Auschwitz-Birkenau, März 1945

AP

Hörspiel

Ludwig Fels' letztes Hörspiel

Am 11. Jänner 2021 starb der Autor Ludwig Fels inmitten der Vorbereitungen auf ein Hörspiel unerwartet in Wien. Die Ursendung "Was siehst du? Die Nacht!" findet nun anlässlich seines ersten Todestages statt. Splitter zum Hörspiel von Ludwig Fels von Regisseur Stefan Weber.

Konzentrische Kreise

ORF

Es gibt Texte, die amüsieren, langweilen, sehr langweilen, packen, kratzen, überraschen. Und es gibt wenige, die man nicht als solche wahrnimmt, die liest man nicht, man taucht in ihnen.

Mirka: Sind wir bald da?
Mirkas Vater: Frag nicht dauernd!
Mirka: Aber es dauert schon so lang.
Mirkas Vater: Je länger es dauert, desto eher haben wir es hinter uns.
Mirka: Und was kommt dann?

Nicht beantwortbare Fragen

1944 im Viehwaggon eines Deportationszuges auf der Strecke vom Ghetto Łódź nach Auschwitz. Die kleine Mirka und ihr Vater folgen dem Weg der Mutter und Ehefrau. Mirka voller Leben, aber mit Zweifel, weil der Nazi-Hund beim Einsteigen ihre Puppe gebissen hat. Der Vater, in Verzweiflung erstickt, versucht zu beruhigen. Kinderfantasie gegen ohnmächtige Notlügen des verehrten Papas. Eilends zusammenerfundene Märchen als Replik auf nicht beantwortbare Fragen. Über allem die Liebe. Einige letzte Stunden, zwei Herzen in mörderisch befohlener terminaler Lebenszeit, eine Seele.

Die Welt ist kein Kino, das Leben kein Film und trotzdem ziehen ständig Bilder am Auge vorbei. (…) Auf dem Mond sterben Tiere, so die Märchen. Die Bilder vergehen, und mit ihnen die Erinnerung an die Vergangenheit. Gräber voller Gesichter.

Bitte nicht die Jahre zählen!

Ludwig Fels

Ludwig Fels (1946-2021)

ALEKSANDRA PAWLOFF

Ludwig Fels ist auf eine Fotografie der historischen Mirka gestoßen, dabei eine kurze Legende über ihr Schicksal. Er hat das Porträt vor sich auf den Schreibtisch gelegt. Zeit, Bauch und Herz haben dann das Ihre getan, werfen das zu hörende Bild in die "Ruine der Erinnerung".

Ich heiße Mirka. / Ich bin ein Kind. / Ich bin ein totes Kind. / Ich war ein Mädchen. / Ich bin schon so lange tot. / Bitte nicht die Jahre zählen!

Mit Ludwig Fels im Café

Ich kenne ihn nicht persönlich, habe nur eine ungefähre Ahnung. Man munkelt, der "Arbeiterschriftsteller" (Fels über Fels) könnte auffahrend sein. Wir treffen uns kurz vor der ersten Welle im Februar 2020 im Café Florianihof in Wien und sind beide aufgeregt, das gestehen wir uns gleich. Ludwig Fels erzählt, dass ihn der Mut, das Manuskript an den ORF zu senden, immer wieder verlassen hat, weil er Angst vor einer möglichen Ablehnung hatte. Und ich war mir nicht sicher, ob meine interpretatorischen Entwürfe Gehör finden würden.

Ich werde tausend Jahre alt.

Der Nachmittag kommt schnell und angeregt in Fahrt. Es spiegelt sich mir ein Mensch voller Demut gegenüber seinen Figuren, die zu seinem Leben zu gehören scheinen. Mit leuchtenden und wässrigen Augen holt er aus über das unter den Teppich Gekehrte, Staub und Asche, trocken wie der Wein, der bald kredenzt wird. Er spricht über sein Finden der ruhigen Sprache, über das Abstreifen seiner literarischen Wut der früheren Jahre und die Hoffnung, man möge ihn so trotzdem noch annehmen. Und immer wieder der fragend neugierige Blick: Sie glauben, Sie verstehen mich?

Mirka: Ich werde tausend Jahre alt.

Plötzlich tot und fehlt

Zurück in der Schweiz beginnt der Lockdown. Die Welt rauscht an mir vorbei, die Beschäftigung mit Fels’ Text wird mir zur Geborgenheit. Wir werden uns nicht mehr sehen können, die Aufnahmen müssen immer wieder verschoben werden, also schreiben oder telefonieren wir und schaff en uns gegenseitiges Vertrauen. Dann ist er plötzlich tot und fehlt. Es schmerzt, dass er das Produktionsteam u. a. mit Markus Meyer, Klaus Höring und Katrin Thurm nicht mehr kennenlernen kann, dass er die sehr junge Naïma von Bargen als Mirka in ihrem Hörspieldebüt verpasst und dass wir alle ihm nicht mehr werden zunicken können: Ja, Herr Fels, wir glauben, wir haben verstanden.

Text: Stefan Weber