Buch des Monats "Schöne Ungeheuer".

ORF/ISABELLE ORSINI ROSENBERG

Juni

Wilfried Steiner, "Schöne Ungeheuer"

Wilfried Steiners Roman ist das Buch des Monats im Juni.

Der neue Roman von Wilfried Steiner führt nach Genf, in das Kernforschungszentrum CERN und damit mitten hinein in eine der Hochburgen der Physik. Dort sind die hellsten Köpfe aus allen Teilen der Erde damit beschäftigt, den Aufbau der Materie zu ergründen. Was etliche Leserinnen und Leser vom Thema her etwas abschrecken könnte. Aber keine Sorge: Eigentlich geht es in diesem Buch beileibe nicht nur um Higgs-Teilchen, Protonen und Lichtgeschwindigkeit, um Relativitätstheorie und Quantenmechanik oder die Rätsel der Entstehung unserer Welt.

Wilfried Steiner wählt dieses Setting vielmehr, um uns die Hybris des Forschergeists darzulegen und uns zugleich in die Tiefen emotionaler Obsessionen zu schicken. Dort wüten mächtige Gefühle wie Neid, Eifersucht und Gier und dazu der an Wahnsinn grenzende Ehrgeiz, sich für immer im Buch der Menschheit zu verewigen und dabei ordentlich Geld einzustreichen.

Schöne Täuschung

Steiner verzahnt einen Kriminalfall im Wissenschaftsmilieu mit dem Inhalt eines legendären und darin fast prophetischen Buchs, das ins 19. Jahrhundert und in die Epoche der Romantik zurückführt. Mary Shelleys "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" ist ein Klassiker der Schauer- und Horrorliteratur und war Stoff zahlreicher Filme. Er gilt als bahnbrechender Kommentar zum Hochmut des Menschen, der sich anmaßt, in seinem Schöpferwillen gottähnlich zu agieren. Shelleys Roman, dessen Entstehungsgeschichte in Genf wurzelt, ist bei Steiner mit der im Heute verankerten Haupthandlung unserer Tage verwoben. Damit verweist der Autor die Welt der Quarks, Higgs-Teilchen und schwarzen Löcher in die Schranken, öffnet den Band ins Poetisch-Philosophische und gibt ihm damit eine zusätzliche Dimension.

Wilfried Steiner lässt in seinem Roman von den "Schönen Ungeheuern" schon im Titel jene Täuschungen anklingen, denen wir so leicht auf den Leim gehen. Wo die Eleganz mathematischer Formeln auf die Unberechenbarkeit der Emotionen trifft, entsteht leicht Chaos, das nicht zu bändigen ist. Was uns einmal mehr zeigt, wie leicht jenes Raumschiff, das man Leben nennt, aus der vermeintlich sicher abgezirkelten Bahn rast.

Service

Wilfried Steiner, "Schöne Ungeheuer", Roman, Otto Müller Verlag, 320 Seiten

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