Frau mit langen Haaren

Bart Barczyk/Askonas Holt

Vom Leistungssport zur Dirigentin

Marta Gardolińska im Porträt

Der Pandemie zum Trotz dirigierte sie letztes Jahr in Nancy eine Opernpremiere - nun wurde Marta Gardolińska zur Generalmusikdirektorin der renommierten Nationaloper in der lothringischen Stadt ernannt. In Warschau geboren und in Wien ausgebildet, zählt Gardolińska zu einer jungen Generation von Dirigentinnen, die nach und nach auch Spitzenpositionen in der Musikwelt bekleiden.

"Rêve ou destin", Traum oder Schicksal: Unter diesem Titel hat die frischgebackene Generalmusikdirektorin der Opéra national de Lorraine in Nancy vor kurzem ihr Einstandskonzert gegeben. Franz Schuberts dritte Symphonie sieht sie als eine Art befreiendes und dabei aus der Zeit gefallenes Ausatmen aus einer für alle schwierigen Gegenwart; während Dmitri Schostakowitschs Konzert Nummer 1 für Klavier und Trompete eher etwas Albtraumhaftes innewohne, meint die Dirigentin Marta Gardolińska. "Es hat immer etwas Groteskes, nicht ganz Reelles und auch ein wenig Schreckliches, selbst dann, wenn es lustig wirkt."

Spätromantik in Kleinbesetzung

Ob das jetzt ein Traum ist oder Wirklichkeit, dürfte sich Marta Gardolińska auch seit dem letzten Jahr des Öfteren gefragt haben. Geradezu unwirklich waren die Bedingungen, unter denen sie - erstmals am Opernhaus in Nancy - Alexander von Zemlinskys fast vergessene Oper "Der Traumgörge" erarbeitete. Lange Zeit stand das Projekt auf der Kippe.

"Die Originalbesetzung ist sehr groß, etwa mit vierfach besetzten Holzbläsern und Posaunen. Das wäre letztes Jahr einfach nicht zu machen gewesen. Und so haben wir ein Arrangement mit reduzierter Bläser- aber auch Streicherbesetzung bestellt", führt Gardolińska aus. "Wir mussten diese Partitur sehr schnell bearbeiten. Ich habe sie gerade einmal zwei Wochen vor der ersten Orchesterprobe bekommen. Also es war bis zum Schluss ein Rätsel, ob es noch weitergeht oder schon Schluss ist."

Das Abenteuer hat sich gelohnt: Die Premiere Ende September stieß auf fulminante Kritiken: Marta Gardolińska leuchte wunderbar klar in das verästelte Klangdickicht hinein, schrieb etwa die Opernwelt, und sah sich an Gustav Mahlers "Ich bin der Welt abhanden gekommen" erinnert.

"Erfahrung aus dem Laufen hilft"

Disziplin und Durchhaltevermögen hat die 32-Jährige aus ihrer Kindheit und Jugend in Warschau mitgenommen, in der sie sich zunächst dem Leistungssport gewidmet hat: Schwimmen, Trampolinspringen, 400-Meter-Lauf, Skifahren: Gardolińska hat vieles probiert; eine Profikarriere war verletzungsbedingt nicht möglich. Für die Musik habe sie aber viel gelernt, erklärt sie.

"Dirigieren ist sicherlich mehr als ein Leistungssport. Aber natürlich stellt es an den Körper hohe Ansprüche, und es hilft, in guter Form zu sein", so die Dirigentin. "Und es ist auch mental sehr anstrengend. Ich glaube, die Erfahrung aus dem Laufen, die letzten Meter nocheinmal richtig durchzupushen, hilft auch in der Musik."

Ressentiments an der Akademie

Musikalisch hat Marta Gardolińska als Chorsängerin in Warschau begonnen; ihre Chorleiterin gab der Teenagerin den ersten Privatunterricht, machte ihr aber zugleich wenig Hoffnungen auf eine Karriere als Orchesterdirigentin: Frauen seien dafür nämlich nicht geeignet, war die Auffassung ihrer ersten Lehrerin. Für Gardolińska war das durchaus ein Ansporn, es trotzdem zu probieren.

Auf Vorbehalte gegen Frauen am Pult stieß sie weniger während ihrer Arbeit mit Orchestern, sondern im akademischen Bereich - bei den Aufnahmeprüfungen zur Musikakademie in Warschau etwa, sagt Gardolińska. Doch sie dürfe sich nicht beklagen: Immerhin habe sie ihre Ausbildung und große Unterstützung von anderen Kolleginnen und Kollegen bekommen.

"Ich wusste von Anfang an, dass es nicht leicht wird, aber das ist ok. Es ist Teil des Weges. Und dank dieser Erfahrungen bin ich vielleicht auch besser auf schwierige Momente in der Zukunft vorbereitet."

RSO Wien, Los Angeles Philharmonic

Wenn man seine Sache gut mache, dann sollte es mittlerweile unerheblich sein, ob ein Mann oder eine Frau ein Orchester leite, fügt Gardolińska hinzu. Zum Abschluss ihres Studiums trat die Dirigentin mit dem ORF-Radiosymphonieorchester Wien im Musikverein auf. Ein erster großer Karriereschritt war 2018 der Wechsel nach England, wo sie als Young Conductor in Association beim Bournemouth Symphony Orchestra begann; es folgte unter anderem eine Nordamerika-Tour als zweite Dirigentin von Gustavo Dudamel und dem Los Angeles Philharmonic.

Als prägend bezeichnet sie ihre Begegnung mit Marin Alsop, der nunmehrigen Chefdirigentin des RSO, die sie in ihrem "Taki Alsop Conducting Fellowship" aufnahm. "Es war sehr interessant für mich, auch den außermusikalischen Bereich zu beobachten und zu lernen, wie man sich in der Szene bewegt. Denn ich komme aus keiner musikalischen Familie und musste diese Welt erst kennenlernen."

In der musikalischen Interaktion zwischen Dirigentin und Orchester sei auch das Zwischenmenschliche ein entscheidender Faktor. "Das Spannende ist die Arbeit mit Menschen und Charakteren, und die Gruppendynamik - ein Wort, das schwer aus dem Deutschen zu übersetzen ist, aber das mir sehr gefällt."

Mit dem Orchester der Opéra national de Lorraine in Nancy scheint die Dynamik zu klappen. Mit ihm, aber auch im kommenden Opern-Spielplan will Marta Gardolińska die Brücke von den Spätromantikern ins 20. Jahrhundert schlagen und dabei auch einen Fokus auf polnische Komponisten wie Karol Szymanowski legen. Das passt auch zur Geschichte des traditionsreichen Hauses, wurde dieses doch Mitte des 18. Jahrhunderts, wie auch weite Teile der Altstadt von Nancy, vom polnischen König Stanislaus I. gestiftet.

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