ORF/JOSEPH SCHIMMER
Gedanken für den Tag | 30 09 2024 – 05 10 2024
Hubert Gaisbauer, Publizist und Radiopionier
Einmal, vor etwa sechzig Jahren: Da war es so, dass der Österreichische Rundfunk noch nicht ORF hieß und dass dieser Rundfunk gefesselt war von einem sturen Parteienproporz.
22. September 2025, 13:36
Inspiration Radio
Damals, als ich 1962 zum ersten Mal mutig das Funkhaus betreten hatte, bin ich einem guten Geist begegnet, meinem "Entdecker" und bald väterlichem Vorgesetzten, dem Professor Franz Gregora. Er leitete nämlich die Abteilung "Erziehung und Familie".
Sie bildete getreulich den Zeitgeist ab: die Kinderstunde, der Heimatfunk, der Schulfunk, der Frauenfunk und der Kirchenfunk. Und in der Sendung "Hallo Teenager!" zum Beispiel durften geschnäuzte und gekampelte Vorzeigejugendliche aus Mustergymnasien einem Psychologen Fragen stellen.
Mitte 1965 überraschte mich besagter Chef eines Tages mit den Worten: "Sie sind ein junger Mensch, Sie machen das jetzt!" Und ich "machte das" - und er ließ mich gewähren.
In allen besseren Trafiken glänzte damals das deutsche Jugendmagazin TWEN: Fotos von Tuaregs in der Sahara, Slums in Indien und kreischenden Mädchen bei einem Beatles-Konzert. Eben der Zeitgeist der mittleren 60er Jahre: erwachendes kritisches Bewusstsein, mit einem Schuss Optimismus - noch ist ja Wirtschaftswunderzeit. So etwas auf Radio, ja, das schwebte mir vor.
Und ich nannte die neue Sendung: Magazin für Teens und Twens. Und statt einer braven Studiodiskussion gab es Statements von der Straße, freimütige Stimmen Jugendlicher zum Thema wie Demokratieverständnis, Entwicklungshilfe, Emanzipation, Konsumkritik. Erster Mitstreiter dabei war der musikalisch versierte Richard Goll. Er brachte plötzlich, Mai 1967, die erste Single von einem gewissen Jimi Hendrix ins Wiener Funkhaus: Hey Joe. Wenige Wochen vor der großen Rundfunkreform - und der Geburt von Ö1 und Ö3 - und der Musicbox.
Hubert Gaisbauer über Gerd Bacher
Als im Jahr 1966 ein gewisser Gerd Bacher sein Büro im Funkhaus in der Argentinierstraße bezog, war die Ära der politischen Apparatschiks und Aktentaschenträgerträger mit einem Schlag beendet. Gerd Bacher am Morgen im Aufzug zu begegnen, reichte als Motivationsschub für mindestens eine Woche: dieser offene, wohlwollende, ja, auch fordernde Blick mit diesem kräftigen "Guten Morgen!".
Mit Gerd Bacher zog die lebhafte Farbe gesunden Selbstbewusstseins ins devote Grau des Holzmeister-Baus. Denn plötzlich konnte das Medium Radio zeigen - was es kann, wenn es endlich darf, was es soll. Gerd Bacher war einer der sprachmächtigsten und sprachverliebtesten Menschen, die ich kennenlernen durfte. Seine Redeweise war so, als wäre jedes Wort unterstrichen und mit ein bis zwei Rufzeichen versehen. Und dennoch: Gerd Bacher war einer der zuhörfähigsten Menschen.
Selbst in kontroversesten Diskussionen hörte er mit größter Aufmerksamkeit zu, ohne bereits während der Worte des Gegenübers die Gedanken bei der eigenen Antwort zu haben. Ihm war sehr viel vom Geiste des Aufklärers Voltaire eigen: "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Was ich Gerd Bacher bis heute verdanke, ist jene Ur- und Grundermutigung zum bedingungslosen Einsatz für Bildung und Kultur, den man als sinnvolle Aufgabe erkannt hat.
In seinem Text "Gerd Bacher über Gerd Bacher" bezeichnet er als das stärkste Erlebnis seines Lebens "die zwei Stunden im Dezember 1983 beim Papst". Es war Johannes Paul II. "Ich habe mir damals ein paar Sachen für mein Leben vorgenommen", schrieb er.
