TänzerInnen

BOHUMIL KOSTOHRYZ

Verstehen, Sehen und Spüren: Körperwirkung im Tanz

Musik, Gefühle, aber auch komplexe Gedankengänge lassen sich in Choreografien übersetzen, in Gestik, Bewegungen und Abläufe. Und auch abstraktes Bühnengeschehen kann kurzweilig sein – wenn wir uns darauf einlassen. Aber warum?

Die Musik von György Ligeti war für die Tänzerin und Choreografin Elisabeth Schilling „Liebe auf den ersten Ton“, die komplexen Rhythmen und vielschichtigen Bezüge des Komponisten wollte sie umsetzen. Zu Ligetis Etüden entwickelte Elisabeth Schilling nicht nur ein Solo, sondern auch eine Ensemble-Performance für fünf Tänzer und Klavier mit dem Titel „Hear Eyes Move“.

Zu einer Etüde sollen die Tänzer sich gemeinsam bewegen „wie ein Flügelschlag“. „Wir haben hier ja 18 Etüden, und jede Etüde folgt ihrem eigenen Kompositionskonzept. Jede Etüde hat wieder in sich vielfache Inspirationsquellen. Zum Beispiel war Ligeti sehr inspiriert von Karl Poppers Aufsatz zu Clocks & Clouds Systemen“, sagt Schilling.
Das geordnete Uhrwerk, die chaotische Wolke: Elisabeth Schilling kann sie tänzerisch darstellen.

https://vimeo.com/462301359

"Wenn ich 1,5h Ballett zugucke, und ich identifiziere mich mit der Prima Ballerina, werde ich ein Stück dieser Leichtigkeit mitnehmen."

Wenn ich 1,5h Ballett zugucke, und ich identifiziere mich mit der Prima Ballerina, werde ich ein Stück dieser Leichtigkeit mitnehmen, sagt die Neurologin Hedda Lausberg. Doch im Ballett ist der Tänzer, die Tänzerin ein Instrument. Im modernen Tanz dagegen wird der Körper zu einem individuellen Ausdrucksmittel. Jede Bewegung ist erlaubt. Musik lieferte oft nur eine Atmosphäre zur Performance. Und die hat sich oft noch weit vom Tanz entfernt. Trotzdem findet sich ein interessiertes Publikum in aller Welt. Tanzperformance ist eine, wenn nicht die spannendste Kunstform unserer Zeit.

Dahinter steckt das Prinzip der Spiegelneuronen im Gehirn: Wenn ein Neuron zuständig ist, damit eine Bewegung ausgeführt wird, reagiert diese Gehirnzelle auch, wenn man die Bewegung sieht. Und zwar umso stärker, je besser man die Technik, quasi den Code der Bewegung kennt.

Dieser neurologische Mechanismus wurde auch spezifisch für Tanz erforscht, Hedda Lausberg verweist auf eine Studie von Beatriz Calvo-Merino. Sie untersuchte mit Magnetresonanztomografie, welche Gehirnregionen beim Zuschauen aktiviert werden. „Calvo-Merino hat eine Studie durchgeführt mit Ballett-Tänzern, Capoeira-Tänzern und nicht Sportlichen, und hat denen Videos gezeigt von Capoeira und Ballett. Sie hat Ballett und Capoeira genommen, weil beide Tanzarten essenzielle Element bezüglich der Gehirnaktivität teilen: Große Bewegungen, Drehungen, Sprünge – indischer Tanz z.B. mit feinen Handbewegungen, da springen ganz andere Hirnregionen an, wenn ich die ausführe und wenn ich die beobachte“, erzählt Lausberg.

Es zeigte sich im MRT bei Ballettleuten eine stärkere Aktivierung, wenn sie Ballettvideos sahen, bei den Capoeiristas, wenn sie Capoeira sahen, und bei den Nicht-Tänzern zeigte sich die geringste Aktivität.

"Wenn mich das interessiert, ist das Beobachten der Bewegung beim anderen ein Teilhaben an dem Erleben."

Auch ohne die eigene, spezifische Bewegungserfahrung lässt das starke Interesse am Gezeigten das Tanz-Publikum einen Reiz empfinden, so die Neurologin Hedda Lausberg. „Der Reiz liegt darin, dass ich durch die Beobachtung über die Spiegelneuronen, die das Sehen der Bewegung im eigenen Körper anstößt – das macht es für mich zu einem spannenden Erlebnis - nicht so stark, aber es stimuliert.“

Auf dieser Basis kann Tanzperformance durch Empathie komplexe Konzepte und Emotionen zum Thema machen. Viele Choreografien sind erstaunlich kurzweilig, obwohl sie keine Handlung haben, die sich beschreiben ließe, und das Bühnengeschehen abstrakt wirkt. "Wenn mich das interessiert, weil ich selbst gern meinen Körper spüre, selbst tanze, ist das Beobachten der Bewegung beim anderen ein Teilhaben an dem Erleben", so die Neurologin.

Diese Mechanismen und das theatrale Verständnis zeitgenössischer ChoreografInnen lassen Erstaunliches entstehen, und sie lassen es uns verstehen: Florentina Holzinger kombinierte ihre Performances mit Kampfsport und entsprechend gewaltigen Konfrontationen. Ende 2019 präsentierte sie ihr Programm „Tanz“- eine Dekonstruktion von Ballett im Abgleich mit Performance.

Am Beginn steht der Ballett Unterricht, doch dann werden die Körper einem zunehmend seltsamen Regime unterworfen und malträtiert. Die Performerinnen fliegen an Seilen durcheinander, sie fallen und schlagen auf. Am Ende tanzt eine durch die Lüfte, mit Haken in der Haut aufgehängt. Was tut man alles, um zu fliegen?

Im Video aus dem Rabenhof Theater zu sehen vollführt Dong Uk Kim, ein Tänzer der Compagnie Liquid Loft, zu knackenden Geräuschen seltsame Verrenkungen. Man hat das Gefühl, er würde sich aus einer Versteinerung lösen – oder sich selbst die Knochen brechen. Auch wenn man weiß, dass ein Körper kaum solche Geräusche machen kann, es wirkt unangenehm.

Die Frage nach dem Wesen des Körpers führt zur Frage nach dem menschlichen Wesen. Und alles, was dieses Wesen betrifft, kann der Körper auch darstellen. Das können Emotionen und deren Wirkung sein (wie in den konzeptuellen Programmen von Liquid Loft), oder Geschichten (wie bei Florentina Holzinger). Vielleicht folgt auf den Körperfokus nun wieder ein stärkerer Musikbezug? Sicher ist, Tanz und Performance entwickeln immer neue Ideen. Doch der menschliche Körper bleibt immer gleich.

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