusst, „wen sie ins Wasser schmeißen müssen, damit endlich Schluss ist mit Ausbeutung. Aber heute? Wer genau ist es, der den sogenannten freien, selbständigen Menschen die Karotte vor die Nase hält, die ihnen immer entwischt?“
Vielleicht grassiere deshalb so viel Hass, speziell „im Netz“. Da wünscht sie sich dann doch - bei aller nötigen Debatte - so etwas wie Milde, nein, Zurückhaltung: „Man kann auch einmal durchatmen oder sich in den sozialen Medien erst zu Wort melden, nachdem man nachgedacht hat“, sagt die ehemalige Kriegsberichterstatterin, die als Rüstzeug gegen die Erregung Gärtnern empfiehlt. „So ein Leben kann schnell aus sein, hab´ ich gelernt und: man muss sich nicht gleich aufpudeln, wenn die zweite Kassa im Supermarkt nicht geöffnet ist.“
„Wenn ich drauflos ballere, werde ich nichts bewirken. Beim anderen kommt nicht der Inhalt des Themas an, sondern nur der Ärger.“
Ärger entsteht und vergeht. Immer. Er beginnt ganz klein und nimmt zu, manchmal mit großer Geschwindigkeit. Leichter kann man Ärger fallen lassen, wenn man ihn am Anfang „erwischt“ - diese Zeilen stehen in Peter Riedls Büchlein über den „Schlüssel zur Gelassenheit“. Der pensionierte Röntgenarzt, Meditationstrainer und Buddhist schätzt sie, die „Milde“, wenn man sie als Gelassenheit sieht und „einen hohen Grad an Ich-Stärke“; schwer zu erringen, das weiß er von sich selbst.
Gegen Ungerechtigkeit vorzugehen zum Beispiel, könne man nur mit Stärke und Gelassenheit. Ärger sei ein stumpfes Instrument. „Wenn ich drauflos ballere, werde ich nichts bewirken. Beim anderen kommt nicht der Inhalt des Themas an, sondern nur der Ärger.“
Zwar mussten sich einige der Interviewpartner erst anfreunden mit dem offenbar altmodischen Wort „Milde“, aber dann hatten sie doch Lust, darüber nachzudenken - das „Hintertürl“ als „österreichische“ Milde; die Milde, die man in Freundschaften braucht oder wenn man mit wütenden Postern zu tun hat; über die „weise Milde“, die ein Mädchen davor bewahrte, aus einem Jugendzentrum ausgeschlossen zu werden; und einiges Andere.
Gestaltung: Andrea Hauer
Gestaltung
- Andrea Hauer
