DYNAMO/FLORIAN JUNGWIRTH
Gehört
Das Ö1 Magazin im Mai
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4. Mai 2026, 10:36
DYNAMO/FLORIAN JUNGWIRTH
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„Es gibt im Leben Augenblicke, da die Frage, ob man anders denken kann, als man denkt, und auch anders wahrnehmen kann, als man sieht, zum Weiterschauen und Weiterdenken unentbehrlich ist.“ Dieses Zitat stammt von Michel Foucault und könnte als Würdigung des Werks und des Wirkens zweier großer Intellektueller im deutschsprachigen Raum verstanden werden, die Ende März gestorben sind: Jürgen Habermas und Alexander Kluge. Beide haben sich ausführlich mit Medien und dem, was unter „bürgerlicher Öffentlichkeit“ zu verstehen ist, beschäftigt und beide wurden hierzulande nicht ausreichend rezipiert.
Habermas hat nie aufgehört, dafür zu werben, dass wir als Gesellschaft Wege suchen sollten, die ein gemeinsames Verständnis ermöglichen, und dass die Form des Diskurses frei und gleich zu sein hätte, also herrschaftsfrei. Ähnlich, wenngleich um einiges poetischer, waren die Überlegungen Alexander Kluges. Von ihm stammt der Begriff der „substanzreichen Öffentlichkeit“, eine Idee, die – wie die des herrschaftsfreien Diskurses – für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und natürlich für den Kultursender Ö1 handlungsleitend sein könnte und sollte.
„Die einzige Garantie für die 'Richtigkeit' unseres Denkens liegt darin, dass wir gleichsam in Gemeinschaft mit anderen, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken mitteilen, denken“, so begann Kluge eine Rede mit dem programmatischen Untertitel: „Warum die Öffentlichkeit ein um keinen Preis der Welt verkäufliches Gemeingut ist (Gemeingut = persönliches Eigentum eines jeden von uns)“. Seine Grundidee: „Es gibt kein Denken, das sich darauf beschränkt, die Stärke seiner Gedanken monologartig vorzutragen; die Rückantworten, die Anerkennung meiner Gedanken aus der Rückantwort der anderen, das ist überhaupt denken. Da ich auf das Denken (und nach Kleist heißt das auch: 'auf das Unterscheidungsvermögen der Gefühle') nicht verzichten kann, ist die elementare Fähigkeit, sich mit anderen auszutauschen, Öffentlichkeit zu bilden, lebensnotwendig. Eine substanzreiche Öffentlichkeit ist die Voraussetzung dafür, dass ich mir traue, dass ich Selbstvertrauen habe und anderen trauen kann. Dass dies herstellbar ist, ist die Funktion, aber auch das Leben der Öffentlichkeit."
Eine „substanzreiche Öffentlichkeit“ herzustellen, das wäre auch ist unsere Aufgabe als öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Und es gibt Momente und Sendungen, in denen das gelingt. Dadurch erst entsteht, so Kluge, wirkliches Selbstvertrauen – und das, so seine schöne Idee, ist auch die Voraussetzung, dass wir anderen trauen können. Über diese Leistung und Begründung des öffentlichen Rundfunks, also eines der Allgemeinheit verpflichteten Mediums, ist zuletzt wenig gesprochen worden und doch ist es der Kern unseres Seinszwecks.
Kurt Reissnegger
Ö1 Programmchef
Information
- Erscheinungsweise: 12 x p.a.
- Direktversand an Ö1 Club-Mitglieder
- Auflage: 50.000 Stück
- Format: 208 x 289 mm
- Druck: 4-farbig
- Seitenanzahl: 60 Seiten
- Chefredaktion: Robert Heis