Angeblich hat Gerd Bacher das Radio mehr geliebt als das Fernsehen, aber vielleicht hat er das nur den Radioleuten gesagt.
Hubert Gaisbauer über Sprechen im Radio
Ein Lob des Radios muss ein Lob auf die Sprache - oder besser auf das Sprechen sein. Denn Radio lebt - seit hundert Jahren - von Tönen aller Art, vor allem aber von dem lebendig gesprochenen Wort.
Einst war ja Radio - wenn auch mitunter steif und formelhaft - eine Sprach- und Sprechschule der Nation. Doch Sprache ist wehrlos, allen achtlosen Angriffen ausgesetzt. Sprache und Sprechen im Radio ist ein Messgerät, an dem ab-hörbar ist, wie viele schädliche Schmutzpartikel an Oberflächlichkeit, an Achtlosigkeit und Inhumanität in der Luft sind.
Wer Radio hört, kann prüfen, wie es den Menschen geht, und was an dem Wort Johann Gottfried Herders dran ist, wenn er vor mehr als 200 Jahren schreibt, dass sie, die Sprache, abbildet, wie es um die Kultur der Lebensart einer Gesellschaft bestellt ist.
Einst, vor sechzig, siebzig Jahren, wurden in unserem Land mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk erstmals auch die Grundlagen für ein freies Radio geschaffen. Ö1 zum Beispiel war und ist hoffentlich noch länger Radiokultur. Radiokultur muss ja der Exorzismus der Flüchtigkeit sein, denn eine gute Sprache und ihre Zuhörer brauchen Zeit, und die Zeit braucht eine gute Sprache - und gute Zuhörerinnen und Zuhörer, denn nur Menschen, die zuhören können, haben einen kritischen Kopf und ein warmes, lebendiges Herz.
"Sie müssen nicht denken, bevor Sie sprechen", sagte Elfriede Jelinek einst in der Dankesrede für einen großen Radiopreis, "aber Sie müssen denken, wenn Sie zuhören." Und daran ändert auch der Zeitgeist nichts.
Hubert Gaisbauer über Christine Nöstlinger
Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich - heute noch - an den Dschi Dsche-i Wischer Dschunior erinnern! Nach mindestens zwei Generationen! Die unvergessene Christine Nöstlinger hat dieser Figur einst Leben eingehaucht, wie später auch dem Radiohund Rudi.
In einer renommierten Tageszeitung hat "die Nöstlinger" vor Jahren eine Liebeserklärung an das "gute alte Dampfradio" geschrieben. Und ich zitiere: "Eine Liebeserklärung ans gute, alte Dampfradio, das samt seinen Maschinisten schön langsam in Pension gegangen ist. Wer bei diesen irgendwann einmal vielleicht das Kesselheizen gelernt hat, steht im "Leo" und trotzt wacker dem Zeitgeist." Soweit die Christine Nöstlinger.
Von solchen und anderen Begegnungen und Inspirationen soll in dieser Woche die Rede sein, von Erinnerungsfragmenten an Glücksmomente und an Menschen, die von dem beseelt waren, was man einst Radiokultur genannt hatte. Diese Kultur ist noch immer lebendig.
Der erzkonservative Schriftsteller und Radiopionier Rudolf Henz hat schon Mitte der sechziger Jahre - wörtlich - "schlecht beratenen Managern und Politikern" vorgeworfen, sie würden vom Radio "nur Entspannung fordern" und dass es mit dem - Zitat - "Blödsinn wie Hörspiele, Vorträge und Ähnlichem" aufhören sollte. Rudolf Henz: "Das Verhängnis beginnt überall dort, wo politische Taktiker über kulturelle Fragen entscheiden."
Ja, ich gestehe, ich war der Inspiration Radio ein Berufsleben lang hörig. Und zwar im ehemaligen Funkhaus im 4. Bezirk, Argentinierstraße 30a. Dieses Funkhaus war - obwohl keine 100 Jahre - wirklich ein Kraftort.
Hubert Gaisbauer über Erich Schenk
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können", sagte Erich Schenk zu Beginn der Sendung "Menschenbilder", die seinem Leben gewidmet war. Erich Schenk, nicht Otto. Für ihn war das Radio ein imaginärer Ort der Pflege von Kultur in des Wortes innerstem Gehalt.
