Lothar Knessl

Johannes Cizek

RSO Wien Modern live

Knesslmania

Ein persönlicher Rückblick auf die gemeinsame Lebens- und Arbeitszeit mit Lothar Knessl. Von Christian Scheib

In den 1990er Jahren verbrachten Lothar Knessl und ich viel Zeit, auch viel öffentliche Zeit, miteinander in unserer Funktion als die zwei "Musikkuratoren des Bundes", eingesetzt von Rudolf Scholten, damals Minister für Unterricht und Kunst.

Im Gegensatz zu anderen ministeriellen Kuratoren waren wir dezidiert gemeinsam mit dieser Aufgabe betraut worden. Das führte zur gemeinsamen Gründung des mica, also des Musikinformationszentrums, zur Neuausstattung des Klangforums Wien, zur Gründung des aufwendigen Schulprojekts "Klangnetze" zu Kompositionsseminaren für junge österreichische Musikschaffende mit Helmut Lachenmann, Sylvano Bussotti, Maryanne Amacher, Alvin Lucier, Tom Cora, Guy Klucevsek und vielen anderen mehr. Aber dass Lothar und ich einander schon kannten und vertrauten, liegt natürlich an unserer Vorgeschichte bei Ö1.

Wir kannten uns von Ö1

In den Begräbnisreden für Lothar Knessl wiesen Veronica Kaup-Hasler, Kulturstadträtin von Wien, und Sven Hartberger, engster Vertrauter von Lothar Knessl in den letzten Jahren und langjähriger Chef des Klangforums Wien, darauf hin, dass es zu den bestechendsten Eigenschaften von Lothar zählte, in seinem beruflichen Umfeld trotz all seines umtriebigen Aktionismus immer Platz für andere zu lassen (so formulierte es Kaup-Hasler, und wer könnte davon ein schöneres Lied singen als ich selbst), sowie ein Leben lang gnadenlos positiv zu agieren, wie Sven Hartberger es mit seiner Hervorhebung von Lothar Knessls lebenslanger Konzentration auf das Interessante, das Gute, das Hervorstechende, das im positiven Sinn Aufregende auf den Punkt brachte. Beides, die Wertschätzung von Kolleg:innen ebenso wie die Wertschätzung von und Suche nach Qualität, hat auch unsere Zusammenarbeit über mehrere Jahrzehnte geprägt.

Wir kannten uns vom Radio, von Ö1, von der zeitgenössischen Musik. Er war seit 1968, also seit der Gründung des Senders, bei Ö1 in Sachen zeitgenössischer Musik tätig, ich bin ziemlich genau 20 Jahre später eingestiegen. "Studio Neuer Musik" hieß damals die mittwöchliche Ö1 Geheimwaffe für zeitgenössische Musik. Ich stieg dort als Sendungsgestalter ein und überzeugte ziemlich bald die damalige Ö1 Musikchefin, Andrea Seebohm, davon, dass wir statt einmal in der Woche doch besser an jedem Wochentag Zeitgenössisches mit dem Sendetitel "Zeit-Ton" spielen könnten. Lothar Knessl zeigte sich, skeptisch lächelnd, dezent überrascht ob dieses Coups und blieb erfreut als Sendungsgestalter an Bord.

Geheimwaffe für Neue Musik

Nun hatte ich aber in den Monaten davor, am Beginn meiner Ö1 Zeit, leidenschaftlich gern "Diagonal"-Beiträge gemacht, und das war damals noch eine wirklich ganz andere - feuilletonhaft gestaltete - Welt, als es das Moderieren von Musiksendungen war. Ich besprach das mit ihm, weil ich wollte, dass auch unsere Sendungen bunter und abwechslungsreicher würden und dass wir dem Schema der bis dahin traditionellen Abfolge anspruchsvoller, schwieriger Moderationstexte, gefolgt von anspruchsvoller, schwierig zu hörender Musik, eine Alternative entgegensetzten.

Lothar überlegte nicht lang und fuhr im darauffolgenden Herbst erstmals mit einem Mikrofon ausgestattet zu den Donaueschinger Musiktagen. Wenn ich mich recht erinnere, trat daraufhin Wolfgang Rihm erstmals in Ö1 im O-Ton auf. Wir waren damit, um das jetzt so unverblümt zu sagen, ziemlich erfolgreich. Aus der früheren "Geheimwaffe" mit nur 2.000 Hörer: innen war in diesen Jahren Ende der 1980er und vor allem zu Beginn der 1990er ein volles Stadion mit täglich 20.000 Hörer:innen geworden. Mit dabei im Wiener Kernteam waren damals neben Lothar und mir als Sendungsgestalter noch Ursula Strubinsky, Andrea Zschunke und Reinhard Kager, dann auch Elke Tschaikner und Susanna Niedermayr, nebst Klaudia Zeininger als administrativer Kraft.

Unbekanntes, Junges, Qualitätsvolles

Selbstverständlich hat Lothar Knessl nie seine scouthafte Suche nach dem noch Unbekannten, dem Jungen, dem Qualitätsvollen aufgegeben. Seine Reisen zum Warschauer Herbst, zum musikprotokoll nach Graz und nach Donaueschingen dienten nicht zuletzt diesem Zweck. Dass ihn Wien Modern nun in einem Konzert ausschließlich mit Musik aus solch einer Schnittmenge der Jüngeren ehrt, ist da nur folgerichtig.

Lothar hat übrigens fast bis in sein 90. Lebensjahr "Zeit-Töne" gestaltet. 2015 hat er uns mitgeteilt, dass er jetzt mit dem Radiomachen aufhören werde. Wir waren so schockiert, dass Elke Tschaikner, die inzwischen Ö1 Musikchefin geworden war, ihn überredete, noch weiterzumachen. 2016 zog er sich dann endgültig vom Sendungsgestalten zurück. Wir gestalteten daraufhin zum Abschluss eine siebenstündige Sendung mit dem Titel "Knesslmania" mit ihm als Studiogast. Im Text zu dieser Abschiedssendung heißt es: "Nun lässt uns Lothar Knessl, inzwischen fast 90-jährig, wissen, er höre auf mit dem Gestalten von Radiosendungen. Das kommt uns vor, als ob der Mond verkünden würde, er höre auf mit dem Aufgehen. Aber im Gegensatz zum Mond, der davon lebt, dass er angestrahlt wird, hat Lothar Knessl immer selbst gestrahlt."

Gestaltung

  • Christian Scheib