Michael Reindel

VIKTORIA BAYER

Ö1 Talentebörse

Michael Reindel, Bildhauerei

Selina Lampe, Valentin Hessler, Viktoria Bayer, Taro Meissner, Diana Barbosa Gil, Miriam Stoney, Benjamin Schmidt, Hanna Kučera, Florian Hofer, Sveta Mordovskaya, Christian Aumüller, Leonie Huber. Ich kann mich eigentlich nur in Verbindung zu den Personen beschreiben, mit denen ich mich regelmäßig austausche. In den Interviewantworten sehe ich imaginär, welche Personen, Diskurse oder Bücher mich beeinflusst haben und ich finde es wichtig, dies auch sichtbar zu machen.

Was ist Kunst?

Wenn Johann König gemeinsam mit Martin Ho gegenüber der Secession eine Ausstellung mit dem Thema "One Decade of Female Sculptors" eröffnen kann, frage ich mich auch, was Kunst wirklich ist?

Kunst ist vielleicht genau wie die Gesellschaft ein Feld, das durchwachsen und definiert von Machtstrukturen und Privilegien ist. Die Kunst wäre demnach die Suche nach einer Form, wie man sich innerhalb dieses Feldes möglichst solidarisch bewegen kann. Zurzeit arbeiten Viktoria Bayer und ich an einer Publikation, die sich die Frage nach künstlerischen Praxen innerhalb einer Realität, die von multiplen Krisen geprägt ist, stellt.

Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

Als sich mein bester Freund aus unserem 200 EinwohnerInnen-Dorf an einer Kunstuniversität beworben hat, habe ich es dann auch in Dresden versucht, ohne davor mit Kunst wirklich in Berührung gekommen zu sein. Zu diesem Zeitpunkt war Dresden in den Medien vor allem die “Pegida Stadt”. In meinem ersten Semester kamen deshalb auch nur die Hälfte der angenommen StudentInnen. Wir hatten also sehr viel Platz, ich keine Ahnung von zeitgenössischer Kunst und jede Woche Programm. Dienstags Studio Visits, Mittwochs Kurzreferate, Donnerstags Filme und jeden Montag 10.000 Menschen auf den Pegida Demos, die wir bis ins Studio gehört haben. Was und wie ich Kunst machen möchte, habe ich aber vor allem durch den Einfluss meiner FreundInnen und KollegInnen, gemeinsame Projekte und einen ständigen Diskurs über zeitgenössische Kunst gefunden.

Kommt Kunst von können, müssen oder wollen?

Ich habe das Gefühl, Kunst kommt von keinem dieser romantischen Attribute. Die Frage sollte sich viel mehr auf Privilegien oder die Klassenherkunft konzentrieren. Da werden ja nicht nur die Werte vermittelt, sondern auch die Möglichkeiten definiert, ob man überhaupt Kunst machen kann bzw. wie einfach es ist, zur Kunst zu kommen.

Wo würden Sie am liebsten ausstellen/auftreten/inszenieren?

20 Minuten von meinem Dorf entfernt wird ein riesiges Amazon Logistikzentrum gebaut. Für mich wurde da plötzlich die Infrastruktur von einem globalisierten Unternehmen greifbar. Dort würde ich gerne eingreifen. Amazon muss eine Ausgleichsfläche für das riesige Areal, das sie bebauen, kaufen.
Hinter dem Haus meiner Eltern liegt so eine Ausgleichsfläche der Autobahn. Ein stillgelegter Steinbruch dient jetzt bedrohten Tierarten als Lebensraum. Dieser Ort wird aber nicht einfach den Tieren und Pflanzen überlassen. Menschen greifen immer wieder in das Ökosystem ein, um bestimmte Lebensräume für bestimmte Tierarten zu erhalten oder zu schaffen. Mich würde interessieren, in welcher Form KünstlerInnen so eine Ausgleichsfläche gestalten, verwalten und pflegen könnten. Natürlich interessiert es mich auch, wie es wäre, das mit Amazon zu verhandeln.

Mit wem würden Sie gerne zusammenarbeiten?

Ich hatte das Glück, schon mit vielen spannenden KünstlerInnen arbeiten zu können. Das würde ich gerne weiter so machen, aber auch mit Leuten, die nichts mit Kunst zu tun haben und über ganz andere Formen von Wissen und Erfahrungen verfügen.

Wie viel Markt verträgt die Kunst?

Da sind wir wieder bei Johann König und Martin Ho, die gegenüber der Secession gemeinsam eine Ausstellung mit dem Titel “One Decade of Female Sculptors” eröffnen. Verträgt die Kunst, in dem Fall die Arbeiten und Inhalte der ausgestellten BildhauerInnen, noch solche Rahmenbedingungen?

Und wie viel Kunst verträgt der Markt?

Kunst sollte vielmehr an der Infrastruktur des Marktes ansetzen, diese hacken und offenlegen. Da gibt es wirklich tolle KünstlerInnen wie Otobong Nkanga oder Maria Eichhorn, die damit arbeiten.

Wofür würden Sie Ihr letztes Geld ausgeben?

Hätte ich wirklich eine letzte größere Summe zur Verfügung würde ich das Haus meiner Eltern zu einem Kulturzentrum umbauen, um so Kunst auch dort zugänglicher zu machen. Wahrscheinlich wird es aber nur ein Garten voller samenfestem Gemüse, das sich mit Pflege und Fürsorge jedes Jahr vermehrt.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Gemeinsam mit anderen KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen analysieren und betreuen wir das Ökosystem der Ausgleichsfläche von Amazon und diskutieren die mögliche Entwicklung in den nächsten 100 Jahren. Mit unserem Kollektiv renaturalisieren wir durch wirtschaftliche Interessen ausgelaugte Orte.

Haben Sie einen Plan B?

Es gibt schon so viele Plan A's und B's in meiner Vorstellung. Ich will mir langfristige und nachhaltige Strukturen schaffen, die zu jedem Plan werden können.

Wann und wo sind Sie das letzte Mal unangenehm aufgefallen?

Bei fast jedem Gespräch, das ich mit meiner Mutter über meine künstlerische Arbeit führe.

Wollen Sie die Welt verändern?

Das immer verrückter werdende Klimachaos wird die Welt solange verändern, bis die Manager nichts mehr zu managen haben. In der Zwischenzeit finde ich kleine solidarische Netzwerke eine gute Alternative.