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Radiokolleg
Dem Müll den Kampf ansagen
Die Welt erstickt im Abfall. In der EU wirft jede Person 130 Kilogramm Lebensmittel und 15 Kilogramm Textilien jährlich weg. Mit einem neuen Gesetz soll dieser Müll um 30 Prozent reduziert werden. Dazu kommen weltweit weitere 350 Millionen Tonnen Plastikmüll pro Jahr, der Großteils achtlos weggeworfen wird. Wie schaffen wir die Wende zu einer Gesellschaft ohne Müll? Einige Initiativen und Innovationen haben dem Müll den Kampf angesagt.
26. Jänner 2026, 07:09
Wir haben Müll gefischt.
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Im Sommer lag eine Postkarte im Briefkasten. "Bin gerade im Zug von Kopenhagen nach Göteborg. Wir waren gestern im Kanu kajaken mit Mistkübel und Zange und haben Müll gefischt. Liebe Grüße Karin."
So wie Karin machen es mittlerweile viele Touristinnen und Touristen in Kopenhagen. Sie leihen sich ein Kayak bei der NGO GreenKayak und dürfen gratis in den Kopenhagener Seen paddeln, wenn sie dabei Müll aufsammeln.
Vorbild Kopenhagen
„Wir sind auf dem besten Weg, einen neuen Meilenstein zu erreichen: 100.000 Menschen, die unsere Kajaks genutzt haben. Das ist schon ein Grund zum Feiern“, sagt Tobias Weber Andersen, der die Idee zu "GreenKayak" hatte. Seit 2017 haben die Paddler 150 Tonnen Müll eingesammelt, was eine unglaubliche Menge ist, da es sich ja um sehr leichte Gegenstände wie Plastiksackerl, Plastikflaschen oder Bierbecher handelt. "Es ist sehr wichtig, dass wir den Müll aus dem Wasser holen, denn wenn wir das nicht tun, sinkt er auf den Meeresboden oder schwimmt ins offene Meer und bleibt dann dort für Tausende von Jahren."
Immer mehr Städte und Gemeinden wollen dem Beispiel Kopenhagens folgen und sind bereit GreenKayak zu finanzieren. Die grünen Boote gibt es mittlerweile in fünf Ländern. Die Mission von GreenKayak ist ambitioniert, die Aktivisten bleiben aber in ihrer Zielsetzung realistisch: "Wir sind nicht diejenigen, die die Ozeane vor der Plastikverschmutzung retten werden, aber wir wollen etwas bewirken, indem wir die Einstellung der Menschen verändern."
GreenKayak in Hamburg
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Plastikmüll sammeln und recyclen
Jedes Jahr landen mehr als 19 Millionen Tonnen Plastikmüll im Meer. Gibt es im Meer bald mehr Plastik als Fische? Umweltschützer befürchten das bereits für das Jahr 2050 – zumindest, wenn man das Gewicht vergleicht. Im Meer treiben schon fünf riesige Plastikstrudel. Es gibt hoffnungsvolle Initiativen, die dem Plastik den Kampf ansagen. Der Niederländer Boyan Slat zum Beispiel errichtet mit der Initiative "The Ocean Cleanup" schwimmende Barrieren, die den Plastikmüll auf den Meeren sammeln und ihn dann recyclen. Das Projekt will bis 2040 mindestens 90 Prozent des Plastikmülls aus den Ozeanen entfernen. Aber auch in die schmutzigsten Flüsse der Erde schickt der Niederländer sogenannte Interceptor-Systeme-Schiffe, die den Müll einsammeln.
Kann das die Lösung sein? Immer mehr Müll zu machen und ihn dann einzusammeln? Könnten wir nicht stattdessen auf eine Gesellschaft zusteuern, die nicht so viel Müll produziert? Noch dazu Müll, der uns Jahrhunderte lang belastet? Ein Bild ist besonders deutlich: Wenn Leonardo da Vinci eine Plastikflasche benutzt hätte, könnte man sie noch heute neben seinem Bild im Museum aufstellen.
Eine Welt ohne Abfall
Ein neuartiges Material könnte das Ende der Plastik-Ära einläuten. Die Erfinderin Anne Lamp nutzt Reststoffe aus der Getreideverarbeitung und verarbeitet sie zu einem Granulat, das Plastik ersetzen könnte. Traceless ist ein Material, das innerhalb von 12 Wochen spurlos verschwindet. Es kann für Verpackungen, für Folien und vieles mehr eingesetzt werden. Gerade wird in Hamburg eine große Produktionshalle gebaut, denn der Bedarf wird aufgrund der neuen EU-Gesetze steigen.
„Pro Minute landen etwa fünf bis zehn LKW Ladungen Plastikmüll in der Umwelt. Und mit unserer Anlage, wollen wir ab 2028 den Großindustriellen Maßstab erreichen. Dann können wir einen halben LKW pro Minute an Kunststoffmüll ersetzen. Und das sind nur wir“, hofft Anne Lamp auf noch viele andere Akteure, die den Müllberg reduzieren. „Eine Welt ohne Abfall, das hat mich schon lange angetrieben. Und mit dieser Innovation sehe ich das Potenzial, dass es eine Lösung gibt!“
Das Radiokolleg „Weniger Müll“ ist eine Kooperation mit 3sat und Matthias Widter von RAUM.Film. Die dazugehörige Fernsehdokumentation „Eine Gesellschaft ohne Müll“ ist in der 3sat Mediathek zu finden.
