Hasti Molavian

JÖRG LANDSBERG

Hasti Molavian

"Ich bin Carmen" am Volkstheater

In einer hochaktuellen und höchst ungewöhnlichen Fassung kommt die Opernheldin aus Georges Bizets "Carmen" auf die Bühne des Wiener Volkstheaters.

Die 1988 Teheran geborene Volkstheaterschauspielerin und Mezzosopranistin Hasti Molavian, hat daraus unter dem Titel "Ich bin Carmen" ein iranisch-europäisches Musiktheaterprojekt geschaffen, in dem sie autobiografische Erlebnisstränge mit Themen und Figuren aus Bizets Oper verbindet. Das Stück ist am Freitagabend im Wiener Volkstheater zu sehen.

"Ich hab' im Iran in meiner Kindheit mich sehr für Musik interessiert, auch für Schauspiel, für Literatur und bildende Künste. Ich hab mir unglaublich viele Ausstellungen angeschaut und war als Kind und Jugendliche schon fasziniert von Kunst", sagt Hasti Molavian. Mit fünf Jahren wollte sie Dirigentin werden, mit sieben begann sie Geige zu spielen und in einem Chor zu singen.

Chor erlaubt, Sologesang verboten

"Was den Gesang betrifft ist es so, dass die Stimme einer einzelnen Frau nicht gehört werden darf, das heißt, man darf im Chor singen, aber solistisch eigentlich nicht." So wie ihre Stimme musste sie, wenn sie zum Geigenunterricht in Teheran ging auch den Geigenkasten - getarnt in einem blauen Mistsack - verstecken, um keinen Ärger mit der Sittenpolizei zu bekommen.

"Ich hab' alte Kassetten meiner Eltern entdeckt, wo klassische Musik drauf war, und das hat mich fasziniert. Zu der damaligen Zeit war es nicht üblich, dass man in einer iranischen Familie mit klassisch abendländischer Musik in Berührung kommt."

Opernbesuch war Enttäuschung

"Irgendwie hab' ich immer von der Form Oper gehört, die es im Iran nicht mehr gibt. Aber in meiner Vorstellung war das die perfekte Kunstform, um ein Gesamtkunstwerk zu haben, Musik, Gesang, Bühne, Bühnenbild, Licht - da dachte ich, was Geileres gibt es nicht." Dass ihre Vorstellung von der Oper nicht der Realität entsprach, musste Hasti Molavian in Deutschland erfahren. Als sie an der Folkwang-Hochschule in Essen Musiktheater und Gesang studierte, besuchte sie erstmals eine Oper - Georges Bizets "Carmen". Eine Enttäuschung.

"Weil ich das Gefühl hatte, dass man alle Mitteln hat, aber alle nicht vollständig nutzt, von überall war nur ein bisschen, und auch die Charaktere fand ich alle so klischeehaft und so glatt gebügelt."

20 Jahre später - mittlerweile ist Molavian ausgebildete Mezzosopranistin wollte Hasti Molavian die Opernfigur Carmen rehabilitieren, sich tiefgründiger mit der Frau dahinter auseinandersetzen, ihre Zerrissenheit beleuchten, Zuschreibungen hinterfragen und schauen, was übrigbleibt, wenn man sie von Klischees befreit. Und entdeckte Parallelen zu sich selbst.

Mehr Freiheit im Sprechtheater

"In Deutschland bin ich die Iranerin, in Österreich, die Deutsche und dann fragt man sich auch immer, was macht die Opernsängerin an einem Schauspielhaus?" Im Sprechtheater sei sie gelandet, weil es hier mehr Freiheiten als im Opernbetrieb gäbe, mehr Wahrhaftigkeit und weniger Schöngesang, mehr Gemeinschaftsarbeit und weniger starre Systeme.

"Ich wollte nicht die Gesangsmaschine sein, die ihren Part einstudiert, ich wollte viel mehr, mitsprechen mit Regieteams arbeiten. Das kann man an einem Schauspielhaus eher ausprobieren, als an einem Opernhaus."

Bild-Klang-Komposition

In ihrer Bild-Klang-Komposition, die sie mit dem Komponist Tobias Schwencke am Klavier, dem Regisseur Paul Georg Dittrich und dem Elektromusiker Christopher Scheuer bestreitet, verschmelzen persischer Sprechgesang und Bizet Arien, Loops und Echos im Raum und ein aufwendiges Bühnenbild zu einem harmonischen Ganzen.

Weil das Stück bei seiner Uraufführung in Bremen höchst erfolgreich war, nutzt das Volkstheater die Gelegenheit, das Scheinwerferlicht auf die noch verborgenen Winkel im eigenen Ensemble zu richten und Hasti Molavian die Möglichkeit zu geben, sich in all ihrer Vielseitigkeit und Mehrfachbegabung dem Publikum zu präsentieren. Zu sehen ist "Ich bin Carmen" am kommenden Freitag.

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