In den 20er und 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts waren Erich Schenk und das Radio jung und einander schon zugetan. Er erzählte einmal, dass ihm das Märchen vom Zwerg Nase in einer Hörspielfassung gehört und einen tiefen Eindruck hinterlassen habe. Für viele Menschen waren ja solche frühen Radioerlebnisse prägend für ein ganzes Leben.
Weil sein Vater jüdischer Abstammung war - konnte er sein Jusstudium erst nach 1945 abschließen. Aber die Jurisprudenz war nicht sein Leben. Er suchte zeitlebens den Sinn im Wort, dem Dichterischen, sei es auf der Bühne oder - sehr bald - vor dem Mikrophon. Er wirkte bei vielen Hörspielen mit, die - damals bei der RAVAG - natürlich alle live gesendet wurden. Es gab ja noch kein Tonband. Dann in unzähligen Sendungen des Schulfunks.
Erich Schenk - also eigentlich Doktor Erich Schenk - war mit seiner charakteristischen Stimme geradezu prädestiniert für weise, gütige, mitunter auch störrische Alte. Der Schulfunk war ja eine nationale Bildungseinrichtung via Radio von höchstem Rang und nicht nur "als Ergänzung zum Schulunterricht", wie die zwei Stunden am Vormittag öffentlich begründet wurden.
Unvergessen ist Erich Schenks alljährliche Sendung, jahrzehntelang, immer zu Silvester, am letzten Tag des Jahres. Er erinnerte an die während des Jahres verstorbenen Menschen öffentlichen Interesses. Der Name Erich Schenk steht damit für eine Kultur der würdigenden Nachdenklichkeit. Mir geht ein Satz aus einem Brief des Hugo von Hofmannsthal nicht aus dem Kopf, der gut das Motto des Dr. Erich Schenk gewesen sein könnte: "Ich achte so gern!"
Hubert Gaisbauer über Radiomenschen
Ein Radioerlebnis. In meiner Heimat, im Mühlviertel. Es ist Sonntag, am Vormittag gegen halb elf. Ein Reihenhaus, ein offenes Garagentor. Und ich höre - das Glaubensbekenntnis. Ein Mann putzt sein Auto und hat das regionale ORF-Radio eingeschaltet. Während er liebevoll die Kotflügel poliert, liest eine Frau im Radio Fürbitten, wie sie halt so gelesen werden. Ich bleibe stehen, irgendwie verwundert, dass er die Messe im Radio hört. Ja wissens, sagt er, des is die oanzige Zeit, wo i zuaheer, beim Autowaschn. Ob er die Predigt auch gehört hat, frage ich. Freuli, er hat hoid gredt wia die Pfarrern redn. Aber, wer wü, der kann se oiweul was aussanehma!
Fährleute sind sie, die Radioleute. - So könnte ein Lob auf die Radiomenschen beginnen. Die Unbeirrten unter ihnen widerstehen der Unerreichbarkeit für das "Gottschöne", wie es Peter Handke nennt. In Musik, in Poesie, ja auch in Religion.
Noch immer laden diese Fährleute mit ihrem Radio ein - zum Anlegen an den Ufern der Dauer, des Verweilens, des Aushaltens. Manches Wort, mancher Ton sucht sich dann schon selber den Weg übers Ohr ans Herz.
Ja, Radio hören ist eine Kunst, die Kunst der Beharrlichkeit. "Sei geduldig und harre, irgendwann wird dir auch der Schmerz ein Gewinn sein." Dieser Satz aus der XI. Elegie des Ovid kann als Empfehlung gelten - für das Hören schwieriger, nicht hörkomfortabler Sendungen:
Wer nach kaum einer Minute abdreht, nur weil das Ohr nicht gleich gehorsamst entzückt war, versäumt oft das Wertvollste. Nimmt dem Wort oder dem Ton die Chance des Ankommens in einer neuen Welt. Des Erschütterns vorgeprägten Bewusstseins. Radio kann der Seele wieder Flügel wachsen lassen, wenn ihr Gefieder schütter geworden ist.
Gestaltung: Alexandra Mantler
