Wolfgang Bankl und Ensemble

WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

Gleich und gleicher

"Animal Farm" live aus der Staatsoper

Eine neue Oper nach George Orwells "Animal Farm" - live aus der Wiener Staatsoper. Mit Gennady Bezzubenkov (Old Major), Wolfgang Bankl (Napoleon), Michael Gniffke (Snowball), Andrei Popov (Squealer), Stefan Astakhov (Boxer), Karl Laquit (Benjamin/Young Actress), Artem Krutko (Minimus), Margaret Plummer (Clover), Isabel Signoret (Muriel), Elena Vassilieva (Blacky), Holly Flack (Mollie), Daniel Jenz (Mr. Jones), Aurora Marthens (Ms. Jones), Clemens Unterreiner (Mr. Pilington). Orchester der Wiener Staatsoper; Dirigent: Alexander Soddy.

"Die Geschichte hat wirklich alles, was eine packende Oper ausmacht: eine klar strukturierte, dichte und nachvollziehbare Handlung, dramatische, anrührende, aber auch komische Elemente. Überhaupt sind singende Tiere eine Steilvorlage für die Opernbühne." So hat sich der venezianische Opernregisseur Damiano Michieletto über die im Jahr 1945 erschienene Fabel "Animal Farm" ("Farm der Tiere") von George Orwell geäußert.

Holly Flack, Isabel Signoret, Gennady Bezzubenkov samt Ensemble

Holly Flack, Isabel Signoret, Gennady Bezzubenkov samt Ensemble

WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

In dem aus Russland stammenden, seit den frühen 1990er Jahren im sogenannten Westen lebenden Komponisten Alexander Raskatow hat er den für ihn idealen Partner gefunden, auf Basis der mehrfach verfilmten Vorlage ein musikdramatisches Werk zu schaffen. Die Uraufführung im März 2023 in Amsterdam war ein großer Erfolg beim Publikum und rief begeisterte Pressestimmen hervor. Jetzt kommt die Koproduktion der Niederländischen Nationaloper, der Wiener Staatsoper, dem Teatro Massimo von Palermo und der Finnischen Nationaloper in Helsinki ins Wiener Opernhaus am Ring.

Es gibt zwölf Charaktere in dieser Oper und keiner ist zweitrangig

"Es gibt zwölf Charaktere in dieser Oper und keiner ist zweitrangig. Die Herausforderung für mich war, jedem Charakter eine unverwechselbare Stimme zu geben, die sich aus normaler Gesangstimme und Tierlauten zusammensetzt und jeweils eng mit der Handlung verknüpft ist."

Stefan Astakhov, Margaret Plummer, Isabel Signoret und Karl Laquit

Stefan Astakhov, Margaret Plummer, Isabel Signoret und Karl Laquit

WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

Die Illusionen des Westens

Der 1953 in Moskau geborene Komponist Alexander Raskatow hat Orwells Fabel erst spät kennengelernt, denn in seiner russischen Heimat und in vielen anderen kommunistischen Ländern jener Zeit war das Werk verboten. Der Roman schildert die Erhebung der Tiere auf einem verwahrlosten Bauernhof gegen die tyrannische Herrschaft ihres menschlichen Besitzers. Dieser Aufstand gelingt, doch bald schon bilden sich neue Machtstrukturen heraus, nach dem Motto "Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher!"

Die Schweine übernehmen die Führung, die in eine Gewaltherrschaft ausartet - weit schlimmer als jene menschliche, die die Tiere erfolgreich abschütteln konnten. Orwells Werk gilt als eine Parabel über die Perversion der russischen Revolution unter Stalins Diktatur, doch - wie man in den Pressetexten der Wiener Staatsoper lesen kann - "war Orwells Satire gar nicht primär auf die Sowjetunion bezogen, sondern auf die Illusionen des Westens über das sozialistische Wunderreich im Osten".

Die Mär von Freiheit und Sicherheit

Heutzutage, fast 80 Jahre nach der Entstehung von Orwells Klassiker über einen scheiternden Befreiungskampf, kann man das Werk in einem viel allgemeineren Kontext sehen - mit der bleibenden Frage, wie es möglich ist, dass Volksführer sich bei der Durchsetzung rücksichtsloser Macht- und Eigeninteressen einer kämpferischen Sprache von Freiheit und Sicherheit bedienen.

Damiano Michieletto hat das Geschehen nicht auf einem Bauernhof, sondern in einem Schlachthof verortet: "Die Figuren halten sich hier auf, um getötet zu werden. Sie sind in Käfige gesperrt und träumen von Freiheit. Ein Tier zu sein bedeutet hier, ein Sklave zu sein, Fleisch zu sein, ein Gegenstand in der Hand des Menschen", so der Regisseur in seinen eigenen Worten.

Text: Michael Blees, Audios: Judith Hoffmann