SARA POOLEY
Architektur als sozialer Kit
Kiesler-Preisträger Theaster Gates
Der Friedrich-Kiesler-Preis für Architektur und Kunst wird alle zwei Jahre vergeben - die Preisverleihung 2021 wurde verschoben und konnte jetzt nachgeholt werden: Theaster Gates ist der Preisträger, ein US-Amerikaner, der Kunst, Architektur, Kulturgeschichte und Städtebau unter einen Hut bringt. Er verbindet soziales Engagement mit Stadterneuerung, Black History mit Gemeinschaftsbildung. In der Kiesler-Stiftung auf der Wiener Mariahilfer Straße ist jetzt seine Videoinstallation "Public Notice" zu sehen.
18. Juli 2022, 02:00
"Mit Theaster Gates würdigt die Kiesler-Preis-Jury einen Konzeptkünstler, der nicht innerhalb des etablierten Systems der Architektur und der Kunstwelt agiert, sondern durch eine sehr ungewöhnliche und eigenwillige Praxis zu Handlungsmacht gefunden hat", heißt es in der Jury-Begründung.
"Sein künstlerischer Ansatz zeichnet sich durch Transdisziplinarität, Respekt, Inklusion und partizipative Prozesse aus. Das wichtigste Ziel seiner Arbeit ist sozialer Wandel, räumliche Transformation und Ermächtigung."
Bettina Götz, Veronica Kaup-Hasler, Theaster Gates, Elke Delugan-Meissl, Gerald Bast und Gerd Zillner.
JORIT AUST
Ankunft in der Post-Postmoderne
Friedrich Kiesler, jener visionäre Architekt und Künstler, nach dem der mit 55.000 Euro dotierte Preis benannt ist, hatte stets den Menschen im Blick - also die Benutzerinnen der Architektur - und die Frage, wie Räume das Zusammenleben verbessern können. Und das ist auch Theaster Gates‘ Anliegen: Architektur, Raum und Stadt als soziale Bindemittel zu verwenden - mit Rücksicht auf Geschichte. "Ich denke, wir haben uns vom Fokus der Moderne - auf das Bauwerk, statt auf die Menschen - hinbewegt zu einer Art Post-Postmoderne, in der das Bauwerk nebensächlich ist", so der Künstler bei seinem Kurzbesuch in Wien. "Wenn man die Menschen in den Vordergrund stellt und das eigene Ego hintan, dann kommen tatsächlich interessantere Projekte zustande."
Gute Architektur ist wandlungsfähig!
Mit seiner Rebuild Foundation hat Theaster Gates in der South Side, einem verarmten Stadtteil von Chicago mit üblem Leumund, verfallende Häuser gekauft und renoviert - als Gemeinschaftsprojekte, die von den Menschen vor Ort genutzt werden. Ein ehemaliges Bankhaus wurde zum Hauptquartier der Rebuild Foundation; es enthält eine Bibliothek, ein Medienarchiv und dient als Gemeinschaftszentrum. Allein der Wiederaufbau von Ruinen bewirke eine Verbesserung der Stimmung im Viertel, so der afroamerikanische Künstler: "Wenn baufällige Häuser erhalten werden und die Architektur belebt wird, findet die Nachbarschaft zusammen. Wenn also jemand sagt, hey, ich würde gern ein Café eröffnen, oder ich möchte im Gemeinschaftsgarten ein Fest feiern, versuchen wir das zu ermöglichen. Die Räume werden dabei an die Bedürfnisse angepasst. So haben wir zum Beispiel die Kunst-Bank während der Pandemie als Depot für Lebensmittel verwendet. Gute Architektur ist wandlungsfähig!"
Dorchester Projects, Chicago, 2014
SARA POOLEY
Stiftung mit offenem Gebaren
In der Kiesler-Stiftung zu sehen ist die Videoinstallation "Public Notice", die Theaster Gates 2019 für die Chicago Architekturbiennale entwickelt hat; sie zeigt eben solche Bauten, die vor dem Verfall gerettet werden konnten, mit Archiv-Aufnahmen und Performance-Elementen. "Der Film wurde für die Chicagoer gemacht. Es gab große Neugierde über die Besitzverhältnisse unserer Häuser, über die Finanzierung - also habe ich beschlossen, das ganze Projekt offenzulegen, inklusive der Verträge und Transaktionen. Jeder kann dieses Buch einsehen. Der Film ‚Public Notice‘ ist der Versuch, diese Bekanntmachungen und die Transformationen der Bausubstanz künstlerisch zu verbinden, auch mit dem Archivmaterial und unseren Kulturprogrammen, vor dem Hintergrund der Schönheit des Verfalls."
"Black Chapel", Serpentine Pavillon
APA/AFP/NIKLAS HALLE'N
Pavillon in London, Ufer in Liverpool
Für den Hyde Park in London hat Theaster Gates den diesjährigen Serpentine Pavillon entworfen - als Ort der Ruhe in der Hektik der Großstadt. Und mit dem britisch-ghanaischen Architekten David Adjaye entwickelt er ein Konzept für die Revitalisierung des Hafengebiets von Liverpool. Dabei wird die Geschichte des Sklavenhandels eine Rolle spielen - hier wurden die Frachtschiffe für den Transport von Sklaven und die Ketten, mit denen sie gefesselt waren, angefertigt. Historische Tatsachen wie diese gilt es anzuerkennen, so Theaster Gates, und in die Stadt der Gegenwart einzuschreiben. Um diese Gegenwart besser zu versehen.
Kunstwerke in "Black Chapel"
APA/AFP/NIKLAS HALLE'N
"Eine Wahrheit ist, dass jemand wie ich nicht in den Vereinigten Staaten leben würde, wenn es den Sklavenhandel nicht gegeben hätte. Meine Geschichte wäre eine andere. Mein Körper wäre nicht in Amerika, sondern in Westafrika und meine Familie wäre unangetastet. Dass mein Körper in Amerika ist, ist Zeugnis der Wahrheit der Sklaverei. Wir wollen darüber nicht als Qual sprechen können, sondern als Tatsache der Geschichte des Ortes", sagt der Kiesler-Preisträger 2021.
Service
Theaster Gates
Friedrich Kiesler Stiftung
Gestaltung
- Anna Soucek
