Marie-Nicole Lemieux

WILFRIED HÖSL

Quereinsteiger

"Les Troyens" in München

Seit Serge Dorny die Bayerische Staatsoper in München leitet, stehen vor allem Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert auf dem Programm. Neun von elf Premieren widmen sich dem modernen Musiktheater. Eine der wenigen, die nicht darunterfallen, ist Hector Berlioz 1890 uraufgeführte Oper "Les Troyens", die nun in München Premiere feiert.

Serge Dorny

Serge Dorny

APA/BLANDINE SOULAGE

Intendant Dorny, zuvor an der Oper Lyon, hat sich zum Ziel gesetzt, viele unbekannte Künstler aus anderen Sparten ans Haus zu holen. Die Inszenierung übernimmt deshalb der vor allem als Filmregisseur bekannte Christophe Honoré, Neuling an einem deutschen Opernhaus und das gleich bei einem Mammutwerk.

"Wissen Sie, ich glaube, das Prinzip bei den 'Trojanern' ist recht einfach: Es geht um den Kontrast von Gewalt und Liebe, Krieg und Frieden, das Gute und das Böse. Was mich daran interessiert, ist diese Widersprüche alle gleichzeitig auf die Bühne zu bringen", sagt Christophe Honoré.

Ö1 hat mit Serge Dorny über die verzwickte finanzielle Lage, über seine künstlerischen Ambitionen und sein Faible für zeitgenössisches Musiktheater gesprochen.

Neulinge als "roter Faden"

Der Charme von Debütanten wie Honoré liegt in der Leichtigkeit und Unbedarftheit, mit der sie sich voller Elan in ein Mammutwerk stürzen, das allein für seine allererste komplette Aufführung gut 30 Jahre nach Entstehen brauchte. Vier Stunden allein für die reine Spieldauer, sechseinhalbtausend Takte, noch dazu über den Homerschen Mythos Troja und Karthago, die Gründung eines neuen Reiches, der Untergang eines Volkes. Aktueller geht es kaum.

Bei der Wahl des vom Film kommenden Regisseurs Christophe Honoré könnte Staatsopernintendant Serge Dornys in seiner noch ersten Spielzeit in München ein gutes Händchen für Quereinsteiger beweisen, wenn sich am 9. Mai um 18 Uhr der Vorhang hebt. Dornys Faible für Neulinge soll laut seiner Aussage einer der roten Fäden seiner Intendanz sein: "Für Vladimir Jurowski und mich war es ein Anliegen, eine Vielfalt von Farben und Klängen in unsere erste Saison reinzubringen, um noch einmal breiter das Repertoire aufzustellen."

S. Degout

WILFRIED HÖSL

Haus stehen harte Zeiten bevor

Mit Berlioz‘ "Les Troyens", an die sich allein wegen des gewaltigen Chor- und Orchesterapparates nur große Häuser trauen, will Dorny gleich ein wegweisendes Markenzeichen setzen. Natürlich im französischen Original unter Leitung des von Lyon mitgebrachten ersten Gastdirigenten Daniele Rustioni, ohne die bei Grand Opéras üblichen Balletteinlagen, aber in der Originalfassung.

Und das alles trotz massiven Kürzungen von rund 5 Millionen Euro von Seiten der Stadt München, außerdem drohenden Sparmaßnahmen von Seiten des bayerischen Freistaates, der Zwang zu vermehrten Koproduktionen unter anderem mit Moskau, die finanziellen Einbußen aufgrund der Coronamaßnahmen über zwei Jahre hinweg, ständige Ausfälle im Ensemble aufgrund positiver Fälle - und dann der unerwartete, kürzliche Wechsel an der Spitze des Staatsballetts.

Ansporn für Dorny und Juroswki

Dem lange unter der Intendanz vom nach Salzburg gewechselten Nikolaus Bachler in Pomp, Glanz und Gloria schwelgendem Haus stehen harte Zeiten bevor, auch weil am Gebäude Sanierungsbedarf besteht, wann genau das Damoklesschwert fällt, ist noch offen. Ein Ansporn für Dorny und seinen Generalmusikdirektor Wladimir Jurowski - derzeit demonstrativ mit einem Ukraine-Button am Revers unterwegs: "Musik und das Theatermachen und Opernmachen ist nicht etwas von der Peripherie, sondern inmitten der Gesellschaft, deshalb war es mir wichtig, das in der ersten Spielzeit oder in jeder Spielzeit darzustellen."

Wenn nun also aus dem wie auch immer gearteten Trojanischen Pferd das Unheil über ein Volk kommt, wirkt die Aktualität dieser Neuproduktion beklemmender denn je. In romantischer Ekstase und einem der schönsten Liebesduette überhaupt werden die eingesprungene Weißrussin Jekaterina Sementschuk als Didon und der amerikanische Tenor Gregory Kunde als Enée trotzdem agieren.

Eben der Kontrast von Gewalt und Liebe, Krieg und Frieden, Gut und Böse, wie es sich Regisseur Christoph Honoré bei Vertragsunterzeichnung so erfrischend ahnungslos vorstellte.

Service

Bayerische Staatsoper

Gestaltung

  • Susanne Lettenbauer

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