Hasan Ulukisa

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Ö1 Talentebörse

Hasan Ulukisa, Zeitbasierte und interaktive Medienkunst

Ich liebe es, frisches Essen zuzubereiten. Einfach Dinge selber zu machen, anzupacken und solidarisch zu sein. Bei Ungerechtigkeiten aufzustehen und diese konkret zu benennen.

Was ist Kunst?

Das ist eine schwierige Frage, die ich nicht einfach beantworten kann. Für mich geht es tendenziell bei der Kunst um den Inhalt und deren Vermittlung. Ich erlebe Kunst als abstrakte Vermittlungsform und in gewisser Weise als Sprachrohr. Für mich persönlich spielt Raum und Interaktion dabei eine große Rolle. In meiner künstlerischen Praxis sehe ich die Betrachter:innen als wichtigen Bestandteil des künstlerischen Prozesses.

Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Als Kind habe ich Saz (anatolisches Saiteninstrument) und Flöte gespielt und dabei herausgefunden, dass ich nicht unbedingt der begabteste Musiker bin. Während meiner Schulzeit wuchs mein Interesse für Kunst und Kultur. Eine zentrale Rolle nahm hierbei das Theaterkollektiv „haykırış“ ein, was übersetzt soviel wie „Aufschrei“ bedeutet. Damals habe ich unterschiedliche Aufführungen moderiert, fotografisch und visuell dokumentiert und auch unterschiedliche performative Rollen gespielt. Oft hatten die Stücke einen Bezug zu politischen Auseinandersetzungen in der Türkei wie beispielsweise die Gezi Park Proteste 2013.

Kommt Kunst von können, müssen oder wollen?

Ich denke, dass es grundsätzlich etwas mit der Zugänglichkeit zur Kunst zu tun hat. Ich merke das sehr oft selbst, wenn ich mich mit meinen Eltern unterhalte, die schon ihr Leben lang Vollzeit beschäftigt sind. Da bleibt schlichtweg keine Zeit, sich mit künstlerischem Schaffen auseinanderzusetzen. Viele Freund:innen aus meinem Umfeld würden gerne kreativen Arbeiten nachgehen, oder zumindest einen Raum haben, wo sie experimentieren können, aber aufgrund ihrer unterschiedlichen Verpflichtungen nicht dazu kommen.

Wo würden Sie am liebsten ausstellen/auftreten/inszenieren?

Mir ist es ein Anliegen, Schnittstellen über Generationen hinweg zu erzeugen. Meine Audioinstallation „fragments of resistance“ stelle ich gemeinsam mit Wohnpartner-Wien und dem KZ-Verband/VdA am Matteottiplatz aus. An diesem Ort geschah 1945 jene Widerstandsaktion, mit der ich mich in meiner Arbeit auseinandersetze und die ich zu vermitteln versuche. Neben der historischen Kontextualisierung versuche ich, konfrontativ mit aktuellen Themen zu arbeiten. Mit meinem Projekt „blindspot“, in welchem die EU-Außengrenzen und Schutzsuchende eine zentrale Rolle einnehmen, würde ich gerne im öffentlichen Raum intervenieren. Für mich vorstellbar wären Projektionen an kritischen Orten, wie beim Innenministerium, um auf Missstände und völkerrechtswidrige Praxen wie Pushbacks aufmerksam zu machen.

Mit wem würden Sie gerne zusammenarbeiten?

Im Zuge meines Engagements an den EU-Außengrenzen habe ich einige interessante Persönlichkeiten kennengelernt. Neben Aktivist:innen traf ich auch andere Fotograf:innen und Filmemacher:innen, die sich schon länger mit dem Thema Flucht und Migration beschäftigen. Diese Menschen haben auf mich einen tiefen Eindruck hinterlassen und mich zu einem bedachten Umgang mit Menschen als Subjekt in meiner Kunst sensibilisiert. Große Vorbilder sind für mich außerdem Elfie Semotan und Elizabeth T. Spira.

Wie viel Markt verträgt die Kunst? Und wie viel Kunst verträgt der Markt?

Die Bemessungsgrundlage von Kunst ist sehr abstrakt. Kunst, die keine Rezipient:innen und Käufer:innen hat, kann meiner Erfahrung nach nur begrenzt existieren, da für die kunstschaffende Person sich früher oder später die Frage nach der ökonomischen Grundlage stellt. Natürlich wirft es auch die Frage von Abhängigkeitsverhältnissen und Einflüssen in der Kunst ganz allgemein auf. Im universitären Rahmen finde ich es umso wichtiger, dass sich die Dringlichkeit dieser Problematik nicht stellt. Aus meiner Sicht ist die Tendenz, Kunst erst als solche zu begreifen, wenn sie einer Verwertungslogik entspricht, problematisch. Gerade für junge Künstler:innen ist es schwer, einen vermeintlichen „Durchbruch“ zu schaffen, wenn die Bedingungen an elitäre Vorstellungen gekoppelt sind.

Wofür würden Sie Ihr letztes Geld ausgeben?

Essen, Bücher und analoge Filme (genau in dieser Reihenfolge).

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Hoffentlich in einem Setting, in welchem meine ökonomische Grundlage halbwegs abgesichert ist.

Haben Sie einen Plan B?

Ich habe bereits in einigen Berufsbranchen gearbeitet und denke, dass auch wenn es mit der Kunst nicht klappen sollte, ich in einem anderen Bereich, wie im Sozialbereich Fuß fassen könnte. Meine jetzige Priorität liegt definitiv beim Studium und den Räumen und Werkzeugen, die mir im Moment zur Verfügung stehen. Außerdem bin ich seit über einem Jahr Referent in der ÖH der Kunstuniversität Linz und finde Vertretungsarbeit auch sehr spannend.

Wann und wo sind Sie das letzte Mal unangenehm aufgefallen?

Vor einigen Wochen war ich im Supermarkt und hab beobachten können, dass zu dem Zeitpunkt sehr viele Kund:innen im Geschäft waren. An der Kassa hatte sich bereits eine längere Schlange gebildet und die Person vor mir hat begonnen passiv aggressive Laute von sich zu geben. Nach einigen Sekunden kam der berüchtigte „Zweite Kassa bitte!“-Ausruf. Daraufhin habe ich versucht, der Person zu vermitteln, dass wenn die Hackler:innen im Supermarkt ausgelastet sind, dieses Zurufen einfach nur unnötig und fehl am Platz ist.

Wollen Sie die Welt verändern?

Natürlich, denn sie braucht es mehr denn je.